Instrumentendrill und musizierende Sanitäter

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Das Musikschultrio wird nicht mit Lob verwöhnt. Doch genau das sei Theiles Weg zum Erfolg. ▪

WERDOHL ▪ „Ich weiß es nicht“, sagt Martin Theile. Und es erschallt sein lautes, charakteristisches Lachen. Soeben hat ihn Dr. Anne Hermes bei der jüngsten Ausgabe der „Werdohler Gespräche“ in der Stadtbücherei gefragt, wie er es eigentlich schaffe, Jugendliche zum Musizieren zu motivieren. „Ich bin einfach so, wie ich bin“, schiebt Theile hinterher.

Und was das bedeutet erläutert er dann auch. Er wettert gegen den Instrumenten-Drill, wie er zu Zeiten seiner Jugend noch geherrscht habe: „Ich darf einem Kind nicht einfach eine Blockflöte in die Hand drücken, sondern muss die Lust auf Musik wecken.“ Gleichwohl: „Ich bin kein Freund des großen Lobens.“ Zustimmend kichern seine Schülerinnen im Publikum. Theile ergänzt: „Ein Lob muss schon etwas Besonderes sein.“

Vor gut 25 Zuhörern präsentiert sich Theile einmal nicht nur als Dirigent und Musikschullehrer oder -leiter. Der private Mensch kommt gut zum Vorschein, wenn sich der Blasmusik-Fan gleich zu Beginn erinnert, wie er zu seinem Stamm-Instrument gekommen ist. Eigentlich, so Theile, habe er Querflöte lernen wollen. In dem Musikverein, in dem sein Vater in Drolshagen probte, sei der Querflötenspieler „echt cool“ gewesen - und das Instrument selbst habe „so schön geglitzert“.

Als der damals siebenjährige Martin dem Leiter des Musikvereins über seinen Wunsch aufklärte, antwortete dieser diktatorisch: „Schön, dass Du ein Holzblasinstrument erlernen willst. Aber Flötisten haben wir genug, Du lernst Klarinette.“ Theile tat wie ihm geheißen war. Und er blieb dabei. Querflöte kann er übrigens heute noch nicht spielen.

Jeden Abend - mit Ausnahme des Dienstags - habe er Proben, mal mit jenem, mal mit diesem Ensemble. „Wenn Du da mal keine Lust oder schlechte Laune hast, musst Du das überspielen.“ Ansonsten reiße er ja gleich ein ganzes Ensemble mit runter. „Doch das private auszublenden, gelingt mir nicht immer“, gesteht Theile.

Wenn dann Feierabend ist, legt er seine Leidenschaft ab - und geht zur Entspannung in den Wald, zum Wandern. „Ich höre privat nie Musik.“ Auch im Autoradio laufen allenfalls die Nachrichten. Privat ein Konzert besucht habe er zuletzt vor eineinhalb Jahren. Und dann achte er nur auf Fehler der Instrumentalisten. Genuss sei das für ihn keineswegs.

Seit gut einem Jahr ist Theile Leiter der Musikschule Lennetal. 1998 machte er Abitur. Anschließend ging er zum Stabsmusikcorps der Bundeswehr. Es kamen Auftritte in den großen Hallen Deutschlands, auch vor Helmut Kohl, Jacques Chirac und Gerhard Schröder. Als Soldaten seien alle Musiker bei der Bundeswehr Sanitäter, erklärte Theile. „Doch ich würde davon abraten, sich von einem Musiker verarzten zu lassen.“

Zwar sei er für diese zwei Jahre dankbar. „Aber ich brauche meine Freiheit und musste weg von der Bundeswehr.“ Also studierte Theile in Maastricht Blasmusik-Dirigent und im Nebenfach Saxofon. „Blasmusik schleppt in Deutschland zu Unrecht den Mief von Rumtata und Polka mit sich“, begründet er, warum er im Ausland lernte.

Sofort nach dem Studium kam er nach Werdohl an die Musikschule, wo er auch heute noch leidenschaftlich agiert. Zum Komponieren bleibe ihm da keine Zeit mehr. „Das ist nämlich eine äußerst mühselige Arbeit.“ Außerdem ist es ihm wohl auch zu einsam. Theile liebt das gemeinsame Tun: „Die Ensemble-Arbeit ist das Herzstück der Musikschule.“ Dort erlerne er nicht nur das Spielen eines Stückes, „sondern immer wieder auch ganz viel von den anderen“.

Und so ist Theile in seine eigene Jugend zurückgekehrt. Denn er beschreibt die „für einen Heranwachsenden enorm wichtige Zeit im Alter von zehn bis 20 Jahren“ mit den Worten: „Die habe ich komplett in der Musikschule verbracht.“ Und so sei sein Beruf auch schon immer klar gewesen: „Ich hätte nie etwas anderes machen können - nie.“ Auch wenn er zuhause nie eine CD auflege, gelte: „Musik ist einer meiner größten Lebensinhalte.“ Und die Wände der Stadtbücherei erzittern wieder. Martin Theiles charakteristisches Lachen beendet den Abend, wie es ihn auch eingeleitet hat.

Michael Koll

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