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„Inoffizielle Impflicht“: Pflegeschule im MK bekommt ungeimpfte Azubis nicht mehr vermittelt

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Von: Volker Heyn

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Eine Impflicht in der Pflege soll nach den Plänen der Politik eingeführt werden. In der Praxis gibt es diese Pflicht aus Sicht des Leiters einer Pflegeschule im MK längst.
Eine Impflicht in der Pflege soll nach den Plänen der Politik eingeführt werden. In der Praxis gibt es diese Pflicht aus Sicht des Leiters einer Pflegeschule im MK längst. © Sven Hoppe/dpa

Interessante Sichtweisen auf die bevorstehende gesetzliche Impfpflicht für die Pflegeberufe vermittelt Sylvio Wienbeck, Leiter und Geschäftsführer der Liebeskind Care Academy auf dem Riesei.

In dieser Pflegeschule werden Männer und Frauen im Pflegeberuf ausgebildet, Wienbeck hat als Lehrer und Partner seiner Auszubildenden das Ohr ganz nah an der Basis.

Seine Feststellung: „In manchen Häusern besteht schon jetzt eine inoffizielle Impfpflicht.“ Die Care Academy leistet den theoretischen Teil der Ausbildung, für den praktischen Teil ist die Pflegeschule auf zahlreiche Partner weit über den Märkischen Kreis hinaus angewiesen. Wienbeck besucht immer wieder solche Kooperationspartner: Seniorenzentren, Krankenhäuser, ambulante Pflegedienste. Ganz konkret hat er große Schwierigkeiten, ungeimpfte Pflegeschüler zur praktischen Ausbildung unterzubringen.

Ausbildungsmöglichkeit wird eingeschränkt

Als Beispiel für eine interne Impfpflicht nennt Wienbeck einen ambulanten Pflegedienst, der in einer Stadt ein Alleinstellungsmerkmal hat. Wienbeck: „Der will nicht durch ungeimpfte Pflegepersonen das Virus von Bett zu Bett tragen lassen.“ Ungeimpfte Pflegeschüler seien deshalb im Moment kaum an Partner-Einrichtungen zu vermitteln. Die praktische Ausbildungsmöglichkeit der Pflegeschule werde damit eingeschränkt.

Bei der Liebeskind Care Academy gebe es zwischen zehn und 14 Prozent ungeimpfter Schülerinnen und Schüler, genauer kann es Wienbeck nicht sagen. Pro Kurs seien das drei bis vier Personen – eine nicht unerhebliche Zahl.

Schülerin braucht neuen Ausbildungsplatz

Noch ein Beispiel aus der Praxis: Ein Träger habe eine Schülerin abgewiesen, die zwar zwei Mal geimpft ist, sich aber nicht boostern lassen möchte. Diese Pflegeschülerin braucht jetzt einen neuen praktischen Ausbildungsplatz. Es dürfte schwer sein, einen zu finden.

In der Pflegeschule auf dem Riesei ist das Problem auch so schon groß. Alle Mitarbeitenden werden zwei Mal pro Woche getestet, die Ungeimpften müssen fünf Mal die Woche getestet werden. Für die Care Academy ist das teuer: Kosteten Tests früher 80 Cent, sind die Preise heute auf drei Euro angestiegen. Wienbeck: „Ich habe neulich 500 Stück bestellt, aber nur 180 bekommen.“ Die Impf-unwilligen werden zum Testzentrum geschickt, das ist glücklicherweise sehr nahe. Weil die ungeimpften Schüler kaum noch vermittelbar sind, liefe es vermutlich darauf hinaus, dass Ungeimpfte nicht weiter ausgebildet werden können.

Wienbeck für „weltweite Impfpflicht“

Wienbeck plädiert aufgrund seiner beruflichen Biografie persönlich für eine „weltweite“ Impfpflicht. Eine Impfpflicht nur für bestimmte Berufsgruppen oder Einrichtungen sieht er skeptisch. Als Schulleiter frage er sich – sicherlich etwas provokant – ob das Übertragungsrisiko im Pflegebereich tatsächlich höher sei als beispielsweise in der Metallindustrie oder im Supermarkt.

Mitten in der Corona-Pandemie im Oktober 2020 öffnete die Pflegeschule Liebeskind Care Academy in Werdohl. Die wahrscheinlich bevorstehende Impfpflicht für die Gesundheitsberufe führt jetzt schon dazu, dass ungeimpfte Auszubildende keine praktische Ausbildung bei den Partnern der Pflegeschule bekommen.
Mitten in der Corona-Pandemie im Oktober 2020 öffnete die Pflegeschule Liebeskind Care Academy in Werdohl. Die wahrscheinlich bevorstehende Impfpflicht für die Gesundheitsberufe führt jetzt schon dazu, dass ungeimpfte Auszubildende keine praktische Ausbildung bei den Partnern der Pflegeschule bekommen. © Heyn, Volker

Seine jüngsten Erfahrungen im Gespräch mit Trägern zeigten jedenfalls, dass manche Einrichtungen die kommende Impfpflicht praktisch schon vorweg genommen hätten. Er vermute sogar, dass private Einrichtungen restriktiver damit umgingen als kommunale oder öffentliche Träger.

Wichernhaus: Keine vorweggenommene Impfpflicht

Eine solche vorweggenommene Impfpflicht gibt es beim Evangelischen Altenhilfezentrum Wichernhaus in Werdohl nicht. Leiterin Birgit Frerkes formuliert es zurückhaltend: „Die dringende Bitte zur Impfung ist bei unseren Mitarbeitenden angekommen.“ Bis auf zwei Personen seien alle Beschäftigten geimpft. Sie wisse nicht, wie sich diese beiden entscheiden würden, ob sie in der Pflege bleiben wollen oder eine Impfung verweigern und ausscheiden würden. Bei den Impf-Verweigerinnen handele es sich um einen „ganz speziellen Kundenkreis.“

Frerkes persönlich wünscht sich eine allgemeine Impfpflicht, eben nicht nur eine für bestimmte Gruppen oder Einrichtungen. Perthes als Arbeitgeber wolle keine Impfpflicht durchsetzen, man setze mit den Einrichtungen weiterhin auf Motivation, Überzeugung und Information. Frerkes: „Zwingen wollen wir niemanden.“

Zwiegespalten beim Thema Impfpflicht

Kerstin Liebeskind, Geschäftsführerin und Pflegedienstleiterin des ambulanten Pflegedienstes Liebeskind Care Plus in Plettenberg, steht dem Thema Impfpflicht zwiegespalten gegenüber. „Einerseits hätte man eine Pflicht vielleicht schon längst einführen sollen, wie andere Länder.“ Andererseits habe sie Verständnis für Menschen, die gegenüber einer Corona-Impfung Bedenken haben.

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