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Innenstadt im MK steht vor einem grundlegenden Wandel

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Von: Volker Griese

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„Hereinspaziert“, möchte Werdohls Wirtschaftsförderer Andreas Haubrichs scheinbar sagen. Nicht nur an der Freiheitstraße stehen einige Ladenlokale leer.
„Hereinspaziert“, möchte Werdohls Wirtschaftsförderer Andreas Haubrichs scheinbar sagen. Nicht nur an der Freiheitstraße stehen einige Ladenlokale leer. © Volker Griese

An den meisten Tagen der Woche ist die Werdohler Innenstadt wie ausgestorben. Klar, denn Geschäfte, die zum Einkaufsbummel ins Stadtzentrum locken könnten, sind rar geworden. Nun möchte die Stadt Werdohl die Innenstadt wiederbeleben – mit Geld, das das Land zur Verfügung stellt, und mit neuen Ideen für eine Nutzung der leerstehenden Ladenlokale.

Werdohl ‒ Andreas Haubrichs, Wirtschaftsförderer der Stadt Werdohl, hat genau Buch geführt: 13 Leerstände gab es im Jahr 2015, dann ging die Zahl runter auf acht im Juli 2020. Das war der Monat, in dem das WK Warenhaus gerade geschlossen worden war. Danach schnellte die Zahl der leerstehenden Ladenlokale bis August 2021 auf 15 hoch. Derzeit sind es noch 14 Geschäftsräume, die Interessierte anmieten könnten.

Um wieder Leben in diese verwaisten Läden zu bringen, baut die Stadt Werdohl unter anderem auf das Sofortprogramm zur Stärkung der Innenstädte und Zentren, das das Land Nordrhein-Westfalen im Jahr 2020 aufgelegt hat. Städte und Gemeinden können daraus Geld bekommen, mit dem verschiedene Maßnahmen zur Wiederbelebung von Innenstädten und Einkaufszentren finanziert werden können. Werdohl bekommt aus dem Fördertopf fast 570.000 Euro.

Das Fördergebiet umfasst große Teile der Freiheitstraße mit dem Eggenpfad und der unteren Neustadtstraße, die Bahnhofstraße und das eigentliche Bahnhofsviertel.
Das Fördergebiet umfasst große Teile der Freiheitstraße mit dem Eggenpfad und der unteren Neustadtstraße, die Bahnhofstraße und das eigentliche Bahnhofsviertel. © Stadt- u. Regionalplanung Dr. Jansen GmbH

Eingesetzt werden kann dieses Geld allerdings nur in einem festgelegten Fördergebiet, das im Wesentlichen die Freiheitstraße mit Brüninghaus-Platz, Eggenpfad und unterer Neustadtstraße sowie die Bahnhofstraße umfasst. Außerhalb dieser Grenzen liegende Geschäftsimmobilien können nicht gefördert werden. Der Wirtschaftsförderer begründet, warum sich Werdohl auf den Stadtkern konzentriert: Stationärer Einzelhandel sei allerorten auf dem Rückzug, nicht nur in Werdohl. „Die Innenstadt kann nicht mehr so groß sein wie früher“, sagt Haubrichs. Deshalb gelte es, die vorhandenen Mittel möglichst zielgerichtet einzusetzen.

Die alte Post an der Freiheitstraße steht nach dem Auszug der Deutschen Post teilweise leer.
Die alte Post an der Freiheitstraße steht nach dem Auszug der Deutschen Post teilweise leer. © Volker Griese

Eine Möglichkeit, mit den Fördermitteln Gutes für die Werdohler Innenstadt zu tun, ist die Subventionierung von Mieten: Eigentümer von Geschäftsräumen können diese etwaigen Interessenten für einen begrenzten Zeitraum zu einem deutlich reduzierten Kurs anbieten, die Mietzahlung wird durch Fördergeld aufgestockt. In einem Fall hat das schon funktioniert. Und es gebe weitere Interessenten, verrät Wirtschaftsförderer Haubrichs bei einem Gang durch die Innenstadt. So könnten möglicherweise schon sehr bald drei bis vier weitere Leerstände wieder gefüllt werden. „Es laufen Gespräche“, sagt Haubrichs. Mehr möchte er noch nicht verraten.

Bei der Suche nach neuen Mietern könne die Stadt natürlich nur helfen, wenn sie auch von einem Leerstand wisse, stellt Haubrichs klar. „Wir bekommen ja schon viel mit, aber die Eigentümer müssen sich auch bei uns melden.“

Nicht immer liegt es übrigens an fehlender Nachfrage, wenn Ladenlokale längere Zeit leer stehen. Beispielsweise berichtet Haubrichs von einem Geschäft in eigentlich guter Lage, für das es immer wieder einmal Anfragen gebe. Der bestehende Renovierungsstau schrecke aber Interessenten schnell wieder ab. „Das ist ein Problem, das wir leider an vielen Stellen haben“, legt Haubrichs den Finger in die Wunde. Hohe Mieten konnten Immobilieneigentümer in Werdohl schon seit vielen Jahren nicht mehr erzielen, weshalb dann auch kaum Geld vorhanden war, um in den Bestand zu investieren.

Förderprogramm: Werdohl erhält 567.824 Euro

Seit 2020 stellt das Land Nordrhein-Westfalen 100 Millionen Euro für ein Sofortprogramm zur Stärkung der Innenstädte und Zentren zur Verfügung. Damit werden Kommunen in Nordrhein-Westfalen dabei unterstützt, Leerstände zu füllen und neue Innenstadt-Allianzen zu schmieden. Werdohl gehörte 2020 zu den ersten 129 Kommunen, denen Fördergelder bewilligt wurden. Exakt 567.824 Euro können deshalb bis Ende 2023 in die Stadt an Lenne und Verse fließen. Mit dem Geld können die Kommunen zum Beispiel leerstehende Ladenlokale vorübergehend anmieten oder durch Zwischenerwerb vor Immobilienspekulanten schützen. Geld können aber auch Immobilieneigentümer erhalten, beispielsweise wenn sie Umbaumaßnahmen durchführen, um ihre Ladenlokale für neue Mieter attraktiver zu machen.

Doch auch hier könnte das Förderprogramm helfen, zumindest in kleinem Rahmen. Bis zu 7500 Euro pro Objekt können Eigentümer erhalten, um beispielsweise Rampen zu bauen, über die auch Rollstuhlfahrer oder Eltern mit Kinderwagen die Stufen zum Laden überwinden könnten. Auch für eine neue Innenausstattung oder Fenster könnte das Geld eingesetzt werden.

Einige Ladenlokale haben auch noch andere Schwächen: Das eine ist zu dunkel, weil es noch nicht einmal über ein Fenster verfügt, durch das Tageslicht hineinfallen könnte, ein anderes ist so klein, dass es nur für einen sehr begrenzten Kreis von Interessenten überhaupt infrage kommen dürfte. Ein drittes wiederum ist mit etwa 300 Quadratmetern Nutzfläche auf zwei Etagen zu groß für jemanden, der sich erst eine Existenz aufbauen möchte. Manchmal fehlen auch Kundentoiletten, um ein Ladenlokal einer neuen Nutzung zuführen zu können.

Das ehemalige Modehaus Wortmann an der Bahnhofstraße steht wieder leer, nachdem das zuletzt dort beheimatete Fitness-Studio ausgezogen ist.
Das ehemalige Modehaus Wortmann an der Bahnhofstraße steht wieder leer, nachdem das zuletzt dort beheimatete Fitness-Studio ausgezogen ist. © Volker Griese

Nicht immer sind die Chancen gut, ein leerstehendes Einzelhandelsgeschäft wieder mit Einzelhandel zu füllen. Genau genommen ist das nach Ansicht von Andreas Haubrichs sogar eher die Ausnahme. Die Werdohler müssten sich von der Idee verabschieden, dass ihre Stadt wieder zur Einkaufsstadt der 1980er-Jahre werde, meint er. Wer in Werdohl einkaufe, erledige Versorgungseinkäufe. Das Shoppingerlebnis suche der Kunde von heute in Großstädten wie beispielsweise Dortmund.

„Das ist ein Phänomen, das nicht nur in Werdohl zu beobachten ist, sondern auch in vielen anderen Städten. Die Coronpandemie hat diese Entwicklung zuletzt noch beschleunigt“, unterstreicht Haubrichs seine These.

Beste Lage an der Freiheitstraße, aber seit dem Aus von Chica Style Ende 2020 steht das Ladenlokal leer.
Beste Lage an der Freiheitstraße, aber seit dem Aus von Chica Style Ende 2020 steht das Ladenlokal leer. © Volker Griese


Der Einzelhandel verliere zunehmend seine früher dominierende Rolle in den Innenstädten, ist Haubrichs überzeugt, dass die Gesellschaft gerade Zeuge eines grundlegenden Wandels der Stadtzentren wird. Wo früher Menschen ihre Einkäufe aus Schuh- oder Bekleidungsgeschäften nach Hause getragen haben, übernähmen zunehmend Gastronomie- oder andere Freizeitbetriebe das Feld. Auch Dienstleistungsunternehmen mit Laufkundschaft zögen in ehemalige Einzelhandelsgeschäfte ein. Genau das sei gerade in Werdohl zu beobachten.

Diesen Wandel der Innenstadt zu begleiten, ist auch eines der Ziele des Förderprogramms. „Wir stehen da noch ganz am Anfang des Prozesses“, betont Andreas Haubrichs. Ende März hat eine Auftaktveranstaltung stattgefunden, in der etwa 60 Werdohler Ideen gesammelt haben, wie die Innenstadt wiederbelebt werden kann. Sie haben Arbeitsgruppen gebildet, die sich verschiedenen Schwerpunkten gewidmet haben: Sitzplätze, Spielmöglichkeiten für Kinder, Grünanlagen und Veranstaltungen gehörten dazu. Im Mai sollen diese Arbeitsgruppen erste Ergebnisse vorlegen. „Ich bin gespannt, wieviele Freiwillige sich dann für die Umsetzung der Ideen melden“, sagt Andreas Haubrichs.

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