Prozess vor dem Landgericht

Indizienprozess zu Tankstellenüberfall: Angeklagter unschuldig? 

Die Total-Tankstelle in Ütterlingsen war im August 2020 überfallen worden. Gegen einen von einer Angestellten der Tankstelle belasteten jungen Mann läuft ein Indizienprozess.
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Die Total-Tankstelle in Ütterlingsen war im August 2020 überfallen worden. Gegen einen von einer Angestellten der Tankstelle belasteten jungen Mann läuft ein Indizienprozess.

Der Überfall auf eine Tankstelle im Märkischen Kreis hat jetzt ein Nachspiel vor Gericht. Die Beweislage gegen den Angeklagten ist aber offensichtlich dünn. Kommt der Täter ungeschoren davon? Oder ist ein Unschuldiger angeklagt?

Hagen/Werdohl – Sitzt auf der Anklagebank im Landgericht Hagen jener Räuber, der am 13. August 2020 um 22.38 Uhr die Total-Tankstelle an der Ütterlingser Straße überfiel und 350 Euro erbeutete?

Diese Frage muss die 6. große Strafkammer des Landgerichts in einem Indizienprozess beantworten. Denn der 22-jährige Angeklagte aus Werdohl bestreitet die Tat: „Das kann gar nicht sein. Ich war den ganzen Abend bei meinem Bruder.“ Dort hätten die beiden mit der Playstation „gezockt“. Der Bruder bestätigte die Angaben des 22-Jährigen. Auch er konnte noch sehr genau angeben, welche Spiele sie gespielt und welchen Jogginganzug sein Bruder angehabt habe. Der Tankstellenräuber „kann er nicht gewesen sein“, erklärte er.

Woher kam also der Verdacht gegen den 22-Jährigen? Vor allem von der Kassiererin, die an jenem Abend in der Tankstelle Dienst hatte. Sie stand hinter der Kasse, als der Räuber hereinkam und ein großes Küchenmesser in Richtung des transparenten Corona-Schutzes hielt. Den Täter wollte sie an den Augen als einen ehemaligen Mitschüler erkannt haben.

Deshalb hatte die Polizei einen Namen und besuchte an jenem Abend sowohl die Mutter als auch die Großmutter des Angeklagten. Nur bei seinem Bruder schauten die Beamten nicht vorbei. „Ich weiß nicht, wie viele Polizisten aus dem Haus kamen“, erinnerte sich die Mutter des Angeklagten an den großen Auflauf von Sicherheitskräften am Haus ihrer Mutter, also der Oma des Angeklagten.

Von der Tankstellen-Kassiererin hätten die Richter gerne gehört, wie sie zu ihrem Verdacht gekommen war. Sie hatte jedoch mitgeteilt, dass sie bis zum 4. Juli im Urlaub sei. Die vom Gericht erbetene Buchungsbestätigung hatte sie allerdings nicht hinterhergeschickt. Das könnte sie ein nicht unbeträchtliches Ordnungsgeld kosten. Auch der als Zeuge geladene Tankstellenbetreiber verzichtete auf seine Anreise.

So ging der erste Verhandlungstag eher an den Angeklagten. Denn die Überwachungskameras der Tankstelle hatten den Überfall zwar aus sieben Perspektiven auf den Verkaufsraum und das Tanksäulen-Panorama in relativ guter Farbqualität festgehalten. Dass der mit Baseballkappe und Corona-Schutzmaske verkleidete Täter, der auf diesen Filmchen zu sehen ist, aber als der Angeklagte identifiziert werden kann, scheint eher fraglich. Zur Klärung ließ die Polizei das Geschehen einige Tage später mit dem ähnlich gekleideten Angeklagten nachstellen. Ein Gutachter sollte die Frage beantworten, ob beide Filmkollektionen mit dem gleichen Darsteller „gedreht“ wurden. Aber auch von diesem Gutachten erwartet sich die Kammer offenbar nicht allzu viel.

Der Aussage der Kassiererin kommt deshalb zentrale Bedeutung zu. Um ihre Anwesenheit am nächsten Verhandlungstag sicherzustellen, soll die Polizei aktiv werden. „Wenn die Zeugin absolut überzeugend ist, kann ich nicht ausschließen, dass die Sache noch mal kippt“, erklärte der Vorsitzende Christian Potthast. Auch diese Feststellung machte deutlich, dass der erste Verhandlungstag eher an den Angeklagten ging. Doch gewonnen hat er noch nicht.

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