Immer mehr Wohnungslose auch in Werdohl

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Andrea Ziemann macht auch mit einem Flyer auf ihre Beratungs- und Hilfsangebote aufmerksam.

Werdohl - Rund 25 000 Menschen gelten nach aktuellen Schätzungen in Nordrhein-Westfalen als wohnungslos. Auch in Werdohl gab es 2018 bereits 24 Personen, die zwischenzeitlich keine Wohnung hatten. Der Jahresdurchschnitt lag in den vergangenen Jahren bei acht.

Die Gründe für die steigenden Zahlen sind vielfältig – und die kalte Jahreszeit hat noch gar nicht begonnen. 

„Alle Fälle sind traurig“, sagte Andrea Ziemann von der Fachstelle Wohnen der Stadt Werdohl anlässlich des heutigen Tages der Wohnungslosen. Ziemann kennt jeden Fall von Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Werdohl. Anders als in anderen Städten, gibt es in Werdohl kein Obdachlosenheim – dafür gibt es aber Andrea Ziemann. Betroffene können in Notsituationen auf die Sozialpädagogin zählen. „Ich versuche alles daran zu setzen, dass erst niemand seine Wohnung verliert. Für fast alle Probleme gibt es eine Lösung“, sagte sie. 

Probleme sind oft tiefgründig 

Ziemann bietet Hilfe an, wenn zum Beispiel die Miete nicht mehr gezahlt werden kann oder der Vermieter die Wohnung bereits gekündigt hat. Manchmal sei es mit nur wenig Aufwand verbunden, eine Lösung zu finden. 

Aber oft sind die Probleme, die zum Verlust der Wohnung führen, weitaus tiefgründiger. Es geht dann nicht mehr nur um Geld, sondern um Menschen, die psychisch krank oder drogenabhängig sind, die ihren Job verloren haben, denen häusliche Gewalt widerfuhr, oder deren Wohnung durch eine Katastrophe zerstört wurde. Momentan betreut Ziemann eine junge Frau, die nach einem Brand ihre Wohnung verloren hat. Für die junge Mutter und ihr Kind versucht Ziemann schnellstmöglich eine Bleibe zu finden. Zurzeit sei die Frau bei ihrer Mutter untergekommen. „Häufig können Freunde und Verwandte helfen“, erklärte Ziemann, aber das sei keine Lösung auf Dauer. 

Viele Jahre betreute sie einen Obdachlosen in Werdohl, der ganz bewusst so leben wollte. „Im Winter bin ich jeden Morgen zu seinem Schlafplatz gegangen und habe geschaut, ob er noch lebt“, erzählte Ziemann. Er wollte zunächst keine Hilfe von ihr annehmen. Erst nach drei Jahren intensiver Arbeit hat sie es geschafft: Der Mann lebt mittlerweile in einer Wohnung. 

„In Deutschland muss niemand auf der Straße leben“, sagte Ziemann. Aber wenn jemand ihre Hilfe nicht möchte, kann auch die Sozialpädagogin nichts machen. Seit einigen Wochen ist wieder ein Mann in Werdohl ohne Obdach. „Er lässt mich nicht an sich ran“, sagte Ziemann. Seine Wohnung wurde bereits geräumt. Ob er das weiß, kann Ziemann nicht sagen, aber er werde es irgendwann merken. Zieman sorgt sich um ihn und mit Blick auf die näherrückende kalte Jahreszeit, versucht sie ihn zu erreichen. Er soll wissen, dass es Hilfe für ihn gibt, wenn er sie braucht – aber es ist seine Entscheidung. 

Menschen kommen mit dem Zug 

In den vergangenen Jahren gab es in Werdohl im Schnitt acht Wohnungslose, 2018 bereits dreimal so viele – und es werden wahrscheinlich noch mehr. „Obdachlose steigen in den Zug und irgendwann wieder aus. So landen sie auch in Werdohl und wir müssen uns um sie kümmern“, sagte Ziemann. In den Großstädten gäbe es keinen Platz mehr in den Obdachlosen-Unterkünften, deshalb kämen diese Menschen immer häufiger in den ländlichen Raum. „Wenn jemand sagt, er hat keine Wohnung, sind wir in der Pflicht zu helfen.“ Ziemann hat für Notfälle zwei Zimmer zur Verfügung, und sogar eine kleine Wohnung, in der sie eine Familie kurzfristig unterbringen könnte.

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