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Immer mehr Suchtkranke: Blaues Kreuz erweitert in Werdohl

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Von: Volker Heyn

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Klientinnen und Klienten der ambulanten Suchtkrankenhilfe des Blauen Kreuzes in Werdohl renovieren das ehemalige Sonnenstudio an der Bahnhofstraße. Spätestens Anfang März soll der Umzug aus den sehr beengten Räumen nebenan über die Bühne gegangen sein.
Klientinnen und Klienten der ambulanten Suchtkrankenhilfe des Blauen Kreuzes in Werdohl renovieren das ehemalige Sonnenstudio an der Bahnhofstraße. Spätestens Anfang März soll der Umzug aus den sehr beengten Räumen nebenan über die Bühne gegangen sein. © Heyn, Volker

Mehr als 30 Klienten hat die ambulante Suchtkrankenhilfe des Blaukreuz-Zentrums Märkischer Kreis in Werdohl – Tendenz seit Jahren steigend.

Um der stärker werdenden Nachfrage gerecht zu werden, zieht die Beratungsstelle an der Bahnhofstraße in erheblich größere Räume um. Das Blaue Kreuz betreut Suchtkranke in allen Städten des Märkischen Kreises, in Werdohl jedoch gibt es die stärkste Nachfrage.

Bärbel Tometten arbeitet seit 2012 in der ambulanten Suchtkrankenhilfe des Blauen Kreuzes in Werdohl. Vorher war sie bei einem anderen Träger in demselben Feld beschäftigt. Die 59-jährige Lüdenscheiderin ist Diplom-Sozialpädagogin und hat in ihrem Berufsfeld schon so gut wie alles an menschlichen Abstürzen erlebt. „Manche leben in katastrophalen Verhältnissen, ohne Strom, verwahrlost, schwerst abhängig“, erzählt sie. Oft genug gibt es neben der Suchtmittelabhängigkeit schwere psychische Störungen und weitere organische Erkrankungen. „Sie erfahren so viel Verachtung“, weiß Tometten aus ihrer langjährigen Arbeit mit einer sehr speziellen Klientel, „sie trauen sich oft nichts mehr zu.“

Größte Zahl an Klienten in Werdohl

Das Blaukreuz-Zentrum Märkischer Kreis betreibt neben Büros und Beratungsstellen in Werdohl, Altena und Menden mit dem Café Extradry in Lüdenscheid noch eine Anlaufstelle. Warum es in Werdohl die größte Zahl an Klienten gibt, kann Tometten auch nicht direkt erklären. Vielleicht liege es daran, dass sich die gute Arbeit der Blaukreuzler herumgesprochen habe und dass es in Werdohl nach wie vor sehr günstigen Wohnraum gibt. „Es wächst und wächst“, sagt Tometten.

Am Billardtisch trifft sich eine selbst organisierte Sportgruppe. Betreuer Ephraim Griguhn (rechts) ist seit 2015 beim Blauen Kreuz in Werdohl.
Am Billardtisch trifft sich eine selbst organisierte Sportgruppe. Betreuer Ephraim Griguhn (rechts) ist seit 2015 beim Blauen Kreuz in Werdohl. © Heyn, Volker

Mit der ansteigenden Zahl der Klienten ist auch mehr Personal eingesetzt worden, um die Betreuung zu gewährleisten. Mit Teamleiterin Tometten sind 13 Männer und Frauen beim Blaukreuz-Zentrum Märkischer Kreis angestellt. Vier neue Mitarbeitende kamen allein in den letzten neun Monaten hinzu.

Alkohol, Drogen, Medikamente oder Spielsucht

Voraussetzung für eine Betreuung ist eine diagnostizierte Suchterkrankung. Hauptsächlich geht es um Alkohol, aber auch um andere Drogen, Medikamente oder Spielsucht oder alles auf einmal. Solche Mehrfachabhängigkeiten gibt es häufig. Die Hilfebedürftigen schließen einen Betreuungsvertrag ab, zwischen zwei und vier Stunden persönliche Betreuung pro Woche sind vereinbart. Nach festgestelltem Hilfebedarf läuft so ein Vertrag über eineinhalb Jahre und kann mehrfach verlängert werden. Finanziert werden die Hilfen über den Landschaftsverband Westfalen-Lippe.

„Viele begleiten wir jahrelang“, berichtet Ephraim Griguhn. Er hat einen Bachelor-Abschluss in Psychologie und ist seit 2015 Betreuer beim Blauen Kreuz. Ein Jahr zuvor hatte das BK ein Büro an der Bahnhofstraße 5 eröffnet. Die winzigen Räume mit Mini-Küche, Büroecke und Billardtisch wurden 2017 um ein größeres Büro erweitert. Trotzdem sind diese insgesamt 60 Quadratmeter absolut beengt für die soziale Arbeit mit immer mehr Menschen.

Rund 140 Quadratmeter

Seit Ende vergangenen Jahres hat das Blaue Kreuz die Räume des ehemaligen Sonnenstudios an der Bahnhofstraße gemietet, das Sonnenstudio war auf die gegenüberliegende Seite gezogen. Die rund 140 Quadratmeter sind mit Trockenbauwänden aufgeteilt und werden jetzt von handwerklich begabten Klienten weiter hergerichtet, auch das ist schon eine therapeutische und lebensbegleitende Maßnahme. Bis spätestens Anfang März soll der Umzug aus den bisherigen Verhältnissen über die Bühne gegangen sein.

Verhaltensregeln in der Beratungsstelle des Blauen Kreuzes sind sehr niederschwellig formuliert.
Verhaltensregeln in der Beratungsstelle des Blauen Kreuzes sind sehr niederschwellig formuliert. © Heyn, Volker

In Werdohl gibt es mehrere Einrichtungen, die Menschen mit krankhaften Beeinträchtigungen ambulant helfen, ein halbwegs eigenständiges Leben zu führen. Das ist auch der Erfolg der Arbeit von Menschen wie Tometten und Griguhn: Wenn es gelingt, Klienten aus der Suchtmittelabhängigkeit in ein Leben zu führen, über das sie einigermaßen selbst bestimmen können.

GRuppe ist Halt und Stütze

Griguhn: „Selbst wenn sie suchtmittelfrei geworden sind, halten sie weiterhin Kontakt zu uns.“ Die Gruppe der Klientel gebe Halt und Stütze, viele lebten aufgrund ihres sozialen Status vereinsamt und ohne Kontakte zu anderen Menschen. Die Billard-Freizeitgruppe als Selbsthilfegruppe sei deshalb sehr wichtig. „Viele haben hier eine Heimat gefunden, in diesen Räumen.“

In Werdohl ist der Bekanntheitsgrad der Blaukreuzler groß. Die Zusammenarbeit mit Sozialamt, Jobcenter, Kliniken und Wohnungsamt sei sehr gut, so Tometten. Von dort würden Klienten an das Blaue Kreuz verwiesen. Rückfälle gehören zur Arbeit hinzu, die oft sehr herausfordernd ist. Um einem verwahrlosten Menschen in seiner Bleibe beim Überleben zu helfen, muss man selbst schon einiges aushalten können. Tometten: „Wenn sie es gar nicht schaffen, vermitteln wir auch in stationäres Wohnen.“

Kontakt: Das Blaukreuz-Büro in Werdohl ist unter Tel. 02392/5027810 zu erreichen.

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