Werdohler Milli-Görüs-Gemeinde fühlt sich nicht genügend wahrgenommen

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Die Vertreter der Werdohler Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs sind (von links) der ehemalige Vorsitzende Cemil Esmer, der aktuelle Vorsitzende Recep Esmer, Imam Metin Kaplan und Pressesprecher Mehmet Avci. Der IGMG-Verein hat 270 Mitglieder und trifft sich in der Fatih-Moschee an der Altenaer Straße 10.

Werdohl – Neben der von der türkischen Religionsbehörde Diyanet abhängigen Ditib-Gemeinde gibt es in Werdohl noch ein zweite große islamische Gemeinde: Die Islamische Gemeinde Milli Görüs IGMG unterhält an der Altenaer Straße 10 eine Moschee und Begegnungsräume. 270 Mitglieder sind dort eingeschrieben, dem zehnköpfigen Vorstand steht der 41-jährige Recep Esmer vor. Die Gemeinde spürt Akzeptanzprobleme und Berührungsängste auf Seiten der deutschen Bevölkerung.

Dazu hat die Gemeinde extra einen Pressesprecher benannt, und Mehmet Avci wird im Gespräch in der Teestube an der Altenaer Straße sehr schnell sehr deutlich. Jedes Jahr würden 500 Einladungen an alle Funktionsträger der Stadt zum Gemeindefest ausgesprochen. „Da kommen allerdings immer nur ein paar Deutsche“, bedauert Avci. Der 38-Jährige spricht für seinen Vorstand: „Wir wollen unser Gemeindefest nicht nur unter uns feiern. Wir fragen uns, warum die Deutschen nicht zu uns kommen.“ Avci wird noch konkreter und fragt: „Wieso nimmt man Abstand von uns?“

Integration muss von beiden Seiten kommen

Bürgermeisterin Silvia Voßloh besuche das jährliche Gemeindefest der IGMG immer, hingegen ließen sich andere politische, offizielle oder religiöse Vertreter ließen fast nie blicken. Avci kommt schnell in Fahrt: „Wir hören immer nur von Integration, aber das muss ja von beiden Seiten kommen, nicht nur von uns.“

Recep Esmer (41) hat den Vorstandsvorsitz von seinem Cousin Cemil Esmer (36) übernommen. Die Mitglieder der IGMG in der Fatih-Moschee Werdohl sind nicht nach deutschem Vereinsrecht organisiert. „An der Eintragung ins Vereinsregister und die Anerkennung arbeiten wir“, sagt Avci. Mit der Anerkennung erhoffen sich die Gemeindemitglieder Vorteile bei der Stadt.

endgruppe der Gemeinde mit 40 oder 50 Jungs zum Schwimmen ins Hallenbad am Riesei. „Wir hätten gern eigene Hallenzeiten, wir wollen ja die Badegäste mit unserer großen Gruppe nicht stören“, erzählt Recep Esmer. Die Stadt beziehungsweise die Stadtwerke hätte ihnen aber keine Hallenzeiten zugestanden. Genauso sei es bei Hallenzeiten für die Sportgruppe. Dem Vorstand habe man gesagt, dass sie dazu einen eingetragenen Verein gründen müssten.

Keine Beobachtung mehr durch den Verfassungsschutz

Der Islamischen Gemeinde Milli Görüs haftet der Makel an, bis vor kurzem vom Verfassungsschutz beobachtet worden zu sein. Aufgrund der Entstehungsgeschichte wurde die IGMG tatsächlich vom Bundesamt für Verfassungsschutz sowie von einigen Landesämtern über mehrere Jahre beobachtet. Die IGMG engagierte sich gegen diese Beobachtung juristisch und konnte zuletzt 2014 in NRW erreichen, von der Beobachtung ausgenommen zu werden.

Die heutige IGMG wurde aus Vorgängerorganisationen im Jahr 1995 gegründet und unterhält in Deutschland etwa 300 Moscheen. Sie ist nach der Ditib der zweitgrößte islamische Gemeindeverband in Deutschland. Der deutsche Dachverband der IGMG in Köln setzt die Imame ein, die aber von jeder Moscheegemeinde selber bezahlt werden. In Werdohl arbeitet Metin Kaplan seit 2015 als Imam. Im Gegensatz zum nur türkisch sprechenden Imam der Ditib-Gemeinde spricht Kaplan ein einwandfreies Deutsch.

Unterschiede in der Ausübung der Religion gebe es nicht. Die Gläubigen besuchten die Werdohler Moscheen gegenseitig. Der Islam sei ein Glaube, ein Weg, ein Koran, für alle würde dieselbe Sunnah – die Worte des Propheten – gelten.

"Mein Opa ist 1966 nach Werdohl gekommen"

Recep Esmer ärgert sich, dass seine Gemeinde mit schlechten Dingen der Vergangenheit in Verbindung gebracht wird. Mit einer Unterscheidung islamischer Glaubensrichtungen und der politisch motivierten Geschichte von Milli Görüs will er nichts zu tun haben. „Mein Opa ist 1966 nach Deutschland gekommen, ich bin hier geboren und ich bin Werdohler“, sagt er.

Die Werdohler Milli-Görüs-Gemeinde stehe wie die Mehrheit aller Muslime für eine friedliche Gemeinschaft. In Werdohl gebe es auch keine Differenzen zwischen arabischen und türkischen Muslimen. Avci lacht: „Mein Prophet war ein Araber, wie könnten wir hier etwas gegen Araber haben?“ Die geflüchteten Syrer und Afrikaner seien herzlich willkommen geheißen worden. Mittlerweile seien das keine Flüchtlinge mehr, sondern Werdohler. „Das ist sehr gut so. So können wir unsere Kulturen besser kennenlernen.“

Dasselbe wünscht sich der Gemeindevorstand auch von der deutschen Gesellschaft in Werdohl. Am Arbeitsplatz, bei den Nachbarn und Freunden gebe es absolut keine Berührungsängste. Cemil Esmer liefert ein Paradebeispiel für Integration: Nach langem Gespräch muss er los, er besucht mit seinen Kindern den katholischen Martinszug.

Keine Politik in den Moscheen

Die Abgrenzung durch die deutsche Gesellschaft ist den Männern ein echtes Ärgernis. Avci ist wortgewandt: „Wir wollen zeigen, dass wir nicht unter uns bleiben wollen, aber das wird in Werdohl irgendwie nicht wahrgenommen.“ Die drei Männer meinen, dass das viel mit Politik und diffusen Ängsten zu tun habe. In den Werdohler islamischen Gemeinden gehe es nie um Politik: „Die Moscheen sind Gotteshäuser, Politik hat hier nichts zu suchen.“

Die Gemeinde kümmere sich sehr um die Jugendgruppe, unternehme Ausflüge, biete regelmäßige Treffen an, gebe Orientierung und Ordnung, erziehe zu gegenseitiger Wertschätzung und Respekt. Avci überträgt das: „Wir müssen uns gegenseitig akzeptieren, wir leben hier alle zusammen in einem Werdohl.“

Moscheevereine als soziale Instanz

Die Moschee an der Altenaer Straße ist jeden Tag geöffnet. Kinder und Jugendliche können dort nach der Schule ihre Freizeit verbringen und sich treffen. Den Jüngeren werde Respekt vor den Älteren beigebracht, das geschehe nicht unbedingt mehr in allen türkeistämmigen Familien. Die Moscheevereine verstehen sich da durchaus als eine soziale Instanz. Türkische Jugendliche, die sich von den Moscheen mit ihren Regeln entfernt hätten, würden sich manchmal nicht so respektvoll wie gewünscht benehmen.

Vorsitzender Recep Esmer verliert im Gespräch nach und nach seine Zurückhaltung: „Ich bin hier geboren und aufgewachsen, meine Kinder sind hier geboren. Ich will nirgendwo anders hin.“ Der Begriff „Werdühl“ ärgere ihn sehr. Im täglichen Leben gebe es überhaupt keine Probleme. „Die deutsche Mutter der Freundin meiner Tochter hat extra im türkischen Laden Würstchen eingekauft,“ erzählt Esmer.

Kulturelle Bereicherung

Er könne nicht verstehen, warum es immer noch und schon wieder Vorbehalte gegen islamische Gemeinden gebe. Pressesprecher Avci formuliert das so: „Die islamischen Gemeinschaften sind eine kulturelle Bereicherung, und das ist etwas Positives.“ Die Glaubensbrüder der Ditib-Gemeinde wollen ein Minarett und eine Kuppel bauen, damit ihre Moschee auch als solche erkennbar sei. Was denken die IGMG-Vertreter über ihr Gebäude an der Altenaer Straße, das im Übrigen aus Gemeindemitteln komplett durchsaniert ist? „Minarett? Muss nicht sein. Ist ja nur ein Symbol.“

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