Tritt für die CDU an

„Ich bin immer ich geblieben“: Porträt der Bürgermeister-Kandidatin Silvia Voßloh (CDU)

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Siliva Voßloh an ihrem Lieblingsplatz, den offenen Wintergarten am Haus am Höhenweg 31, im Hintergrund ein selbst gemaltes Bild. Am Wochenende frühstückt sie hier jeden Morgen mit ihrem Ehemann Dirk.

Werdohl - „Bürgermeisterin ist ein Job für 24 Stunden am Tag und 365 Tage im Jahr. Viel frei verfügbare Zeit habe ich nicht. Dieses Amt des Stadtoberhaupts hat mein Privatleben total verändert.“ Silvia Voßloh, 54 Jahre, in Werdohl geboren, gelernte Industriekauffrau, Mutter zweier erwachsener Kinder und seit 2001 verheiratet mit Ehemann Dirk, sitzt nach sechs Jahren in diesem öffentlichen Amt souverän auf dem prominenten Platz der Bürgermeisterin. Das war längst nicht immer so. Schüchtern war sie und bekam bei jedem Anlass eine „Bombe“ – einen roten Kopf. Sehr schwierige Zeiten als alleinerziehende junge Mutter prägten sie fürs Leben. Das Gespräch im Wintergarten des Familienhauses am Höhenweg beginnt mit einem sehr persönlichen Rückblick ins Privatleben.

Die kleine Silvia Schiemenz war als Kind wohl ein gutgläubiges und folgsames Mädchen. Die Eltern hatten ihr gesagt, dass sie zur Einschulung auf der Königsburg keine Schultüte bekommen würde. Der Vater arbeitete bei Brüninghaus, die Mutter war Hausfrau. „Aber ich bekam zur Überraschung doch eine Schultüte, das Wetter war schön und ich habe mich total gefreut“, erinnert sich Silvia Voßloh an diesen Tag im Sommer 1972.

Geboren ist sie am 4. April 1966, daher das Autokennzeichen mit den Ziffern 4466. Nach der Grundschule wurde das Einzelkind Silvia zur Realschule geschickt. „Meine Lehrerinnen meinten, ich sei zu schüchtern für die Oberschule. Außerdem traute man mir den Weg zum Gymnasium nach Altena oder Plettenberg nicht zu.“ So war das oft in den 1970er-Jahren, Schulbildung hatte nicht immer etwas mit den Fähigkeiten der Kinder zu tun, sondern häufig genug mit den gesellschaftlichen Vorstellungen anderer.

Daran erinnert sich Voßloh auch: „Meine Noten hätten fürs Gymnasium gereicht, aber ich sollte auf die Realschule.“ Die Realschule habe sie gerne besucht, der spätere Schulleiter Bernd Bunge war damals ihr Physiklehrer. Als sie ihm Jahrzehnte später als Bürgermeisterin wieder begegnete, bemerkte sie stolz ihren Aufstieg: „Früher war ich eine schüchterne Schülerin, heute bin ich Stadtoberhaupt.“

Ihr weiterer Bildungsweg war ein ganz typischer in jenen Zeiten. Nach der zehnten Klasse – mit 16 Jahren – wechselte sie zur Höheren Handelsschule. Die befand sich im heutigen Realschulgebäude, während die Realschule damals im heutigen Gebäude von VHS und Musikschule untergebracht war. Nach zwei Jahren am Köstersberg war sie volljährig und hatte das Fachabitur in der Tasche, aber noch keinen Führerschein.

Und weiter ging es auf von anderen vorgegebenen Pfaden. Nach der Handelsschule wurden Bewerbungen geschrieben, nicht allzu viele, und auch die Bandbreite war überschaubar: Sparkasse und Volksbank, Krankenkasse, Finanzamt und Stadtwerke. Bankkauffrau oder Industriekauffrau sollte es sein. Wieder hatten andere gesagt, was sie tun oder lassen sollte.

„Das würde mir heute nicht mehr passieren, aber damals war das einfach so.“ Eigentlich hätte sie Restaurateurin oder technische Zeichnerin werden wollen, irgendetwas Kreatives auf jeden Fall. „Aber da war so ein Herr vom Arbeitsamt, der hat mir gesagt, dass diese Berufe keine Zukunft hätten.“ Heute undenkbar, wurden solche auch damals schon fragwürdige Behauptungen selten in Abrede gestellt.

Also machte die junge Frau eine kaufmännische Lehre bei den Stadtwerken Lüdenscheid. Auch beim Finanzamt am Winkelsen in Altena hätte sie anfangen können, doch das schien ihr weniger attraktiv als die Lehre in der Kreisstadt.

„Lüdenscheid war super, in Werdohl kannte man ja alles“, weiß sie noch ganz genau. Viel erlebt hatten die jungen Leute bis dahin selten: „Nach den Hausaufgaben ging es in die Stadtmitte-Süd, da haben wir uns fast jeden Tag getroffen.“

Neben der Ausbildung bei den Stadtwerken, die mit dem Bus gut zu erreichen waren, stand aber auch der Besuch der Berufsschule in Halver-Ostendorf an, das auch noch im Winter. Also brauchte die junge Frau ein Auto. Den Führerschein hatte sie gerade eben erst gemacht. So bekam sie einen kleinen roten Fiat Panda, mit dem sie tapfer den steilen Höhenweg hochtuckerte.

Im Freundeskreis wurde das kleine Auto „der rote Rucksack“ genannt. Mutter Bärbel war noch skeptisch, doch Vater Rolf schickte seine Tochter los: „Lass sie fahren!“ Derartig losgelöst begann das eigenständige Leben von Silvia Schiemenz von der Königsburg aus Werdohl.

Nach der Ausbildung wurde sie bei den Stadtwerken übernommen, nach einiger Zeit konnte sie im Vorzimmer mehr Verantwortung übernehmen. Doch die Arbeit im Team und mit mehr Kundenkontakt gefiel ihr besser, machte mehr Spaß und war abwechslungsreicher. Nach der Zeit in Lüdenscheid entwickelte sich ihr Leben in eine Richtung, über die sie wohl nur mit sehr guten Freunden spricht.

Sie hatte sich in einen Mann aus Werdohl verliebt, heiratete ihn und folgte ihm und seinem Beruf nach Bayern. Vier Jahre lebte sie dort und kam 1994 als alleinerziehende 28-Jährige mit zwei ganz kleinen Kindern zurück nach Werdohl. Mehr über diese Jahre soll nicht in der Zeitung stehen. Über die schwere Zeit danach sagt sie heute rückblickend: „Ich musste nicht bei Null, ich musste bei minus Null anfangen.“

Den Kontakt zur Familie und engen Werdohler Freunden hatte sie gepflegt, auf diese Menschen war Verlass. „Auch solche schweren Zeiten zu durchleben ist für irgendetwas gut.“ Die Freundschaften und engen Beziehungen von damals prägen sie bis heute: „Ich habe viele gute Bekannte, aber nur ganz wenige wirklich echte, enge Freunde.“

In dieser Gruppe sei jeder für den anderen da. Diese Zeit muss überaus prägend gewesen sein, heute, in sicheren und stabilen Verhältnissen lebend, sagt sie: „Die Unterstützung hat mir so viel Stärke und Kraft gegeben, seitdem habe ich kaum noch Angst vor aussichtslosen Situationen.“

Mit Unterstützung von Familie und Freunden ging es weiter. Neben der Kindererziehung arbeitete sie als Kauffrau in einem Werdohler Vermessungsbüro. Vanessa und Kevin wurden größer, und irgendwann später begegnete Silvia Voßloh ihrem heutigen Ehemann. Im Winter 1999 zog die Patchwork-Familie mit den Eltern Schiemenz ins Haus am Höhenweg ein.

2001 heiratete sie den Elektroingenieur Dirk Voßloh. Neben Familie und Arbeit gab es wieder Luft für Freizeit: Voßloh leitete Gruppen im Lauftreff und gab als Übungsleiterin Sportkurse in Aerobic und Step-Aerobic beim TuS Jahn. Und wieder wurde sie angesprochen, gefragt, ob sie nicht für die CDU bei der Kommunalwahl 2009 einen Wahlkreis übernehmen könne.

„Da habe ich, wie ich es immer mache, erst mal überlegt.“ Eine Eigenschaft, die sie heute als „authentisch“ bezeichnet. „Ich treffe keine schnellen Entscheidungen, ich überlege alles gründlich. Das macht mich aus, und auch nach sechs Jahren im Amt der Bürgermeisterin bin ich immer ich geblieben.“

In die CDU sei sie damals eingetreten, weil sie etwas in Bewegung bringen wollte in Werdohl: „Schimpfen ist viel einfacher.“ Als Freizeitsportlerin sind ihr Anstrengung und Konkurrenzdenken nicht fremd: So ist sie heute stolz darauf, ihrem Wahlkreisgegner Cornelius Böttcher von der SPD doch einige Stimmen abgenommen zu haben. Für ein Direktmandat reichte es nicht, aber sie machte die Erfahrung, gegen jemanden anzutreten. Kommunalpolitisch gänzlich unbekannt und unerfahren zog sie 2009 als Nachrückerin über die Liste der CDU in den Werdohler Rat ein.

Heiner Burkhardt hatte seinen Platz geräumt. Fünf Jahre war so gut wie nichts von ihr zu hören, die blonde Mittvierzigerin saß ziemlich schweigsam in dem von Männern dominierten Rat. Und wieder wurde sie gefragt, von Männern ihrer Partei, ob sie nicht den CDU-Vorsitz übernehmen könne. Sie wollte und übernahm das Amt von Uwe Nodes. Ob sie schon damals an eine Karriere als Bürgermeisterin dachte?

„Nein, auf keinen Fall.“ Die Kommunalwahl 2014 rückte näher, Siegfried Griebsch von der SPD saß fest im Amt. Die ganze Stadt ging damals davon aus, dass er noch einmal antreten werde. Als er überraschend auf eine weitere Amtsperiode verzichtete, begann bei beiden großen Fraktionen die Suche nach einem Kandidaten oder eben nach einer Kandidatin.

„Ich bin damals aus meiner Partei heraus gefragt worden, ob ich nicht Kandidatin für das Bürgermeisteramt werden wollte.“ Silvia Voßloh beschreibt ihre Herangehensweise fein lächelnd so: „Die Männer werfen ihren Hut in den Ring, wir Frauen gehen damit anders um.“ Zahllose Gespräche mit der Familie, mit Freundinnen, auch mit dem Pastor folgten. „Irgendwann war alles durchdacht und ich habe gesagt, dass ich mich zur Verfügung stelle und die Wähler entscheiden sollen.“

Das Weitere ist bekannt: Im ersten Wahlgang 2014 bekam Silvia Voßloh 48 Prozent, Matthias Wershoven von der SPD 34 Prozent, Erwin Günther war mit 11 Prozent ebenso wie Özkan Erdogan mit 6 Prozent aus dem Rennen. Bei der Stichwahl gegen Wershoven machte Voßloh alles klar: 55 Prozent Zustimmung reichten ihr für das Amt der Bürgermeisterin. Überheblich macht sie das nicht:

„Das sind immerhin 45 Prozent Werdohler, die mich nicht so toll fanden.“ Betont visionslos hatte sie zu dieser Zeit die Mehrheit der Stimmen geholt, politisch relativ unbekannt, gegen einen wesentlich jüngeren Bewerber, der sich als Fraktionsvorsitzender schon einen Namen machen konnte. „Ja, richtig, ich hatte damals keine Visionen, ich wollte nicht irgendetwas versprechen“, sagt sie heute und beschreibt das wieder als ihre Persönlichkeit: „Ich bin immer ich geblieben.

Ich spiele keine Rollen.“ Nach sechs Jahren als Chefin der Verwaltung versteht sie ihren Job, hat in der Männerwelt Anerkennung und Ablehnung gleichermaßen gefunden. Immer noch gebe es Männer, die sich von einer Frau generell nichts sagen lassen wollten.

Beobachtungen, sie habe um sich herum eine weibliche Führungsriege aufgebaut, deutet sie anders: „Drei der sechs Abteilungsleitungen sind Männer, drei sind Frauen.“ 

Nach der Pensionierung von Michael Grabs machte sie mit Kämmerin Vanessa Kunze-Haarmann eine Frau zu ihrer ständigen Vertreterin. In diesen sechs Jahren als Bürgermeisterin habe sich ihr Privatleben total verändert. Freie Zeit, über die sie allein verfügen kann, gebe es sehr wenig. Selbst im Urlaub liest sie E-Mails, um nach dem Urlaub auf dem Stand der Dinge zu sein.

Vieles verdanke sie ihrer Mutter: „Sie ist die gute Seele in unserem Haus.“ Am Höhenweg wohnen Vater und Mutter Schiemenz, Ehemann Dirk und Sohn Kevin; Tochter Vanessa lebt in Iserlohn.

Familie ist Silvia Voßloh wichtig: Mit der Mutter („Sie ist 79 und fit wie ein Turnschuh.“) verbringt sie jedes Jahr ein paar Tage an der See. Mit der Künstlerin Annette Kögel nimmt sie sich regelmäßig einmal im Monat eine „Auszeit“.

Geprägt wird Silvia Voßloh von einem christlichen Hauskreis; aus ihrer engen Verbundenheit zur evangelischen Kirche hat sie nie einen Hehl gemacht: „Beim Hauskreis und in der Abendkirche treffe ich gute Freunde und lasse den Alltag hinter mir.“

Alle drei Wochen treffen sich sechs Menschen reihum zum Beten und zum Singen und um in der Bibel zu lesen, ein Thema steht jeweils im Vordergrund. „Das gibt mir Kraft, da kann ich mich erholen."

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