Stadt in Sorge um die Mitarbeiter

Hoher Inzidenz-Wert: Kita-Öffnung bleibt in Werdohl ungewiss

Im Garten der Kita Arche Noah in Werdohl wurden im Sommer 2020 neue Spielgeräte installiert. Ob diese bald wieder regelmäßig von allen Kindern genutzt werden können, hängt vom Infektionsgeschehen ab.
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Im Garten der Kita Arche Noah in Werdohl wurden im Sommer 2020 neue Spielgeräte installiert. Ob diese bald wieder regelmäßig von allen Kindern genutzt werden können, hängt vom Infektionsgeschehen ab.

Alle Kinder dürfen ab Montag wieder die Kita besuchen – das hat NRW-Familienminister Joachim Stamp (FDP) verkündet. Angesichts sinkender Infektionszahlen hatte der Minister einen Stufenplan vorgestellt, um einen Weg zurück in den Regelbetrieb zu finden.

Während die Sieben-Tage-Inzidenz in ganz NRW am Mittwoch mit 56 angegeben wurde, lag der Märkische Kreis mit einem Wert von 82,9 deutlich darüber. In der Stadt Werdohl sind die Werte der Infektionslage noch höher: Der Märkische Kreis gab den Inzidenz-Wert für Werdohl am Dienstag mit 111,1 an – und damit ganz deutlich über den Schwellenwerten 50 und 35, die im Zuge der Öffnungsdiskussionen eine große Rolle spielen.

Werdohls Jugendamtsleiterin Kirsten von der Crone hat den Werdohler Inzidenzwert genau im Blick. Sie sieht die Öffnung der Kitas vor diesem Hintergrund auch kritisch und hat sich deshalb an das Landesjugendamt gewandt: „Angesichts des Infektionsgeschehens in Werdohl war es mir wichtig zu erfahren, wie wir uns als Träger der städtischen Einrichtungen verhalten sollen.“ Konkrete Handlungsempfehlungen konnte man von der Crone allerdings nicht an die Hand geben. „Das Landesjugendamt versteht unsere Situation, aber für die Öffnungspläne wird der Wert in ganz NRW zugrunde gelegt.“

Jugendamtsleiterin hat den Schwarzen Peter

Somit ist der Schwarze Peter quasi wieder bei der Jugendamtsleiterin gelandet: Sie muss entscheiden, was ab Montag in den Kitas passieren soll. Keine leichte Aufgabe, denn natürlich kenne sie die Nöte der Eltern. „Andererseits hat die Stadt aber auch eine Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitenden in den Kindertageseinrichtungen und muss das insgesamte Infektionsgeschehen im Blick haben“, stellt von der Crone fest. Denn bekanntlich können Erzieherinnen und Erzieher sich nicht immer mit einer Maske schützen. „Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, mit allen Beschäftigten Kontakt aufzunehmen“, erklärt die Jugendamtsleiterin.

Die Mitarbeitenden sollen der jeweiligen Kita-Leitung bis Donnerstagmittag mitteilen, ob sie sich dazu in der Lage sehen, angesichts des gesundheitlichen Risikos an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. „Jeder muss für sich frei entscheiden können, ob er oder sie sich das zutraut. Wir nehmen Bedenken sehr ernst.“

Rückendeckung durch den Bürgermeister

Rückendeckung erhalte sie von Bürgermeister Andreas Späinghaus, der Ende des vergangenen Jahres selbst schwer an Covid-19 erkrankte und immer noch unter den Folgen leidet. „Der Bürgermeister steht zu 100 Prozent hinter den Mitarbeitenden“, erklärt von der Crone.

Erst wenn klar sei, wie sich die personelle Lage in den vier städtischen Einrichtungen darstelle, könne man planen. „Eine Personaldeckungsquote von 80 Prozent darf auf keinen Fall unterschritten werden. Ansonsten wäre die Aufsichtspflicht nicht mehr gewährleistet.“ Erschwerend zur Corona-Situation kommt hinzu, dass es in den städtischen Kindertageseinrichtungen momentan sieben freie Stellen gibt.

Jugendamt wird Elternbrief verfassen

Sollte sich herausstellen, dass eine oder auch mehrere Einrichtungen nicht über genügend Personal verfüge, müsse man die Konsequenzen ziehen: „Dann müssen wir einen Kriterienkatalog erarbeiten, in dem festgelegt wird, unter welchen Voraussetzungen Eltern ihre Kinder in die Kita bringen können.“ In jedem Fall werde im Jugendamt am Donnerstag ein Elternbrief mit den entsprechenden Informationen verfasst.

Warum sich das Coronavirus ausgerechnet in der Stadt Werdohl weiterhin hartnäckig verbreitet, kann auch Kreis-Pressesprecher Hendrik Klein nicht erklären. „Mal liegt die Stadt vorne, mal eine andere. Klar ist, dass sich die Menschen hauptsächlich im privaten Bereich anstecken. Wo auch immer das dann passiert.“ Die Nachverfolgung der Kontaktpersonen funktioniere reibungslos. Allerdings verdeutlichte Klein auch, dass die Mitwirkungsbereitschaft und die Ehrlichkeit der Infizierten eine große Rolle bei der Eindämmung der Pandemie spiele. Würden dem Gesundheitsamt eventuell nicht alle Kontaktpersonen genannt, könnten natürlich auch keine entsprechenden Maßnahmen ergriffen werden. „Hinzu kommt, dass man Covid-19 haben und verbreiten kann, ohne dass man selbst etwas davon bemerkt“, stellt der Pressesprecher fest.

Gemischte Gefühle bei den Erzieherinnen

Angesichts dieser Problematik sehen auch die Erzieherinnen anderer Träger die Öffnung mit gemischten Gefühlen. „Jede Medaille hat ja bekanntlich zwei Seiten“, stellte beispielsweise Adriana Kauth fest. Für die Kinder seien feste Strukturen wichtig, es werde Zeit, dass sie die Kita wieder besuchen könnten, sagte die Leiterin der evangelischen Kindertagesstätte Sternschnuppe in Werdohl. Andererseits bestehe bei der Arbeit in der Kita ein gewisses Ansteckungsrisiko. „Wir tragen ja keine Masken und sind nicht geschützt“, sagte Kauth.

Diesen Aussagen schloss sich Melanie Ehlert an. Die Leiterin der ebenfalls evangelischen Kita Arche Noah erzählte, dass sich für sie und ihr Team ab Montag nicht viel ändern werde. „Wir arbeiten weiterhin wie bisher in festen Gruppen, nur, dass dann mehr Kinder bei uns sind.“ Bedenken hatten die beiden Kita-Leiterinnen mit Blick auf den 8. März. Dann könnte – so sieht es der Stufenplan des Ministeriums vor – lokal der eingeschränkte Regelbetrieb wieder beginnen. Damit würde die Begrenzung der Betreuungszeit aufgehoben. „Uns ist nicht klar, wie wir das personell leisten sollen“, waren Kauth und Ehlert einer Meinung.

In Neuenrade hält man sich an den Stamp-Plan

In Neuenrade werden die Kindertagesstätten ab Montag nach dem Ministeriums-Plan geöffnet. „Entsprechend den Vorgaben des Ministeriums wird es weiterhin feste Gruppen geben“, erklärt Kämmerer Gerhard Schumacher, in dessen Ressort auch die Kindertagesstätten fallen. Bezüglich der landesweiten pauschalen Kürzung der Betreuungszeit sagte Schumacher, man wolle sich im Rahmen der personellen Möglichkeiten um eine gewisse Flexibilität bemühen, um den Eltern entgegen zu kommen. „Extremfälle können wir natürlich nicht abdecken. Wir denken in diesem Zusammenhang aber an eine mögliche Steuerung der Abholzeiten.“

Die Stadt Neuenrade werde sich an dem Stufenplan des Familienministers orientieren, sagte Schumacher mit Blick auf das weitere Vorgehen. Allerdings dürfe man nicht vergessen, dass es auch notwendig werden könne, das Betreuungsangebot wieder zurückzufahren. „Wenn die Infektionszahlen langsam wieder ansteigen, dann kehren wir zur vorherigen Öffnungsstufe zurück.“ Bei einem sprunghaften Anstieg – den das Ministerium aber nicht in Zahlen festgeschrieben habe, greife die Coronanotbremse: „Dann könnte es sein, dass die Einrichtungen wieder komplett geschlossen werden müssten“, wies der Kämmerer darauf hin, dass niemand die weitere Entwicklung der Pandemie voraussehen könne.

Ab Montag dürfte es „bei uns wieder voll werden“

Dass es dazu kommen könnte, möchten sich die meisten Eltern momentan aber nicht vorstellen. „Wir haben schon Rückmeldungen. Die Eltern sind sehr froh, dass der Kitabetrieb wieder startet“, berichtete Heike Richter-Oltmanns, Leiterin der Neuenrader Kita Sausebraus. Sie rechne damit, „dass es am Montag bei uns wieder voll wird“.

Aus pädagogischer Sicht sei es wichtig, den Kindern wieder der Besuch der Einrichtungen zu ermöglichen. „Es ist coronabedingt vieles auf der Strecke geblieben“, stellte die Kita-Leiterin fest. Andererseits gebe es natürlich gesundheitliche Bedenken im Team. „Wir können ja keinen Abstand halten. Das ist bei unserer Arbeit einfach nicht möglich.“

Vorfreude in der Wirbelwind-Kita

Monika Batusha, Leiterin der Kita Wirbelwind in Neuenrade, stellte im Namen des Kita-Teams fest: „Wir freuen uns auf die Kinder.“ Sie habe mit Blick auf die Öffnung ein gutes Gefühl: „Es ist jetzt für die Kinder sehr wichtig, dass wir ihnen eine positive Perspektive aufzeigen.“

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