Behindertenwerkstatt mit neuem Leiter

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Jan Hendrik Marl leitet seit Januar das Werk Werdohl.

Werdohl - Jan Hendrik Marl hat viel vor. „Ich möchte den Anspruch steigern“, sagt der 44-jährige Plettenberger. Seit Januar leitet er die Werkstatt für Menschen mit Behinderung am Kettling. Für die 120 Beschäftigten wünscht er sich neue Aufgaben.

„Ich sehe hier einige Leute, die unterfordert sind“, begründet Marl seine Pläne. „Die könnten mehr, wenn wir die entsprechenden Arbeiten hätten.“ Doch die Umstellung erfordert eine Menge Zeit. „Ich musste hier erst einmal die Menschen kennenlernen“, sagt Marl über die ersten Monate in seinem neuen Beruf. „Man kann hier nicht wie in der Industrie von einem Tag auf den anderen alles umschmeißen.“

Bis Anfang Januar hatte der 44-Jährige noch nie mit Behinderten zusammengearbeitet. Zuletzt war der gelernte Werkzeugmacher zehn Jahre lang in der Arbeitsvorbereitung eines Plettenberger Unternehmens beschäftigt. „Ich habe dafür gesorgt, dass alles zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist“, fasst der zweifache Vater seine frühere Position zusammen. Bis die Produktionsteile versandfertig waren, sei er eine Art Schnittstelle zwischen den eigenen Abteilungen, externen Dienstleistern und Kunden gewesen.

„Nach zehn Jahren habe ich gedacht: Jetzt mache ich mal etwas ganz Neues“, sagt der Plettenberger. Da passte es gut, dass die Märkischen Werkstätten gerade einen neuen Leiter für ihr Werk in Werdohl suchten. Denn auch sein Vorgänger, Armin Haase, habe sich neu orientiert, sagt Marl. Nach dem Vorstellungsgespräch habe er einen Tag in der Werkstatt zugeschaut. „Früher habe ich gedacht: Die bauen hier ein paar Handfeger zusammen“, blickt er zurück. „Deshalb war ich sehr beeindruckt davon, welche Produkte hier entstehen.“ Neben Teilen für die Automobilindustrie sind das zum Beispiel Elemente für Rollläden.

Wie es war, sich an die Arbeit mit Behinderten zu gewöhnen? „Ganz einfach“, sagt Jan Hendrik Marl. Er schätze die „herzliche Ehrlichkeit“ der geistig behinderten Beschäftigten. „Entweder sie sagen: Ich kann dich nicht leiden, oder sie nehmen dich in den Arm und sagen: Ich mag dich“, schildert der Plettenberger.

Diese Offenheit braucht es auch umgekehrt. Beim Rundgang durch die Werkstatt spricht ein Beschäftigter Marl an. Ein Kollege habe nicht ordentlich gearbeitet, beschwert er sich. Marl schickt den Mann zum Gruppenleiter, der sieht sich die Sache an. „Du hast keinen Bock heute Morgen“, sagt er zu dem Beschäftigten am Arbeitstisch. Marl nickt. „Klare Worte“, sagt er.

Die guten Ringe in die grüne Kiste, die schlechten in die rote: In Zukunft sollen die Werdohler Beschäftigten solche Teile nicht nur prüfen, sondern bei Bedarf auch reparieren können.

Einen Raum weiter prüfen Beschäftigte Metallteile. „Beim Stanzen verziehen sich die Teile manchmal“, erklärt der Werkstattleiter. Nur die Metallringe, die durch das Prüfgerät fallen, landen in der grünen Box, der Rest geht zurück zum Auftraggeber. Marl möchte jetzt eine Presse anschaffen, mit der die Beschäftigten solche Stahlteile wieder in die richtige Form bringen können. „Größere Teilhabe an der Wertschöpfungskette“, nennt er das. Die Beschäftigten merkten schließlich, wenn sie eine höherwertige Aufgabe ausführen könnten.

Wie wichtig die Arbeit für die Behinderten sei, zeige sich vor allem, wenn einmal nichts zu tun sei. „Manchmal haben wir zwei bis drei Tage Leerlauf, weil unsere Auftraggeber die Teile noch nicht geliefert haben“, erläutert der Werkstattleiter. „Die Gruppenleiter sind dann vor allem damit beschäftigt, eine Rebellion zu verhindern.“

Für seine neuen Ideen habe er auch grünes Licht von seinen Vorgesetzten, sagt Marl. Denn auf einer NRW-weiten Liste seien die Märkischen Werkstätten im Hinblick auf den Pro-Kopf-Umsatz im unteren Drittel. „Wir wollen in die Mitte“, hat er sich als Ziel gesteckt. - Von Constanze Raidt

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