Mangelnde Professionalität?

Heimstraße: Ärger über Bürgermeister Späinghaus

Menschen aus der Heimstraße 16: Anna und Vehbjia Maljic, Cengiz Aydenir und Alma Bachus. Die vier leben schon seit 30 Jahren dort. 15 der 17 Familien aus dem Mehrfamilienhaus haben einen Migrationshintergrund, insgesamt leben dort rund 60 Personen. Viele von ihnen fühlen sich nach dem Unwetter vom Bürgermeister und der Hausverwaltung nicht genügend ernst genommen.
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Menschen aus der Heimstraße 16: Anna und Vehbjia Maljic, Cengiz Aydenir und Alma Bachus. Die vier leben schon seit 30 Jahren dort. 15 der 17 Familien aus dem Mehrfamilienhaus haben einen Migrationshintergrund, insgesamt leben dort rund 60 Personen. Viele von ihnen fühlen sich nach dem Unwetter vom Bürgermeister und der Hausverwaltung nicht genügend ernst genommen.

Mehrere Eigentümer der von Hochwasser betroffenen Hausgemeinschaft Heimstraße 14 sind von den Äußerungen und dem Verhalten des Werdohler Bürgermeisters Andreas Späinghaus (SPD) enttäuscht.

Sie sehen sich von ihm als Lügner dargestellt, nach wie vor würden sie im Stich gelassen. Späinghaus habe über die Zeitung persönlich beleidigt und unprofessionell auf Hilfeersuchen reagiert, so sehen es die Bewohner. Auch für die private Hausverwaltung durch die Sozietät Hermes finden sie kaum ein gutes Wort.

In der vergangenen Woche war das Hochwasser in alle Kellerräume und zwei Erdgeschosswohnungen eingedrungen. Beide Wohnungen sind vollständig zerstört und unbewohnbar. Aus den Keller wurden fünf Container voll kaputtes Inventar geholt. Das Ehepaar Anna und Vehbjia Maljic sowie Cengiz Aydenir und Mahmut Sinecek zeigten sich bei einem Besuch der Redaktion in der Heimstraße enttäuscht darüber, dass ihnen weder von der Stadt noch von der Hausverwaltung konkrete Hilfe angeboten worden sei.

Anwohner bleiben bei ihren Vorwürfen

Der Verdacht, dass sie als zum Teil seit Jahrzehnten in Werdohl lebende Ausländer nicht im Blick der Stadtverwaltung stünden, kam rasch über die Lippen. Anna Maljic stammt aus dem ehemaligen Jugoslawien und lebt seit 1969 in Deutschland. Sie steht Tage später immer noch dazu: „Das habe ich so gesagt, ja, das war eben mein Gefühl in der Situation.“

Späinghaus hatte diesen latenten Rassismus-Verdacht von sich gewiesen, reagierte empört und sprach von „Skandal“ und „Frechheit“. Es sei unwahr, der Stadt Untätigkeit vorzuwerfen. Späinghaus hatte detailliert aufgezählt, in welcher Weise die Stadt Kontakt zu den Eigentümer gehabt hatte.

Anwohner und Angehörige sind aufgebracht

Diese Reaktion brachte Melita Alzorba nachträglich auf die Palme. Die Tochter der Eheleute Maljic, die Eigentümer des kleineren Anbaus am 3,5-geschossigen Mehrfamilienhaus sind, war am Tag nach dem Unwetter bei ihren Eltern. Alzorba ist Mitarbeiterin der Lüdenscheider Stadtverwaltung im Fachbereich Planen und Bauen, sie betont die Fürsorgepflicht einer Stadtverwaltung für die Bürgerinnen und Bürger. Umso schwerer wiegen ihre Vorwürfe an Bürgermeister Späinghaus: „Von Ihnen als Bürgermeister dürfen die Bürger der Stadt Werdohl – und ja, auch die ,chaotische’ Hausgemeinschaft der Heimstraße 14 – folgendes erwarten: Loyalität, Rückhalt, Zuwendung, Aufmerksamkeit, Verständnis, Empathie, Hilfe! Diese Menschen waren im wahrsten Sinne des Wortes abgesoffen, die Kommunikation zur Außenwelt war so gut wie gar nicht gegeben.“ Bis heute sind Telefon und Internet der Telekom in Eveking gestört.

Alzorba war mit ihrem Mann, ihrem Bruder und dessen Lebensgefährtin tagelang zum Helfen und Aufräumen an der Heimstraße: „Wir haben weder Vertreter der Verwaltung, noch die Hausverwaltung, und auch keine Baufirma gesehen.“

„Er hätte seine persönlichen Gefühle beiseite lassen sollen“

Sie könne gut nachvollziehen, dass sich ein „deutscher Bürgermeister“ gegen den unterschwelligen Rassismus-Vorwurf auch von ihrer Mutter distanziere. Von Späinghaus erwarte sie Professionalität: „Er hätte seine persönlichen Gefühle beiseite lassen sollen.“ Und zum Schluss: „Sowohl von der Werdohler Behördenleitung als auch von allen anderen Beteiligten wäre nur eine Reaktion richtig und angemessen gewesen: Ärmel hochkrempeln und helfen!“

Das Unwetter hat das Badezimmer dieser Erdgeschosswohnung in der Heimstraße 14 zerstört. Die Wohnungseigentümer stehen praktisch vor dem Nichts.

Dieser Meinung ist auch Wohnungseigentümer Cengiz Aydenir. Späinghaus habe die internationale Hausgemeinschaft der Heimstraße der Lüge bezichtigt. Aydenir lässt auch an der Hausverwaltung durch die Sozietät Hermes kein gutes Haar.

Auch die Hausverwaltung äußert sich

Andrea Weber, von Hermes mit der Hausverwaltung beauftragt, schildert das im Gespräch mit unserer Redaktion so: „Ich war mehrere Stunden da und habe mit vielen gesprochen.“ Die Erdgeschosswohnungen und die Keller hätten „sowas von verwüstet“ ausgesehen, die Lage sei sehr schlimm gewesen. Sie habe wahrgenommen, dass die Leute dankbar für ihren Besuch gewesen seien.

Den Mietern und Eigentümern der beiden zerstörten Erdgeschosswohnungen seien je 2000 Euro Soforthilfe durch die Gemeinschaftskasse angeboten worden. Es habe sich aber keine Zustimmung aller Eigentümer-Parteien einholen lassen, so dass letztlich kein Geld ausgezahlt wurde. Cengiz Aydenir schüttelt den Kopf: „In so einer Situation verschickt sie Briefe, während wir im Dreck versunken sind.“

Die Arbeitskollegen helfen aus

Serdar Sarvan als Miteigentümer einer der beiden zerstörten Erdgeschosswohnungen haben die Arbeitskollegen von VDM finanziell geholfen. Weder von der Hausverwaltung noch von der Stadtverwaltung habe er Hilfe bekommen.

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