Heimatfreunde Schlesien geben auf

Auch nach der Vereinsauflösung: Die Gedenkstunde zum Volkstrauertag wird auch künftig stattfinden.

WERDOHL ▪ Die Heimatfreunde Schlesien Werdohl haben einen Schlussstrich gezogen. 60 Jahre nach der im November 1950 erfolgten Gründung – damals noch als Landsmannschaft Schlesien – hat der Verein sich aufgelöst. Die Entscheidung fiel bereits Mitte Juni dieses Jahres im Rahmen einer Versammlung im Ütterlingser Krug, an der 29 der nur noch 65 verbliebenen Mitglieder teilnahmen (zu Glanzzeiten waren es über 600); wirksam wurde sie zum 1. Juli. Die vorhandenen Geldmittel fließen mit einer Zweckbestimmung der Stadt Werdohl zu.

Ausschlaggebend für die Auflösung waren mehrere Punkte. Es gab zum Schluss keinen funktionsfähigen Vorstand mehr. Eine Neubesetzung der Positionen war nicht möglich. Bis auf die Weihnachtsfeier waren die Aktivitäten zum Erliegen gekommen. Es gab kein Vereinsleben mehr, und daher waren bereits 2009 keine Beiträge mehr erhoben worden. Der Zugang zum Vereinskonto war nicht mehr gegeben, weil die Ermächtigungen erloschen waren. Außerdem wurden die Perspektiven für die Heimatfreunde Schlesien als „ungünstig“ bezeichnet, weil keine Aussicht auf neue Mitglieder bestand und die natürliche Fluktuation den Bestand nach und nach weiter reduziert.

Trotz der Auflösung war man sich in der Versammlung im Juni allerdings einig, die Kontakte untereinander weiter zu pflegen. Auch die Gedenkstunde am Vortrag des Volkstrauertages mit Kranzniederlegung am Mahnmal auf dem Friedrich-Keßler-Platz soll weiterhin stattfinden. In diesem Zusammenhang gibt es eine Vereinbarung mit der Stadt, dass sie die Pflege dieses Mahnmals auf Dauer übernimmt.

Dass mit der Auflösung ein Kapitel wechselvoller Vereinsgeschichte beendet wurde, war jedem der Versammlungsteilnehmer klar. Der langjährige zweite Vorsitzende Alfred Böhmelt machte das mit seinem Rückblick nachhaltig deutlich.

Über 100 vertriebene Schlesier hatten den Verein gegründet. Zu seinen Aufgaben gehörte es, die Mitglieder zu unterstützen, denn bei der einheimischen Bevölkerung wurden die Flüchtlinge nicht gerade mit offenen Armen aufgenommen, erinnerte sich Böhmelt. Die Betreuung bei der Antragstellung zum Lastenausgleich und zur Hausratshilfe waren weitere Aufgaben; nicht zu reden von der Bewahrung schlesischer Sitten, Gebräuche und Mundart.

In der Folge wurden eine schlesische Laienspielschar, eine Trachten- und Kindergruppe sowie der Ostdeutsche Heimatchor ins Leben gerufen. Auf kulturellem Sektor machten die Schlesier mit ihren Veranstaltungen einen Namen.

In Erinnerung an die Leiden und Opfer auf der Flucht und während der Vertreibung aus der Heimat errichteten die Schlesier gemeinsam mit Ost- und Westpreußen, Pommern und Sudetendeutschen nahezu in Eigenarbeit das Mahnmal auf der Funkenburg – damals noch als „Deutsches Kreuz des Ostens“ bezeichnet. 1953 wurde es eingeweiht.

Der Respekt vor diesem Mahnmal und seiner Bedeutung war indes vergänglich. Seit Mitte der 80-iger Jahre litt es immer wieder unter Zerstörung und Vandalismus – bis hin zu der Tatsache, dass die Granitsäulen der Landsmannschaften den Hang hinunter Richtung Versestraße gestoßen wurden. Zwar sorgte die Stadt immer wieder für Reparaturen und Sanierung, doch im April 1996 fiel die Entscheidung im Rat: Das Mahnmal bleibt Ruine.

Ein Jahr später folgte der Beschluss: Es bleibt das sechs Meter hohe Kreuz; auf dem Friedrich-Keßler-Platz sollte ein neues Mahnmal entstehen. 1998 wurde es fertiggestellt – finanziert durch 66 Einzelspenden in einem Gesamtbetrag von 9 540 D-Mark, wobei die Heimatfreunde Schlesien nicht unwesentlich beteiligt gewesen sind.

Ein bedeutendes Unterkapitel in der Geschichte des Vereins wurde im März 1984 aufgeschlagen und abgeschlossen. Wegen der Öffnung zu einheimischen Mitgliedern aber mehr noch wegen des radikalen politischen Rechtsrucks des Bundesvorstandes wurde mit absoluter Mehrheit beschlossen, aus der Landsmannschaft auszutreten und als Heimatfreunde Schlesien Werdohl künftig ein Eigenleben zu führen. Das hatte auch zur Folge, dass die eingenommenen Mitgliedsbeiträge in vollem Umfang verwendet werden konnten.

Rainer Kanbach

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