Praxen könnten an Kapazitätsgrenzen stoßen

Hausärzte in Werdohl sind bereit zum Impfen

Ab April sollen auch Hausärzte gegen Corona impfen. Unter den Werdohler Medizinern ist die Bereitschaft dazu groß.
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Ab April sollen auch Hausärzte gegen Corona impfen. Unter den Werdohler Medizinern ist die Bereitschaft dazu groß.

Mit der Einbeziehung der Hausärzte möchten Bund und Länder die Corona-Schutzimpfung ab Mitte April in die Fläche tragen: Dann soll der immunisierende Piks auch in den Arztpraxen möglich sein. Wie stehen Werdohler Hausärzte dazu?

Werdohl ‒Die Kassenärztliche Vereinigung erhofft sich, dass bis August so viele Menschen geimpft werden, dass die Herdenimmunität in Deutschland hergestellt ist. Was halten die Werdohler Ärzte davon? Sind sie auf die zusätzliche Aufgabe vorbereitet? Die Redaktion hat sich bei einigen Medizinern umgehört.

Wie identifizieren Hausärzte Menschen mit Vorerkrankungen, die vorrangig geimpft werden sollten?

Grundsätzlich gibt es für die Corona-Schutzimpfung eine festgelegte Reihenfolge, die den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (Stiko) folgt. Darin ist zum Beispiel festgelegt, dass Menschen über 80 Jahren zuerst geimpft werden sollen. Aber auch Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen oder Risikofaktoren können unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer Priorisierungsgruppe geimpft werden. Die Entscheidung darüber sollen die Hausärzte treffen – ein Problem? „Nein, kein Problem“, sagt Dr. Patrik Roumani-Spree und verweist darauf, dass er seine Patienten und ihre Krankheitsgeschichte kennt. Wer eine entsprechende Bescheinigung benötige und die medizinisch vertretbar sei, bekomme er sie. „Das läuft auch schon so, seit etwa zwei Wochen fragen Patienten vermehrt danach“, berichtet Roumani-Spree. Auch Dr. Hikmet Dogan, Internist mit Praxis an der Bahnhofstraße, hat diese Erfahrung gemacht: „Wir werden oft von Patienten danach gefragt, zuletzt permanent.“

Können Hausärzte die Impfreihenfolge beeinflussen?

Ja und nein. „Wir entscheiden grundsätzlich nicht nach Gefälligkeit“, betont Patrik Roumani-Spree, dass für ein Attest, das ein bevorzugtes Impfen ermöglicht, immer medizinische Gründe ausschlaggebend seien. Das hält grundsätzlich auch Hikmet Dogan so – zumindest so lange, wie nicht genügend Impfstoff vorhanden ist. Allerdings fragt er auch: „Warum sollte ich jemanden, der unbedingt geimpft werden möchte, nicht impfen, wenn doch genügend Impfstoff da ist?“. Immerhin könne das doch die Bewältigung der Pandemie beschleunigen. „Sonst dauert das noch bis nächstes Jahr, und es kommen immer neue Mutationen hinzu“, sieht Dogan das ganz pragmatisch. Eine neue Verordnung könnte Ärzte aus dieser Zwickmühle befreien. Zwar soll die bisherige Priorisierung nach Alter, gesundheitlichem und beruflichem Risiko weitgehend aufrecht erhalten bleiben. Zusätzlich sollen Haus- und Fachärzte aber „Einzelfallentscheidungen nach individueller ärztlicher Beurteilung aufgrund besonderer Umstände“ treffen dürfen.

Wollen die Werdohler Ärzte überhaupt impfen?

„Wir sind bereit, unseren Patienten zu helfen, allerdings haben wir noch keinen Kontakt zur Kassenärztlichen Vereinigung“, signalisiert Hikmet Dogan grundsätzliche Bereitschaft, ist aber noch nicht darüber im Bilde, ab wann und wie geimpft werden soll. Auch Patrik Roumani-Spree und sein Vater Atif stünden als Impfärzte zur Verfügung: „Wir haben der KV schon vor Wochen unsere Bereitschaft signalisiert.“ Thomas Greif, Allgemeinmediziner in Pungelscheid und Beiratsvorsitzender der Ärztlichen Qualitätsgemeinschaft Lennetal (Lennetz), ist etwas zurückhaltender: „Das ist im Moment kein Thema, weil wir noch zu wenig Impfstoff haben.“ Grundsätzlich ist er aber wie auch seine Kollegen der Meinung, „dass die Impfung in die Hände der Hausärzte gehört“. Der Grund: „Wir haben Erfahrungen mit dem Impfen. Wir kennen unsere Patienten, weshalb die Beratungsgespräche oft kürzer ausfallen können als in den Impfzentren.“

Wie schnell können die Hausärzte überhaupt impfen?

Die Kassenärztliche Vereinigung stellt sich vor, dass die bundesweit etwa 50.000 Arztpraxen jeweils 100 Menschen pro Woche gegen Covid-19 impfen könnten. Damit könne die Herdenimmunität bis Anfang oder Mitte August erreicht werden. Ist diese Zahl realistisch? Die Werdohler Hausärzte sehen das unterschiedlich. Patrik Roumani-Spree, der Erfahrung als Impfarzt aus dem Impfzentrum in Lüdenscheid mitbringt und die Praxis an der Freiheitstraße zusammen mit seinem Vater Dr. Atif Roumani-Spree betreibt, hält 100 Impfungen pro Woche für machbar. Hikmet Dogan ist da skeptischer. „Zehn Impfungen pro Tag sind möglich. Aber 100 pro Woche? Das wird schwierig“, sagt er und verweist darauf, dass der normale Praxisbetrieb ja auch weiterlaufen müsse. So sieht das auch Thomas Greif, Allgemeinmediziner in Pungelscheid: „100 Impfungen pro Woche sind nicht so einfach nebenbei machbar.“

Wie hoch ist der zusätzliche Aufwand für die Ärzte?

Die Impfung gegen eine Covid-19-Erkrankung beschert den Ärzten zusätzliche Arbeit. Alleine der bürokratische Aufwand ist hoch, muss doch jede Impfung akribisch dokumentiert werden, weshalb zum Beispiel Hikmet Dogan den „Papierkram“ schon etwas fürchtet. Hinzu kommt die Zeit für die Beobachtung der Patienten unmittelbar nach der Impfung. Patrik und Atif Roumani-Spree haben sich zumindest dafür aber schon eine Lösung überlegt: Sie wollen die neben ihrer Praxis liegenden und derzeit ungenutzten Räume des Billard-Vereins nutzen.

Lohnt sich die Impfung für die Ärzte?

Natürlich müssen die Hausärzte dafür bezahlt werden, dass sie im Kampf gegen die Pandemie nun eine wichtige Rolle spielen sollen. Der zusätzliche Aufwand muss sich für sie auch finanziell rechnen. Laut Nachrichtenmagazin Focus soll die Vergütung für Impfungen in der Praxis auch bereits geklärt sein: 20 Euro soll der Arzt für jeden Piks erhalten, bei einem Hausbesuch sollen es wohl 55 Euro sein. Patrik Roumani-Spree sagt ebenso wie Hikmet Dogan, er habe noch keine genauen Informationen darüber, wie viel Geld er für das Impfen bekomme. Das sei auch nebensächlich. „Im Vordergrund muss stehen, dass wir mit dem Impfen durchkommen, um diese Pandemie zu bekämpfen“, betont Roumani-Spree.

Was sagen die Ärzte über die Impfstoffe?

Der Impfstoff von Biontech/Pfizer genießt in Deutschland hohes Ansehen und wurde auch an die Hochbetagten in den Senioren- und Pflegeheimen verimpft. Andere Vakzine sind weniger populär, das von Astrazeneca ist geradezu in Verruf gekommen. Grundlos, meint Hikmet Dogan. „Drei meiner fünf Mitarbeiterinnen sind mit Astrazeneca geimpft worden, nur eine hatte anschließend leichte Probleme.“ Allein aus logistischen Gründen würde er in seiner Praxis am liebsten den Impfstoff des britisch-schwedischen Herstellers spritzen. Astrazeneca gilt als deutlich weniger empfindlich, was die Handhabung angeht. Auch Patrik Roumani-Spree hält den Vektorimpfstoff mit der Bezeichnung AZD1222 für sehr gut – zumindest, wenn er jungen Menschen verabreicht wird. Im übrigen geht er derzeit davon aus, dass der mRNA-Impftstoff von Biontech/Pfizer gar nicht zur Verimpfung in den Arztpraxen ausgeliefert wird, sondern den Impfzentren vorbehalten bleibt. Thomas Greif ist gespannt auf den in den Niederlanden entwickelten und erst kürzlich zugelassenen Vektorimpfstoff des US-Pharmakonzerns Johnson & Johnson. „Der soll ja sehr einfach zu handhaben sein“, sagt er über das Mittel, das auf die gleiche Weise wirkt wie das von Astrazeneca, aber als einziges aller bisher in Deutschland zugelassenen Mittel nur einmal gespritzt werden muss. Greif warnt allerdings vor übertriebener Erwartung an jegliche Impfstoffe: „Ich bin nicht der Meinung, dass uns das Corona-Virus in diesem Jahr verlässt. Ein Virus zu eliminieren hat bisher nur bei den Pocken funktioniert. Deshalb impfen wir ja, Impfen ist eine Aufgabe für die Ewigkeit.“

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