Haus am Eggenpfad wird 100 Jahre alt

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Das kleine Zimmer neben dem Wintergarten beherbergte einst die Schusterwerkstatt von Heinrich Sondermann. Bärbel Heberts Großvater baute das Haus am Eggenpfad für seine acht Töchter.

Werdohl - Das kleine Zimmer neben dem Wintergarten war früher eine Schusterwerkstatt, die Küche beherbergte im Laufe der Jahre schon Lebensmittelgeschäfte und ein CDU-Büro, ein Wohnraum wandelte sich vom Schuhgeschäft zum Friseursalon. Im Laufe der vergangenen 100 Jahre hat sich in dem stattlichen weißen Haus an der Ecke zwischen Eggenpfad und Brüderstraße viel verändert.

Von Constanze Raidt

Die Familie von Bärbel Hebert wohnt schon seit vier Generationen darin. Dass ihr Großvater Heinrich Sondermann vor 100 Jahren – im Mai oder Juni 1914 – mit dem Bau begonnen hatte, hat Bärbel Hebert anhand von Rechnungen herausgefunden. Der Schuster war aus Rahrbach nach Werdohl gekommen, weil er in seiner Heimatstadt keine Arbeit mehr fand. In der Stadt an der Lenne heiratete er Heberts Oma Luise. Zuerst mietete die Familie ein Haus an der Brüderstraße. Doch als die ersten vier der insgesamt acht Töchter geboren waren, „da hat mein Opa gedacht: Das wird viel zu klein, ich muss was Größeres bauen“, erzählt die 74-Jährige.

Kaum dass ihr Großvater mit dem Bau begonnen hatte, musste er in den Krieg und kehrte erst vier Jahre später zurück. „Meine Oma musste sich um alles kümmern“, sagt Bärbel Hebert. Gar nicht so einfach für eine Mutter, die schon vier Kinder zu versorgen hatte. Doch als Heinrich Sondermann im Jahr 1918 nach Werdohl zurückkam, lebte seine Familie schon im fertigen neuen Heim. „Hier hat er an die Scheibe geklopft und meine Oma überrascht“, sagt Hebert und zeigt auf ein kleines Fenster direkt neben der ehemaligen Schusterwerkstatt.

Lieblingsplatz Wintergarten

Die 74-Jährige wohnt schon ihr ganzes Leben lang in dem Haus ihrer Großeltern. Nach dem Tod ihres Großvaters gehörte es zunächst ihren Tanten, dann bekam Bärbel Hebert das vierstöckige Gebäude. Inzwischen hat sie es ihrem Sohn Dirk überschrieben, der das Obergeschoss bewohnt. Die zweite und dritte Etage sind vermietet.

Im Erdgeschoss haben Bärbel Hebert und ihr Mann Norbert viel Platz: Ungefähr 120 Quadratmeter verteilen sich auf Küche, Wohn-, Schlaf- und Ankleidezimmer – und das „kleine Zimmer“, in dem ihr Großvater früher Schuhe reparierte und in dem heute ein Schreibsekretär steht. Am liebsten sitzen die Heberts aber in ihrem Wintergarten, den sie im Jahr 1991 bauen ließen. „Das war meine Idee“, sagt Bärbel Hebert stolz. „Ich habe dem Architekten genau erklärt, wie ich das haben will.“ Jeden Morgen um sieben Uhr gehe sie in den Wintergarten, „mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette“. Dort genießt sie den Blick auf die Bäume und Blumen in ihrem Garten.

Seit 100 Jahren steht das stattliche Haus an der Ecke zwischen Eggenpfad und Brüderstraße.

„Als ich klein war, war das ein Nutzgarten“, erinnert sich die Seniorin. Erdbeeren, Möhren, Tomaten, Salat und Kohl wuchsen unter den Obstbäumen. „Wir haben dann immer unreifes Obst gegessen und dann war uns schlecht“, sagt die 74-Jährige schmunzelnd. Auch heute stehen noch ein paar Obstbäume im Garten. Wenn die Tragen, backt Bärbel Hebert Apfel-, Pflaumen-, Kirsch- und Birnenkuchen. Um den Garten kümmern kann sie sich nicht mehr, das übernehmen inzwischen Mitarbeiter der Märkischen Werkstätten. Die Hecke pflegt ein Nachbar.

Eine glückliche Kindheit habe sie in dem großen Haus verbracht. „Wir durften fast alles, nur nicht laut sein“, sagt sie. „Das konnte der Opa nicht vertragen.“ Mit ihrer Schwester, die inzwischen in der Nähe von Frankfurt lebt, spielte sie im Garten, im Keller und auf dem Heuboden. „Unser Opa hat dann eine große Leiter aufgestellt und wir sind hochgekrabbelt“, erzählt Bärbel Hebert.

In dem Teil des Kellers, in dem sie und ihr Mann heute Gartengeräte aufbewahren, hielt ihr Großvater früher Ziegen. „Wenn die raus mussten, weil sie im Garten fressen sollten, musste man sie raustragen“, erzählt die Seniorin. „Die konnten die Treppe nicht rauflaufen.“ Noch heute heißt dieser Raum „der Ziegenkeller“.

Schützenfest mit Himbeersaft

Eine besondere Tradition in Bärbel Heberts Kindheit waren auch die Schützenfeste, die sie und ihre Schwester im Garten mit den Nachbarskindern feierten. „Wer König werden wollte, musste mit einer Stricknadel in ein Buch stechen“, erklärt die 74-Jährige die Regeln. Wer die meisten Buchstaben erwischte, gewann. Die Kinder veranstalteten dann einen Umzug über die Straße, die Mutter servierte Himbeersaft und Kuchen.

„Bei uns war immer was los, alle kamen vorbei“, erinnert sich Hebert. Das blieb auch so, als ihre eigenen Söhne klein waren. Viel los sein soll auch am 17. August: Da wollen Norbert und Bärbel Hebert mit Freunden und Nachbarn ein großes Fest feiern. Ein so schönes Haus mit einer solchen Geschichte ist schließlich etwas Besonderes.

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