In den Hauptfächern werden Unterschiede am deutlichsten

Im Fach Mathe werden die Unterschiede besonders deutlich. Während die übrigen Schüler Textaufgaben aufschlüsseln (Bild), rechnen die Förderschüler in einer separaten Gruppe mit Tanja Lönhardt.

WERDOHL -  An der Realschule wird seit diesem Schuljahr eine integrative Lerngruppe unterrichtet.

Bei den Bundesjugendspielen ist Martina die 50 m Strecke in 8,5 Sekunden gelaufen und 2,97 m weit gesprungen. Nun muss sie noch werfen. Für eine Ehrenurkunde im Dreikampf benötigt Martina 900 Punkte... – Textaufgabe im Matheunterricht der 5c. Die Realschüler arbeiten in Gruppen, schlüsseln die Rechnung mit Hilfe einer Tabelle auf. Drei Schüler haben sich mit Tanja Lönhardt in den hinteren Teil der Klasse zurückgezogen, besprechen sich und rechnen hier ebenfalls. Ein Mädchen im Zahlenraum bis 20, eine zweite Schülerin bis 100, ein Junge löst Aufgaben bis 1000. – Eine normale Mathestunde in der 5c – seit diesem Schuljahr findet hier integrativer Unterricht statt.

Seit den Sommerferien werden an der Städtischen Realschule Schüler mit Förderbedarf unterrichtet. Vier Kinder, zwei Jungen und zwei Mädchen, der 5c haben Schwächen im Lernbereich, ein Junge hat eine Sehbehinderung. Er nimmt allerdings trotz eines Sehvermögens von 30 Prozent am normalen Realschulunterricht teil. Um in seinen Büchern alles lesen zu können, hat er eine Leselupe mit Licht. Vier Stunden pro Woche begleitet ihn außerdem mit Linda Ehrwerth eine Lehrerin, die dann von einer Dortmunder Förderschule nach Werdohl kommt.

Bei den anderen Kindern ist der Förderbedarf unterschiedlich und zeigt sich am deutlichsten im Fach Mathematik. „Da kommt keiner mehr mit“, berichtet Michael Stemski, Klassenlehrer und gleichzeitig auch Konrektor der Schule. Tanja Lönhardt ist die zweite Klassenlehrerin der 5c. Die Sonderpädagogin hat vorher an der Förderschule Werdohl unterrichtet.

In doppelter Besetzung wird die Klasse nicht in allen Fächern unterrichtet. So beispielsweise nicht in Kunst, Sport oder Musik. Vor allem in den Hauptfächern erhält die Fördergruppe Extra-Unterricht. „Manche Aufgaben können die Schüler noch ganz gut meistern, manches geht nicht, dann ist es gut, etwas anderes in der Tasche zu haben“, kennt Tanja Lönhardt die Schwächen und Probleme ihrer Schützlinge. Seit Kurzem kann sie sich mit ihren Schülern auch in einen eigenen Raum zurückziehen. Während sich die übrigen 17 Mädchen und Jungen sich beispielsweise mit Groß- und Kleinschreibung beschäftigen, sprechen die anderen über das Thema Märchen, lesen die Geschichten zusammen und versuchen, Märchenmerkmale heraus zu arbeiten. Für ihre freie Arbeit hat die Gruppe Arbeitsregeln aufgestellt. Auf einem großen Plakat an der Wand steht zum Beispiel: „Ich schaue in mein Kontrollheft, welches Arbeitsblatt ich bearbeiten möchte“, „Ich lese mir die Aufgabe durch und überlege, was ich tun soll“, „Ich beginne anschließend, sofort zu arbeiten“. Was selbstverständlich klingt, bedeutet für die Schüler aufgeschrieben auf dem Plakat Selbstsicherheit während des Lernens. In der Fördergruppe wird vieles gemeinsam besprochen – jedes Kind lernt aber nach seinem eigenen Tempo.

In den Schulalltag, das haben Michael Stemski und Tanja Lönhardt nach vier Monaten festgestellt, sind die Kinder integriert. Positive Rückmeldungen der Eltern bestätigen dies.

Dass sie anders lernen und andere Aufgaben bekommen, sind die meisten Kinder zudem bereits durch den gemeinsamen Unterricht (GU) in der Grundschule gewohnt.

„Als Ausgrenzung erleben die Kinder es nicht, wenn sie in ihrer kleinen Gruppe arbeiten“, so Tanja Lönhardt. „Die Schüler freuen sich eher, weil die Erfolgserlebnisse größer sind.“ Mitunter würden sogar die anderen Klassenkameraden fragen, ob sie mitkommen könnten. „Die Kinder merken natürlich, dass es eine intensive Förderung gibt – das finden alle toll“, weiß Tanja Lönhardt.

Vor allem in den Hauptfächern werden die lernschwächeren Schüler nach Förderrichtlinien unterrichtet. In manchen Nebenfächern zeigt sich der Unterschied dagegen nicht auffallend. Handelndes Lernen, beispielsweise Versuche in Physik, sei von Vorteil für Förderkinder, so die Sonderpädagogin.

Bei Klassenarbeiten erhalten die Förderkinder vereinfachte Arbeiten, bekommen dafür nicht die üblichen Noten. Am Ende des Schuljahres erhalten sie Wortzeugnisse.

Wenige Förderkinder können einen Hauptschulabschluss schaffen, weiß Michael Stemski. In der Regel lautet der Schulabschluss dann auch an einer Realschule Förderschulabschluss für die Integrative Lerngruppe.

Die Eltern der Regelschüler wurden vorher nach ihrem Einverständnis gefragt, ob ihr Kind eine sogenannte IL-Klasse besuchen kann. Die meisten hätten sich aufgeschlossen gezeigt, so der stellvertretende Schulleiter, der durch das „teamteaching“, den Austausch und die Absprache mit seiner Kollegin, Vorteile für alle Beteiligten sieht. „Man ist mehr im Gespräch – über alle Schüler“, hat er festgestellt. Und dass seine Schüler einen zweiten Ansprechpartner hätten, sei ein weiterer Vorteil. Als Team ergänzen sich Stemski und Lönhardt, finden beide. Seine Kollegin sei beispielsweise der „Erziehungsprofi“, meint Michael Stemski lächelnd.

Beide Pädagogen hoffen im Sinne ihrer Schüler, dass sie ihren Unterricht auch im nächsten Schuljahr auf die gleiche Weise fortführen können. Eine Zusage gibt es allerdings immer nur für ein Schuljahr. Das sei auch von politischen Entscheidungen abhängig. „Schule und Integration in diesem Sinne ist noch im Experimentierstadium“, so Stemski. Letzlich komme es auch darauf an, wie viele Förderschullehrer auf dem Markt seien.

Von Simone Benninghaus

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