Harte und genießbare Kunst im Werdohler Bahnhof

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Filialleiterin Julia Thunecke hatte Grund, sich über das Interesse an der Aktion zu freuen. Auf dem Tablett sind Amerikaner, die mit kleinen Zeichnungen von Thomas Volkmann verschönert wurden – Kunst zum Aufessen eben.

Werdohl -  Nein, es gab keine ausgebrochenen Zähne: Kunst und Kuchen waren so weit von einander entfernt, dass Schein und Sein, Stein und weiche Schnittchen hinreichend zu unterscheiden waren. Und doch: Es gab Schnittmengen, wo Kunst und Kuchen optisch nahe beieinander lagen.

Doch die steinernen Artefakte lagen sicher in Glasvitrinen, während Bienenstiche, Amerikaner und Apfelkuchen dank der Mitarbeiterinnen der Bäckerei Grote frei auf Tabletts herumsprangen und beim sofortigen Verzehr Freude machten. So konnten die zahlreichen Besucher der Ausstellungseröffnung im Werdohler Bahnhof nicht nur sehen, sondern „das Ende der brotlosen Kunst“ auch schmecken, wie der Titel des ungewöhnlichen Projekts verhieß. Fast alle Künstler sind ins Zentrum des Themas vorgedrungen. Bildhauerin Hiltrud Steuble-Deigmöller präsentiert steinerne Brotlaibe, vielleicht auch Käselaibchen, die im Anschnitt Überraschendes – eine Weltkarte – offenbaren. Annette Kögels steinerne Schriftfragment-Schnittchen liegen sicher verwahrt in einer Vitrine, während die gleichen Motive als essbarer Fotodruck formidablen Bienenstich zieren. Eindeutig nicht essbar sind bemalte Quader – gestreckt bis zu den Dimensionen eines Baguettes, was nur lecker aussieht. Kurt Kornmann spielte mit Kuchenförmchen und präsentiert eine lustige – ebenfalls nicht essbare - und für seine Kunst eher ungewöhnlich bunte Mischung. Doch er mogelte in die Vitrine auch zwei kleine drahtige Armlehnstühle. Wer mag, kann den mitgelieferten Stoff auflegen, das Ganze in seinen Garten stellen und getrost dem Regen überlassen, wie sich der Stoff mit der Zeit einfärbt – ein echter Kornmann eben. Janusköpfig präsentiert sich eine Torte von Gerhard Kania und Thomas Volkmann, die ebenfalls nicht angeschnitten werden kann. Sie ist umgeben von sich selbst auf der Torten-Außenseite und ihren Kindern, kleinen Törtchen, die ein neues Zuhause suchen und in verschiedenen Farbvarianten käuflich erworben werden können. Einen eher lockeren Bezug zum Essbaren haben Thomas Volkmanns Tuschezeichnungen. Die kleinen grotesken Figuren zieren die gesamte Bäckerei von der Empore bis hin zu jener Route zu den Wasch- und Entsorgungsräumen, wo sich die nicht jugendfreien Werke häufen.

Der sechste im Bunde, Klaus Rinke, folgt hingegen einer anderen Spur: „Der Zug ist abgefahren“ lautet das zweite Thema der Ausstellung. Rinkes Reisen, von denen er feine, akkurate Tuschezeichnungen interessanter und schöner Gebäude mitbrachte, führten ihn nach Rhodos und Flandern, ins Elsass und nach Österreich, auf die britischen Kanalinseln und nach Zypern. Großformatig präsentiert sich in diesem illustren Kreis ein Gemälde mit einem Blick vom Berg auf Werdohl.

Anlässe genug also zum Schauen und Verweilen, und weil doch recht viele Besucher sich zur Eröffnung einfanden, gab es auch viele Chancen, über Kuchen und Kunst oder auch über etwas Anderes zu plaudern. Das dürfte auch noch eine Weile so bleiben: „Das Ende der brotlosen Kunst“ wird in der Bäckerei Grote im Bahnhof Werdohl noch bis zum 14. September gefeiert. - von Thomas Krumm

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