Psycho-soziale Unterstützung

Betroffene in Werdohl "erst einmal auffangen“

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Hans-Werner Schnittger ist im Einsatz an seiner lilafarbenen Weste gut zu erkennen.

Werdohl - Überall, wo Menschen bei Hilfseinsätzen tätig sind, gibt es auch diejenigen, die in einer speziellen Situation plötzlich überfordert sind. Bei der Feuerwehr gibt es für solche Fälle das Team für psycho-soziale Unterstützung (PSU). Zum Einsatz kam dieses zuletzt bei einem Zugunglück am Kettling. „Kreisweit gehören 50 bis 60 Kameraden zu diesem Team“, weiß Hans-Werner Schnittger. Er selbst ist einer von vier PSU-Kräften, die es stadtweit in Werdohl gibt.

Zuständig sind Schnittger und seine Kameraden für den gesamten Kreis mit den vier Rettungswachen in Werdohl, Balve, Meinerzhagen und Halver, den Feuerwehren in Lüdenscheid, Altena, Menden und Hemer sowie der Berufsfeuerwehr in Iserlohn. „Aber wir werden auch schon einmal von außerhalb des Kreises angefordert im Rahmen der Nachbarschaftshilfe – etwa bei einem Flugzeugabsturz.“

Schnittger erinnert sich: „Viele – auch in meinem privaten Umfeld – sagten zu mir: ‘Du hast solch eine ruhige Art’.“ Finanziert vom Märkischen Kreis hat Schnittger also vor drei Jahren die Ausbildung für die PSU gemacht, an zwei Wochenenden freitags bis sonntags – einmal in Dortmund, einmal in Aachen. Unterrichtet wurde er von Fachkräften des Malteser Hilfsdienstes. Zum Abschluss gab es praktische wie schriftliche Prüfungen.

Benötigt werde das PSU-Team nicht nur in Extremsituationen. Auch bei normalen Einsätzen können Feuerwehrleute und Rettungsassistenten an ihre psychischen Grenzen geraten. Generell gelte: „Wir machen unsere Arbeit.“ Etwas anderes sei es, „wenn ein Mensch in Deinen Armen stirbt oder ein Kollege beim Einsatz verletzt wird“.

In den intensiven Wochenend-Einheiten während der Ausbildung zum PSU’ler wurden Schnittger und seine Mitstreiter psychologisch geschult. Sie lernten die Kunst der Gesprächsführung, denn der Unterbrandmeister ist sich sicher: „Es geht zunächst einmal darum, den Betroffenen reden zu lassen.“ 30 bis 45 Minuten solle ein solches Gespräch dauern. Unterteilt ist es in drei Abschnitte: Im ersten gehe es ums Von-der-Seele-reden-Lassen zur Stabilisierung des Betroffenen.

Der zweite Punkt führe zur Akzeptanz der Situation: „Wir sagen dem Kollegen, dass er nichts falsch gemacht hat, dass er nicht die Verantwortung trägt für das, was geschehen ist, dass ihn keine Schuld trifft.“ Es gelte, dem Verunsicherten die Ängste zu nehmen. „Ich mache ihm klar, dass das jedem passieren kann, erzähle ihn von meinen Erfahrungen, sage ihm: ‘Es ist normal, wie Du reagiert hast’. Ich weiß ja, wie er sich dann fühlt.“

In der Tat hat der 56-jährige Feuerwehrmann reichlich Diensterfahrung: Zehn Jahre wirkte er bei der Löschgruppe Brüninghaus. Dann war er fast 20 Jahre lang beim Deutschen Roten Kreuz. Unterdessen ist er seit mehreren Jahren beim Löschzug Kleinhammer tätig.

Der dritte und letzte Abschnitt des Gesprächs mit dem Kameraden führe im Optimalfall zur Rückführung in die Tätigkeit. Aber Schnittger ist überzeugt: „Das ist meistens nicht sinnvoll, denn für unsere Einsätze braucht man einen klaren Kopf.“ Der Unterbrandmeister führt fort: „Gegebenenfalls fahren wir den Betroffenen nach Hause, raten ihm zur ärztlichen Beratung, oder bringen ihn sogar ins Krankenhaus.“ In Ausnahmefällen kommt es nach einigen Tagen sogar einmal zu einem zweiten Gespräch.

Schnittger weiß: „Es ist ganz wichtig, die Kameraden dann nicht alleine zu lassen.“ Der Unterbrandmeister schildert: „Der Standard ist, dass jeder Einsatz nach 72 Stunden verarbeitet sein sollte.“ Er holt Luft und ergänzt: „oder dass der Kamerad sich professionelle Hilfe sucht.“

Doch nach kleineren Einsätzen fahren die Feuerwehrleute einfach nach Hause oder zurück zum Arbeitsplatz. „Nach größeren Einsätzen machen wir zwar eine Feedback-Runde in der Wache“, aber ein Kamerad, der ernsthaft aus der Bahn geworfen sei, brauche doch mehr Zuwendung.

Das PSU-Team unterstützt vor Ort im Bedarfsfall nicht nur Feuerwehrleute, sondern auch Einsatzkräfte von DRK, Rettungsdienst, DLRG und Polizei. „Man muss die Betroffenen erst einmal auffangen“, schildert Schnittger den Ernstfall.

Die Mitarbeit im PSU-Team ist ehrenamtlich. Am Einsatzort sind die Mitglieder des Teams an ihren lila-farbenen Westen erkennbar. Alarmiert werden sie über den Einsatzleiter, wenn der vor Ort sieht oder spürt, dass Kameraden Hilfe benötigen.

„Wir kommen dann mit unseren Privatwagen“, erläutert Schnittger, „ohne Blaulicht.“ Am Ort des Geschehens angekommen, bietet sich der 56-Jährige für Gespräche an. „Wir können ja niemanden zwingen, das Angebot anzunehmen“, verdeutlicht er. „Tut einer das aber, nehmen wir ihn zur Seite und stellen unsere Handys, Funkgeräte und Pieper aus, um ungestört zu sein.“

Auch steht das PSU-Team unter Schweigepflicht. Mitglieder des PSU-Teams versorgen keine Angehörigen. Schnittger tut aber auch dies. Im vorigen Jahr hat er sich von Februar bis Dezember zusätzlich zum Notfallseelsorger ausbilden lassen. Träger der Ausbildung war in diesem Fall nicht der Märkische Kreis, sondern das Bistum Essen und der Kirchenkreis Iserlohn. Zuständig ist Schnittger in dieser Funktion aber „für alle Konfessionen“. Eingesetzt werde er in der Kirchengemeinde Werdohl-Neuenrade. Im Rahmen dieser Zusatz-Ausbildung lernte der Unterbrandmeister auch viel über Themen wie Stressbewältigung, Wiederbelebung und häusliche Gewalt.

Einsätze als Notfallseelsorger brachten ihn beispielsweise schon sehr oft in Kontakt mit Eltern, die gerade ihren Nachwuchs durch plötzlichen Kindstod verloren, oder mit Angehörigen, deren Familienmitglied soeben Suizid begangen hat. „Gespräche als Notfallseelsorger können auch mal zwei oder drei Stunden dauern“, nimmt er sich Zeit für die Verzweifelten – alles keine einfachen Situationen, auch nicht für den 56-Jährigen.

Wenn Schnittger dann einmal merkt, dass auch er Hilfe benötigt, kann er sich nicht selbst helfen. „Ich rufe dann einen Kollegen an.“ Er habe sich auch bereits einmal an einen Notfallseelsorger gewandt, berichtet er.

Bei Großeinsätzen komme das bundesweite Krisen-Interventions-Team (KIT) zum Einsatz. Die KIT-Mitglieder durchliefen zuvor eine umfangreichere Ausbildung. Sie kämen zum Einsatz bei Katastrophen, so etwa beim Loveparade-Unglück in Duisburg am 24. Juli 2010. „Die Kollegen, die damals dabei waren, werden heute noch psychologisch betreut“, weiß Schnittger.

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