Bei Gerhardi Galvanotechnik in Dresel / B236 komplett gesperrt

250 Einsatzkräfte bei Großeinsatz in Werdohl: Millionenschaden nach Gerhardi-Brand

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[Update 19.11 Uhr] Werdohl - Katastrophenszenario am Freitag im Industriegebiet Dresel: Über dem in grauen Herbstnebel liegenden Lennetal steht eine mehrere hundert Meter hohe Rauchsäule, die sich zum Teil bedrohlich schwarz einfärbt. Die Halle des galvanischen Werks von Gerhardi steht in Flammen. Die mehr als 250 Einsatzkräfte können davon nicht mehr viel retten – bis zum Nachmittag ist die Halle komplett ausgebrannt.

Die Sorge um eine Gefährdung von Menschen durch Stoffe in der Luft und im Wasser wurde sehr ernst genommen. Zunächst war nicht auszuschließen, dass sich in der Rauchwolke galvanische Giftstoffe befinden könnten. Um hier schnell Gewissheit zu erlangen, war der Messzug der Feuerwehr des Märkischen Kreises alarmiert worden. 

In der Galvanik werden Ammoniak, Salzsäure und Salpetersäure für den Fertigungsprozess verwendet. Auf den umliegenden Höhenzügen wurden weitere Luftmessungen vorgenommen. Feuerwehrleute entnahmen laufend Proben aus dem massenhaft abfließenden Löschwasser, das über die Straße in die Entwässerung lief. Vorausschauend hatte ein Mitarbeiter des Sondervermögens Abwasser bei der Stadt ein Regenrückhaltebecken leerlaufen lassen. Durch die Kanalisation ablaufendes Löschwasser konnte hier aufgefangen werden.

So lief die Arbeit in den umliegenden Betrieben während des Einsatzes ab

Sondereinsatz-Mitarbeiter des Landesamtes für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz fuhren nach Dresel. Die Fachbereichsleiter Michael Grabs und Bodo Schmidt waren sehr früh bei den Einsatzkräften in Dresel und informierten Bürgermeisterin Voßloh, die sich in Urlaub befindet. Die Versorgungsleitungen für Gerhardi wurden unterbunden, für das übrige Gewerbegebiet allerdings gab es weiter Strom und Wasser. In den meisten umliegenden Betrieben wurde weitgehend ungestört produziert. Die Polizei sperrte die Bundesstraße zwischen Elverlingsen und Höllmecke. Vereinzelt konnten Fahrzeuge über den Verbindungsweg zwischen Husberg und Lengelsen fahren, diesen Zugang kontrollierte die Polizei. 

Firma Gerhardi in Dresel brennt

Ein Einsatzzentrum wurde auf dem Hof der Firma NBTK Ulbrich eingerichtet, auch die Betriebe Schlotmann und Lohmann waren hilfsbereit. Eine vorsorglich bestellte größere Anzahl an Rettungswagen wurde nicht benötigt, auch der Evakuations-Gelenkbus der MVG kam nicht zu einem Einsatz. Schnell war eine ausreichende Verpflegung der rund 250 Einsatzkräfte organisiert. Christoph Huberty, Geschäftsführer von Gerhardi Lüdenscheid und auch vom Werdohler Werk, erinnerte an eine große Investition ins Werk vor rund eineinhalb Jahren. Damals sei die Kapazität der Anlage erheblich erhöht worden. 

Gerhardi: Unglücksfall bereits 2014

Von einem Schaden in Millionenhöhe sei in jedem Fall auszugehen. Gerhardi wurde schon 2014 in Lüdenscheid von einem Unglücksfall heimgesucht: Bei einem Chemieunfall in der Firma Gerhardi Kunststofftechnik am Loher Wäldchen wurden im April vor drei Jahren 31 Beschäftigte leicht verletzt. Beim Umfüllen von Chemikalien in einen Behälter wurden Salzsäure-Dämpfe freigesetzt. 

30.4.2014: 31 Verletzte bei Chemieunfall bei Gerhardi in Lüdenscheid

Für Dresel ist der Gerhardi-Brand nicht das erste große Feuer-Szenario: Rund 210 Einsatzkräfte waren im Oktober 2016 beim Großbrand der Entlackungsfirma Ab-Ek mit Rettungsarbeiten beschäftigt. Die Feuerwehr hatte jedenfalls keinerlei Probleme mit den Gegebenheiten vor Ort. Für die riesigen Mengen von Löschwasser wurden Entnahmestellen an der Lenne eingerichtet. Der Löschangriff erfolgte von der Drehleiter aus Werdohl, der Altenaer Drehleiter, dem Tanklöschfahrzeug „Berglöwe“ aus Rärin bei Herscheid, dem Hubrettungsfahrzeug der Feuerwehr Neuenrade und dem Tanklöschfahrzeug der Werdohler Feuerwehr. 

Feuerwehr Halver unterstützt aus der Luft

Die Einsatzleitung teilten sich der Werdohler Feuerwehrleiter Kai Tebrün und Kreisbrandmeister Michael Kling. Die Feuerwehr war mit nahezu allen Kräften aus der Umgebung im Einsatz. Am Nachmittag wurde sogar noch der Löschzug Buschhausen aus Halver hinzugerufen, der mittels einer Drohne und 15 Mann den Einsatz aus der Luft überwachen sollte. Gegen 15.30 Uhr meldete der Einsatzleiter: „Feuer aus!“ Die Löscharbeiten hatten bis dahin schon fast neun Stunden gedauert.

Danach gelang es den Einsatzkräften, die Halle seitlich von der Bundesstraße ausgehend zu öffnen und erstmals in das Gebäude zu schauen. Auch von einem Nebengebäude aus konnte die Halle betreten werden. Das Wasser stand zu diesem Zeitpunkt bis zu zwanzig Zentimeter hoch in der Halle, ein beißender Geruch lag in der Luft. Einsatzkräfte stiegen in Vollschutzanzügen in die Halle ein. Die Dekontaminationseinheiten der Werksfeuerwehr Hexion aus Iserlohn und das Havariemanagement Lobbe übernahmen das Abpumpen. 

Viele Feuerwehrleute waren zu diesem Zeitpunkt seit zwölf Stunden im Einsatz. Einige von ihnen kamen direkt aus der Nachtschicht.

Hintergründe zur Firma Gerhardi am Standort Dresel

Die Firma Gerhardi Galvanotechnik Werdohl GmbH beliefert nach eigenen Angaben Automobilfirmen und Systemlieferanten mit hochwertigen verchromten Kunststoffteilen. "Im Fertigungsprozess werden die Kunststoffteile mit einer galvanisch aufgebrachten Beschichtung in einem mehrstufigen Verfahren versehen.

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Dabei kommen Stoffe und Produkte aus der chemischen Industrie zum Einsatz, die zum Teil gefährliche Eigenschaften aufweisen", heißt es auf der Website des Unternehmens in den sogenannten "Informationen für die Öffentlichkeit nach §§ 8a und 11 Störfall-Verordnung".

Zum frühzeitigen Erkennen und Melden von Bränden sei der Betrieb mit passiven Brandschutzsystemen (z.B. Rauch- und Wärmemelder) ausgerüstet. "Ein Alarm der Brandmeldezentrale wird direkt an die zuständige Kreisleitstelle weitergeleitet", so das Unternehmen weiter.

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