Haftstrafe auf Bewährung für Ärztin

Werdohl/Unna - Ein Jahr und drei Monate Freiheitsstrafe auf Bewährung, so lautete gestern im Amtsgericht Unna das Urteil gegen die Ärztin, die zwei privatärztliche Verrechnungsstellen um insgesamt knapp 255.000 Euro betrogen hatte.

Einige Jahre hatte die Medizinerin in einer Praxis in Werdohl gearbeitet. Während dieser Zeit hatte sie die Betrugstaten begangen, indem sie für alte oder fingierte Rechnungen bei zwei Verrechnungsstellen doppelt abkassierte. Die Angeklagte gab zu, einer Wunderheilerin auf den Leim gegangen zu sein und dieser viel Geld für das Austreiben von Dämonen, gezahlt zu haben – 164.000 Euro. 

Als Grund für ihr Verhalten gab die Medizinerin familiäre Probleme und Geldsorgen an. Nachdem beim Prozessauftakt Schwester und Bruder der Ärztin von Wesensveränderungen berichtet hatten, sagten am Donnerstag zwei ehemalige Angestellte der 42-Jährigen aus. Auch ihnen war aufgefallen, dass die einst so fröhliche Chefin mit der Zeit immer aggressiver wurde, sich wenig für die Belange ihrer Angestellten interessierte und viel weinte. 

Eine Werdohlerin gab an, dass es Überweisungen mit hohen Beträgen an die Wunderheilerin gegeben hatte. Bezüglich der Abrechnungen erklärte die 22-Jährige, dass es ihr komisch vorgekommen sei, dass es zwar Rechnungen, aber keine aktuellen Behandlungen dazu gegeben hatte. Immer mehr Patienten seien gekommen, um sich über ungerechtfertigte Zahlungsaufforderungen zu beschweren. Die Angeklagte habe ihr gegenüber erklärt, dass sie dringend Geld brauchte. 

Fahrige und nervöse Angeklagte

Ein Unternehmensberater, der der Angeklagten bei der Tilgung ihrer Schulden half, beschrieb die 42-Jährige als fahrig und nervös. Richtige Gespräche seien nur schwer möglich gewesen. Auch so manche Entscheidung in finanzieller Hinsicht sei unüberlegt gewesen. „Das war das Chaotischste, das ich je erlebt habe“, brachte es der Zeuge auf den Punkt.

Im Sommer vergangenen Jahres sollte der Fall schon einmal verhandelt werden. Da die 42-Jährige aber mehrfach betont hatte, nicht bei klarem Verstand gewesen zu sein, beauftragte das Gericht einen Nervenarzt mit einem Gutachten zur Schuldfähigkeit. Am Donnerstag erklärte der Experte, dass die Angeklagte den magischen Glauben aus ihrer Kultur und aus dem Familienleben kenne. Sie habe unter Anpassungsstörungen mit Depressionen und Angstzuständen gelitten. Aber: „Ein Rest von Realitätskontrolle war noch da.“ Daraus ergebe sich, dass die Steuerungsfähigkeit der 42-Jährigen erheblich gemindert, aber nicht aufgehoben war. 

Während seiner Laufbahn sei der Nervenarzt immer wieder rational denkenden Menschen begegnet, die an Dinge wie Wunderheiler glaubten. In einer Krisensituation klammerten sich diese Leute an jeden Strohhalm. So auch die Angeklagte. Die beteuerte Donnerstag unter Tränen, dass ihr die Tat sehr leid tue: „Ich schäme mich sehr dafür.“ Aufgrund der Zeugenaussagen glaubte das Gericht der Ärztin. 

Unter Berücksichtigung ihres Geständnisses, eines leeren Vorstrafenregisters, ihrer Reue und der verminderten Schuldfähigkeit hielt das Gericht eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung für angemessen. Als Auflage muss die Angeklagte jeweils 4800 Euro an die Verrechnungsstellen zahlen.

Weitere Infos zum Gerichtsprozess:

Ärztin will von Dämonen besessen gewesen sein

42-jährige Medizinerin aus Werdohl gesteht Betrug

Rubriklistenbild: © dpa

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