Gruselige Ausstellung, die auch schmunzeln lässt

+
Die Höhe der Räume im Gewerbepark Eveking macht es möglich. Thomas Volkmann zeigt gigantische Variationen auf den Hades, Höllenfahrten und Läuterungsberge aller Art – allen voran jene von Dante Alighieri.

WERDOHL - „Made in Bangladesh“ steht in blutig roter Schrift auf den Schnittmustern auf der Wand. Spärlich beleuchtet eine wie ein Globus aufgehängte Lampe die Duschkabine. Statt sich elegant wie die Erdkugel zu drehen, ist sie in einem Eisenkorsett gefangen.

Mit der gleichen Farbe sind die Namen international agierender Bekleidungsfirmen auf den Leuchtkörper geschmiert. Darunter findet sich ein Begriff der Kunsttheorie, der normalerweise für leuchtende Augen sorgt: „Der goldene Schnitt“. Im Zusammenhang mit dem Blick auf die gandenlose Ausbeutung von Textilarbeitern in den sogenannten Entwicklungsländern bekommt der Begriff eine ganz andere Bedeutung. Da machen viele Global Player und letztlich auch die Kleidungskäufer einen dicken „Schnitt“. Und nach dem Einsturz einer ganzen Fabrik in Bangladesh hat selbst der Begriff „Schnittmuster“ seine Unschuld verloren.

Die Installation von Gerhard Kania und Thomas Volkmann ist eine von 19, die die beiden Künstler gemeinsam mit den Gastkünstlern Udo Unkel, Hartmut Funke und Heike Demleitner in den 18 Duschkabinen des ehemaligen Waschraums im Gewerbepark Eveking realisierten. Neben dem kritischen Blick auf die Globalisierung finden die Besucher Gruselkabinette, literarische Spielräume, einen Beichtstuhl und extrem unbefriedigende Angebote zur „Befriedigung“ – weibliches Plastikfleisch und Latexklüfte für merkwürdige Praktiken. „Verdunkel Deinen Verstand“ lautet die polemische Antwort auf die kriegsbedingte Plakat-Aktion „Der Feind sieht Dein Licht“.

Ein Skelett reitet einen abstürzenden Bomber – drei Gasmasken tragen zur unheimlichen Atmosphäre dieser Kabine bei. Demleitner richtete einen Beichtstuhl ein, der nicht wirklich dazu einlädt, sein Herz zu erleichtern. Ebensowenig wird ihr Rosenkranz aus Seifenstücken ernsthafte Begehrlichkeiten hinsichtlich religiöser Praktiken wecken. Das Gehörn eines echten Spießers begleitet eine weitere Installation von Volkmann und Kania: „Kiss Your Breasts“ steht neben einer entblößten künstlichen Frau.

Literarisch wird es dort, wo die Beiden Variationen auf James Joyce’ unlesbares Monumentalwerk „Finnegans Wehg“ ausbreiten. Am anderen Ende des Duschkabinen-Parcours stößt der Besucher auf den leuchtend in Szene gesetzten Schädel des Hofnarren Yorick aus Shakespeares „Hamlet“: „Armer Yorick“, bedauert ihn der Totengräber, während er die Gräber für die frischen Toten aushebt. „Düster“, befand eine Besucherin nach einem ersten Blick auf die Exponate der Ausstellung „Ab 8Zehn“, und das war nicht ganz abwegig.

Krieg, Ausbeutung und die Gefangenschaft durch die Zwänge der Sexualität und der Religion – das sind durchweg ernsthafte Themen. Doch spätestens Unkels kleine Skeletttierchen, die künstlich belebt werden, lassen das Abgründige in das Humorige kippen. Kaum eine der Installationen lässt die Besucher ausschließlich gruseln – fast immer darf auch geschmunzelt werden – so wie schon bei Shakespeare. Interessant ist die Begegnung mit Unkels kleinen geschmiedeten Figuren, die mehr Skelett als lebendiges Tier sind. Ein einsamer eiserner Ikarus dreht seine Kreise vor einem der beiden Riesengemälde Volkmanns, die der hohe Raum möglich gemacht hat. Der Werdohler Künstler wandert auf dieser gemalten Landschaft durch Hades und Hölle und über den Läuterungsberg – Assoziationen frei nach der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri. Gleich daneben öffnet ein weiteres Großformat assoziative Räume zwischen Schillers „Wilhelm Tell (the story)“ und Frank Wedekinds nackter Lulu.

Von Thomas Krumm

„Ab 8Zehn“ und „Die 18 Türen der Offenbarung“ sind am Freitag, 24. Januar, noch einmal von 18 bis 20 Uhr geöffnet, Kunsthalle Südwestfalen, Gewerbepark Eveking, Hauptstraße 67.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare