Grimm trifft auf Grimm in der Bücherei: Märchen mal anders

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Die rote Kappe zeigte bereits ein Märchen an.

Werdohl - Am Anfang stand eine Entschuldigung: „Sorry, Wolf, du hast die erste Show wohl nicht überlebt“, bedauerten Markus alias Jakob Grimm und Michael alias Wilhelm Grimm zu Beginn ihrer Hommage an ihre fernen Verwandten. Denn die Nachfahren der beiden Märchensammler waren schon einmal in der Stadtbücherei zu Gast und ließen „Rotkäppchen“ nun wieder aufleben.

Wilhelm, der es ansonsten mit dem Jakob nicht immer leicht hatte, setzte ihm eine rote Kappe auf den Kopf und machte ihn nicht etwa zum Rotkäppchen, sondern - wegen stimmtechnischer Übereinstimmungen - zum verkleideten „Udo Lindenwolf“. 

Weitere Rollen blieben übrig: „Ich bin der Idiot, der immer vier Rollen spielen muss“, klagte der vielseitige Wilhelm und mühte sich mit dem Rotkäppchen-Falsett ab. Mit dabei war auch Rotkäppchens Omma, deren historisch korrekte Bezeichnung „Großmutter“ lautete. Natürlich entfernten sich die beiden Barden in ihrem Schnelldurchgang durch das Märchen ein wenig von der alten Geschichte, was sie dem Publikum geschickt als besondere Qualität ihres Auftritts verkauften: „Und ihr habt gedacht, wir lesen euch langweilige Geschichten vor?“, fragte Jakob die Besucher in der gut gefüllten Bücherei. 

„Jakob - das ist total sexistisch, was du da machst!“

Mit Verlaub: Die Märchen der Gebrüder Grimm sind selten langweilig, aber natürlich fand die unterhaltsame künstlerische Freiheit ihrer Nachfahren im Publikum viele Freunde. Ein weiteres „Märchen mit dem Mädchen“ spielte in einem Schloss und begann mit Benennungsproblemen der Erzähler. „Prinzessin Buchsbaum? Ficus? Oleander?“ „Prinzessin Kratzdorne“ ging in die richtige Richtung, wenngleich zum Dornröschen immer noch ein paar Buchstaben fehlten. 

„Ich spinne“, schlüpfte Wilhelm in die Rolle jener älteren Dame, die dem armen Mädel die Impfung mit dem hundertjährigen Schlaf verabreicht. „Das sind die ersten wahren Worte, die du heute Abend sprichst“, ätzte Jakob. 

Keinen Respekt zeigte Wilhelm vor den Heldentaten jener Männer, die Frauen durch Küsse oder Klettertouren retten: „Jakob - das ist total sexistisch, was du da machst!“ Nicht nur Dornröschen, sondern auch die arme Rapunzel könne sich doch selbst befreien - ohne ruinierte Frisur und einen nach Knoblauch stinkenden Kuss am Ende. 

Sechslingswolftransengeburt im Märchenwald

In einer gewissen Nähe zum Original präsentierten die Grimms ein weiteres Wolfsmärchen: Wilhelm ließ den Isegrim mit unfassbar tiefer und sonorer Stimme um Einlass zu den sieben Geißlein betteln und packte erneut sein Falsett aus, als der Bursche Kreide gefressen hatte. Jakob hielt den Wolf für blöd, weil der sich das Versteck eines der Geißlein im Ofen nicht zunutze gemacht hatte: Bei 180 Grad und Umluft wäre der Braten doch schön knusprig geworden. 

Der Kaiserschnitt, mit dem der Wolf von seinem üppigen Mahl befreit wird, war Anlass für eine sehr ambitionierte Wortprägung: „Die erste Sechslingswolftransengeburt im Märchenwald.“ 

Runderneuert erschien schließlich auch das Märchen von Jeremy Hänsel und Gretel Chantalle, die nicht mehr im Wald, sondern auf einem Ikea-Parkplatz ausgesetzt wurden. Dank Google Maps waren sie jederzeit orientiert und knusperten schließlich an den Crystal-Meth-Fenstern der bösen Hexe.

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