Gleichstellungsbeauftragte braucht „langen Atem“

+
„Spätestens bei der Trennung fallen viele Frauen in ein Loch“, stellt die Gleichstellungsbeauftragte fest. ▪

WERDOHL ▪ Wie ein Phantom schleicht sie durchs Rathaus, immer auf der Suche nach männlichen Gegnern. Jederzeit ist die Gleichstellungspolizistin bereit, ihre gefährlichste Waffe zu ziehen – und ihr Gegenüber mit dem berüchtigten Frauenförderplan einzuschüchtern.

Klar, dass Judith Heilmaier angesichts dieser Vorstellung lachen muss. „Allerdings glauben einige offenbar tatsächlich, der Frauenförderplan sei eine Art Generalabrechung mit der Verwaltung“, erzählt die Werdohler Gleichstellungsbeauftragte. Das Gegenteil sei aber der Fall: „Das Erstellen des Plans ist eigentlich die Aufgabe der Verwaltung. Hier bei uns ist es ein gemeinsames Papier, das lediglich von mir präsentiert wird.“

Aber: Wird in der heutigen Zeit überhaupt noch eine Gleichstellungsbeauftragte gebraucht? Und was sind überhaupt ihre Aufgaben? Diese Fragen beantwortet Judith Heilmaier angesichts des heutigen Weltfrauentages.

Dass Emanzipation in vielen Bereichen Einzug gehalten hat, weiß natürlich auch Judith Heilmaier. „Viele junge Frauen fühlen sich nicht mehr in ihren Möglichkeiten begrenzt“, stellt sie fest. Allerdings ist die 43-Jährige überzeugt: „Das nehmen sie erst wahr, wenn sie eine Familie und Kinder haben.“ Schließlich werde es nicht leichter, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen. Steigender Leistungsdruck und gesteigerte Erwartungen an die zeitliche Flexibilität lauten die Stichworte. Aber es könne noch schlimmer kommen: „Spätestens bei der Trennung fallen die Frauen in ein Loch, dann müssen sie arbeiten“, beschreibt die Gleichstellungsbeauftragte eine fatale Situation, in dielaut Statistik aber immer mehr Frauen geraten. „Und wer immer nur halbtags gearbeitet hat, der bekommt auch weniger Arbeitslosengeld. Deshalb landen diese Frauen schneller in Hartz IV“, zeigt Heilmaier weitere Probleme auf. Deshalb ärgert sie sich über „Politik, die Frauen diese Fallen stellt – und alte Strukturen hochsubventioniert.“

Im Werdohler Rathaus muss sich Heilmaier – die dort übrigens schon seit 1998 eine halbe Stelle als Gleichstellungsbeauftragte inne hat – dagegen nicht ärgern. „Natürlich sind die Sachzwänge immer größer geworden. Stelleneinsparungen machen eine aktive Frauenpolitik in der kleinen Verwaltung unmöglich. Aber von den Kollegen gibt es viel Unterstützung.“ Heilmaier wirkt bei Personalentscheidungen mit und steht als Ansprechpartnerin zur Verfügung. „Das wird schon genutzt. Manchmal ist es hilfreich, wenn jemand mit neutralem Blick bei möglichen Gleichstellungs-Konflikten zu Rate gezogen wird.“

Grundsätzlich sei Gleichstellungsarbeit mit langem Atem verbunden. „Es gibt keine größeren Erfolge, sondern eher viele kleine“, stellt die 43-Jährige mit. Als Beispiel führt sie den „Girls Day“ an, der sich mittlerweile etabliert habe und in diesem Jahr „ein Stück in die Freiheit entlassen werde“: „Wir drucken keine Broschüren mehr, weil wir glauben, dass das nicht mehr notwendig ist.“

Sie selbst habe ihre Arbeitsweise umgestellt – weg von den „Feuerwerken“ mit Öffentlichkeitswirkung, hin zu noch mehr zielorientierter Basisarbeit, die nachhaltiger wirken soll. Dabei ist ihr Einsatzgebiet vielfältig. Heilmaier: „Gleichstellung hat mit fast allen Bereichen zu tun.“ So engagiert sich die 43-Jährige beispielsweise bezüglich des Themenkomplexes „Demenz“ („Meistens sind es Frauen, die ihre Angehörigen pflegen“), im Jugendbereich oder auch in Sachen Integration. Doch natürlich werde es auch in Zukunft Vorträge und andere Veranstaltungen speziell für Frauen geben. „Das gehört dazu,“ sagt Judith Heilmaier – und erinnert an die Veranstaltung, die heute um 19 Uhr im Jugend- und Bürgerzentrum beginnt. Dann geht es um Frauen aus unterschiedlichen Ländern und ihre Lebensgeschichten

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare