Gestaltung statt Kontrolle: Das sagt Werdohls neue Kämmerin

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Vanessa Kunze-Haarmann ist ab Juni Kämmerin der Stadt Werdohl. Für die 49-jährige Werdohlerin ist das ein Traumjob, den sie schon immer im Auge hatte. Den Abakus mit der Schultafel hat sie von Rathaus-Kollegen geschenkt bekommen

Werdohl - Mit Vanessa Kunze-Haarmann übernimmt ab dem 1. Juni eine Frau die Hoheit über die Werdohler Stadtfinanzen: Die 49-Jährige wird Kämmerin der Stadt.

Dabei wechselt sie die Arbeitsweise von ihrer bisherigen Kontrollfunktion als Innenrevisorin hin zur Entwicklung und Gestaltung des Haushalts. Im Amt folgt sie Karl-Wilhelm Schlüter, der in den Ruhestand gegangen ist. 

Von ihrer Amtsführung hat sie klare Vorstellungen. Schlüter kennt sie seit mehr als 20 Jahren, sie schätzt den ehemaligen Kollegen sehr, hat viel von ihm gelernt, die beiden duzen sich natürlich. Sie werde allerdings versuchen, ihren eigenen Stil einzubringen. Deshalb sagt sie diesen Satz: „Wer in die Fußstapfen von Karl-Wilhelm Schlüter tritt, hinterlässt keine eigenen Spuren.“ 

Start mit dem falschen Studium

An Selbstbewusstsein mangelt es der Diplom-Verwaltungswirtin also nicht. Dabei startete sie ihre berufliche Karriere zunächst ganz anders. Mit den Leistungskursfächern Englisch und Erdkunde („eine Fehlentscheidung“) baute sie ihr Abi am Burggymnasium Altena, um anschließend Bauingenieurswesen zu studieren. Nach einem Jahr brach sie dieses Studium zugunsten eines dualen Studiums bei der Stadt Werdohl und der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Hagen ab. Als Praktikantin war sie schon positiv auf die Stadt Werdohl aufmerksam geworden. Nach drei Jahren war sie fertig ausgebildet, 1993 stieg sie ins damalige Hauptamt der Stadt unter dessen Leiter Bernd Mitschke ein. Kämmerer war damals Manfred Wolf. 

Zum ersten Job in der Kämmerei kam sie aufgrund von Personalmangel: „Es wurde jemand gesucht, der den Haushaltsplan macht. Das war ich.“ Das war 1994, Karl-Wilhelm Schlüter wurde zum Leiter der städtischen Finanzabteilung ernannt, Kunze-Haarmann übernahm bald schon die Stellvertretung der Abteilung. 

Leiterin des Rechnungsprüfungsamtes

In dieser Zeit sei sie nie nach außen aufgetreten, die jährliche Haushaltseinbringung war stets Sache des Kämmerers. 2015 folgte ein beruflicher Wechsel: Kunze-Haarmann wurde als Leiterin des Rechnungsprüfungsamtes bestellt, der Vorgänger war in Ruhestand gegangen. Damit wurde sie zur internen Revisorin der gesamten Verwaltung. Ein noch mehr nach innen wirkender Job. 

Auch dort fand sie ihren eigenen Stil: „Ich habe immer begleitend geprüft, das war mir lieber, um direkt am Geschehen zu bleiben.“ Als Kämmerin stehe sie wieder mittendrin im Finanzgeschehen, den Job finde sie „schon sehr spannend“. 

Die oberste Prüferin

Als oberste Prüferin war sie allerdings ausschließlich dem Rat unterstellt und bekam von diesem interne Sonderprüfungen als Auftrag. Ihre letzte große Aufgabe war die Sonderprüfung des Brüninghaus-Platzes. Diese Aufgabe ist für sie abgewickelt, der Rat hat sie bereits als Leiterin der Rechnungsprüfung formell abberufen, ein Nachfolger steht noch nicht fest. Das Amt der RPA-Chefin schließt alle anderen Aufgaben und Abhängigkeiten aus, natürlich auch den neuen Job als Kämmerin: „Ich kann mich ja nicht selber prüfen.“ 

Jetzt ist sie endlich Kämmerin, und das ist ihr Traumjob: „Ich hatte mir schon lange erhofft, dass das irgendwann einmal so kommt.“ Auf die Stelle von Schlüter hatte sie sich beworben, sie wurde bereits von der Bürgermeisterin für diesen Job angestellt. 

Längst nicht die einzige Kämmerin im Kreis

Apropos Frauen in Führungspositionen: „Als ich mit 24 Jahren zur Kämmerertagung kam, saß da keine einzige Frau. Die damaligen Zeiten im Finanzbereich waren ausschließlich männlich.“ Mit 27 sei sie Lebenszeitbeamtin geworden, doch auch auf höherer Ebene saßen in der Finanzverwaltung nur Männer in dunklen Anzügen. Vieles habe sich heute positiv gewandelt, sie ist längst nicht die einzige Kämmerin im Märkischen Kreis. 

Als oberste Finanzverwalterin kommt sie in eine Zeit, in der der Solidarpakt Kommunalfinanzen so gut wie abgewickelt ist. Nur noch zwei Haushalte, dann muss die Stadt ohne die Hilfe der Landesregierung auskommen. Die größten Projekte sind allesamt durch Fördermittel finanziert: Rathausaufzug, Gute Schule, Digitalisierung, Kommunalinvestitionsförderungsgesetz. Es gilt, einige Millionen Euro sinnvoll auszugeben. Ein finanzielles Thema wird auch der Neubau des Feuerwehrgerätehauses Stadtmitte werden. Die erstmalige Veranlagung von Gewerbesteuern aus dem interkommunalen Gewerbegebiet Rosmart steht an. Viel Fördergeld fließt in die Renaturierung der Verse. 

Arbeit am ersten eigenen Haushalt

Die Vorbereitungen für „ihren“ Haushalt 2020 sind natürlich schon voll im Gange. Die Abteilungen müssen ihre Mittelanforderungen jedes Jahr im Mai an die Kämmerei geben. Bedarfe und Finanzierung anschließend überein zu bekommen, sei erst einmal eine echte Fleißarbeit. Sie findet es trotzdem interessant zu sehen, wie sich ein Haushalt entwickele und wie die Zahlen später in Form von Investitionen erkennbar würden. 

Dem großen Ziel, den Haushalt 2021 aus eigener Kraft zu schaffen, sei die Stadt sehr nahe. Dass auch danach noch knapp 60 Millionen Euro Verbindlichkeiten stehen bleiben, schreckt sie nicht. „Unser Haushalt ist von Umlagen abhängig und in weiten Teilen fremdbestimmt.“ Manövriermasse gebe es keine. Immerhin gibt es Möglichkeiten zum Schuldenabbau. Aber ein Schritt nach dem anderen: Ihr Nahziel ist, Ende November ihren ersten eigenen Haushalt von der Bezirksregierung genehmigt zu bekommen. Kunze-Haarmann: „Dann kann man schon einmal durchatmen.“

Persönliches

Vanessa Kunze-Haarmann ist mit Reinhardt Haarmann verheiratet, einem Arbeitskollegen. Ihr Mann ist Leiter der Abteilung Schule, Kultur, Sport und Service der Stadtverwaltung. Die beiden haben einen elfjährigen Sohn. Die Familie lebt in Werdohl.

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