Kindheit in Elverlingsen

Geschäfte, eine Schule, ein Kino ‒ und ein richtiger Kriminalfall

Den roten Schlitten, den ihr Opa gebaut hat, hält Evelyn Schulz bis heute in Ehren.
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Den roten Schlitten, den ihr Opa gebaut hat, hält Evelyn Schulz bis heute in Ehren.

Eine Bahnfahrt durchs Lennetal hat bei Evelyn Schulz Erinnerungen an lange zurückliegende Zeiten geweckt: Als die 70-Jährige im Zug auf der Ruhr-Sieg-Strecke unterwegs war, zog draußen auch Elverlingsen an ihr vorbei – oder besser: das, was von der Siedlung noch übrig geblieben war. Dort war sie aufgewachsen. Evelyn Schulz erinnerte sich.

Werdohl ‒ Seit November vergangenen Jahres lebt Evelyn Schulz, die 1951 im Werdohler Krankenhaus als Evelyn Hautt geboren wurde, in Schwerte. In sieben Jahrzehnten ist sie viel herumgekommen in Deutschland. „Heimweh habe ich nie gehabt, aber Heimatgefühle“, sagt sie. Bis heute fühlt sie sich der kleinen Siedlung im Schatten des Kraftwerks Elverlingsen verbunden. Dort hat sie die ersten 17 Jahre ihres Lebens verbracht.

„Wir waren eine richtige Dorfgemeinschaft“, blickt die Seniorin gerne auf diese Zeit zurück. Als Kind hat sie die Siedlung wachsen sehen. Flüchtlinge aus den Ostgebieten seien gekommen, später auch die sogenannten Gastarbeiter aus Südeuropa. Alle hätten im benachbarten Kraftwerk Arbeit gefunden. Und einige hätten sich in Elverlingsen auch den Traum vom Eigenheim erfüllt. „Die haben alles in Eigenleistung gemacht, sogar die Baugruben mit Hacke und Schüppe ausgehoben“, erzählt Evelyn Schulz. „Das muss eine immense Leistung gewesen sein“, findet sie anerkennende Worte für die Menschen, die damals die Nachbarn ihrer Familie waren. Deshalb glaubt sie auch nachempfinden zu können, wie diese Menschen oder deren Nachkommen vor nunmehr gut zehn Jahren die Nachricht getroffen haben muss, dass sie ihre Häuser und Wohnungen aufgeben, Platz machen sollen für eine Erweiterung des Kraftwerks. „Das muss sehr weh getan haben“, sagt Schulz. Umso schmerzhafter müsse es gewesen sein, als sich wenig später herausstellte, dass alles umsonst gewesen war, weil die Kraftwerkserweiterung politischen Plänen zum Opfer fiel.

Elverlingsen: Ein Gut, ein Kraftwerk, eine Siedlung

Ab 1821 gab es das Haus Elverlingsen, das zu einem benachbarten Industriekomplex gehörte, der wiederum auf ein 1777 gegründetes Hammerwerk zurückging. Das Haus wechselte mehrfach den Besitzer und wurde im Laufe der Jahre zu einer prachtvollen Gutsanlage ausgebaut. 1984 wurde es abgerissen, um Platz für das Kohlelager des benachbarten Kraftwerks zu schaffen. Das Kraftwerk Elverlingsen gab es seit 1912. Nach mehreren Erweiterungen und Modernisierungen plante der Betreiber auch 2008 noch einmal einen Ausbau, weshalb die Bewohner der Siedlung umgesiedelt wurden. 2011 zog der letzte Bewohner weg, aber durch die von der Bundesregierung beschlossene Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken war die Erweiterung des Kohlekraftwerks obsolet geworden. Es wurde sogar ganz aufgegeben: Die Stromerzeugung endete am 31. März 2018. Die Siedlung wurde drei Jahre später trotzdem abgerissen. Das Kraftwerk wird bald folgen, um Platz für ein neues Gewerbegebiet zu schaffen.

Evelyn Schulz hatte Elverlingsen zu diesem Zeitpunkt schon lange den Rücken gekehrt. Vergessen, dass sie dort aufgewachsen ist und was sie dort erlebt hat, hat sie aber nie. Sie erinnert sich noch gut an das Gut Elverlingsen, das sie „Villa Stromberg“ nennt. Bevor das Anwesen 1984 einer Kraftwerkserweiterung zum Opfer fiel, ist die kleine Evelyn sonntags oft mit ihrem Opa Erich Göwert dort hergegangen. Das Gut lag am Weg zum Friedhof Biesenberg, wo die Großmutter begraben war, um deren Grab sich der Opa kümmerte. Eine immer wiederkehrende Szene hat sie noch immer vor Augen und muss herzlich lachen: „Wenn wir an der Villa Stromberg vorbeikamen, brachte Willemken Ebberg in Unterhosen und mit gelb-braunen Filzpantoffeln gerade seinen Nachttopf zur Lenne.“ Ein Kauz sei er gewesen, dieser „Willemken Ebberg“, zwar gesellig, aber irgendwie auch eigenbrötlerisch.

Gut im Gedächtnis ist der 70-Jährigen auch noch „Opa Keinecke“, der wohl damals die Müllabfuhr in Elverlingsen besorgte. Mit Pferd und Wagen sei er gekommen, um die offenen Abfallbehälter zu leeren. „Das war aber nur noch für eine kurze Zeit, dann wollte man wohl auch bei uns einen gewissen Hygienestandard haben“, erinnert sie sich.

Rosenmontagsumzug der Elverlingser Kinder im März 1957: Die „Beute“ teilten die kleinen Jecken anschließend am Junkernberg.

Regelmäßig habe auch der „Kölsche-Bauer“ seine Runde durch Elverlingsen gemacht. „Der brachte Milch in einem großen Tank, aus dem er mit einer Pumpe in unsere Kannen abfüllte. Margarine, Butter und Süßigkeiten hatte er auch dabei“, erzählt Evelyn Schulz aus ihrer Kindheit.

Goldene Zeiten auf Gut Elverlingsen

Gut Elverlingsen
Gut Elverlingsen
Gut Elverlingsen
Gut Elverlingsen
Goldene Zeiten auf Gut Elverlingsen

Im Laufe weniger Jahre sei die zunächst kleine Siedlung zu einem richtigen Dorf gewachsen. Sogar Geschäfte habe es gegeben, berichtet die 70-Jährige und zählt enige auf: Das Textilgeschäft Rickert, wo es Blusen, Pullover und Taschentücher gab, die Filiale der Altenaer Fleischerei Hücking, das Lebensmittelgeschäft Schmidt, wo es Marmelade aus dem Eimer gab, und den Konsum: „Dort ist Frau Langhammer damals gewaltsam ums Leben gekommen“, ist Evelyn Schulz ein einschneidendes Erlebnis nachhaltig in Erinnerung geblieben. Eine Post habe es gegeben und natürlich das Hotel Zur Mark, wo es bei Sonntagsausflügen für die kleine Evelyn manchmal ein Glas Apfelsaft gegeben habe. Sogar ein Kino habe die Bevölkerung von Elverlingsen gehabt: In der alten Kantine des Kraftwerks seien Filme gezeigt worden.

Die größer gewordene Siedlung brauchte irgendwann auch eine eigene Schule. Sie wurde am Ende des Bergfelder Weges errichtet: Zwei Klassenräume für jeweils vier Jahrgänge und eine Aula, die der Bevölkerung auch als Kirchenraum diente. Evelyn Schulz erinnert sich an den ersten Schulleiter („Sander hieß der.“) und natürlich an ihre Einschulung im April 1958: „Mit fast 20 Kindern wurden wir damals eingeschult.“ Acht Jahre besuchte sie die Schule, absolvierte anschließend eine kaufmännische Lehre. Dann zog es Evelyn Schulz aus Elverlingsen weg in die „weite Welt“. Kurze Zeit später, 1968, sei auch die Schule aufgelöst worden. „Die letzte Klasse hatte noch zwei i-Männchen“, weiß Schulz. Später mussten die Kinder aus Elverlingsen die Schule in Ütterlingsen besuchen.

Mit 15 anderen Kindern wurde Evelyn Hautt (hinten, 4. von rechts) im April 1958 in Elverlingsen eingeschult. Acht Jahre besuchte sie die Zwergschule, die zehn Jahre später geschlossen wurde.

Die Familie von Evelyn Schulz muss glücklich gewesen sein in Elverlingsen, sie selbst scheint dort eine unbeschwerte Kindheit erlebt zu haben. „Oberhalb des Bergfelder Weges lag dieser Tannenwald, und darin gab es Bombentrichter“, erinnert sie sich an die Gruben, die als Narben des damals erst ein paar Jahre zurückliegenden Zweiten Weltkriegfs geblieben waren und den Siedlern als Müllkippen dienten. Als Kinder hätten sie dort oft gespielt, erzählt Evelyn Schulz: „Da haben wir Schätze gesucht!“ Und gar nicht weit entfernt habe sie ein paar Jahre später in einem alten Bunker ihre erste Zigarette geraucht.

Die 70-jährige kramt weiter in ihrem Gedächtnis und in einer Fotokiste und legt ein Foto von verkleideten Kindern auf den Tisch: „Rosenmontag, 4. März 1957“ steht auf der Rückseite. Ein Karnevalsumzug der Kinder durch die Siedlung sei damals Tradition gewesen, genauso wie der Martinsumzug im November. Was die Siedler den Kleinen an Süßigkeiten zusteckten, sei anschließend am Junkernberg geteilt worden, erzählt Schulz.

Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen wird abgerissen

Das Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen am Kraftwerk wird abgerissen. Die Arbeiten haben bereits begonnen.
Das Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen am Kraftwerk wird abgerissen. Die Arbeiten haben bereits begonnen.
Das Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen am Kraftwerk wird abgerissen. Die Arbeiten haben bereits begonnen.
Das Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen am Kraftwerk wird abgerissen. Die Arbeiten haben bereits begonnen.
Geisterdorf in Werdohl-Elverlingsen wird abgerissen

Gute Erinnerungen hat Evelyn Schulz an Pastor Kroll. „Der war sehr volksnah“, spricht sie gut über den Kirchenmann, der an Heiligabend in der Aula der Schule stets einen Kindergottesdienst gehalten habe. Bei dieser Gelegenheit habe er auch Geschenke verteilt, wobei sie schon damals bemerkt habe, dass manche Kinder große, andere kleine Päckchen erhielten. Schulz: „Erst viel später habe ich begriffen, dass unsere Eltern diese Geschenke bezahlt hatten, und es gab ja nun einmal Familien mit mehr und solche mit weniger Geld.“

Ein Geschenk, das ihr im Jahr 1954 nicht der Pastor, sondern der Nikolaus gebracht habe, hält Evelyn Schulz bis heute in Ehren: einen roten Schlitten. „Den hat mein Opa Erich damals in Schlosserei des Kraftwerks aus Eisenrohren für mich gebaut.“ Ein Klassenkamerad habe – wohl von seinem Vater hergestellt – einen ähnlichen Schlitten bekommen. Damit die Kinder im Winter Schlitten fahren konnten, habe Bürgermeister Kranz die Straße gesperrt. „Dann sind wir mit den anderen Kindern Rennen gefahren – wir waren immer die Schnellsten“, ist Evelyn Schulz sicher.

„Ach ja, das sind so kleine Anekdoten, die vielleicht den damaligen Zeitgeist ein wenig wiedergeben“, seufzt Evelyn Schulz. Die 50er- bis 70er-Jahre waren wohl die lebhaftesten Jahrzehnte in Elverlingsen. „Mit ihrem Renteneintritt sind später viele Bewohner aus Elverlingsen weggezogen“, glaubt Evelyn Schulz. Der wahre Exodus begann aber erst vor gut zehn Jahren – wie sich zeigen sollte, letztlich völlig unnötig, weil das Kraftwerk den Platz dann doch nicht benötigte. Aber wo einst Familien lebten soll ja vielleicht schon bald ein neues Gewerbegebiet entstehen. Evelyn Schulz ist gespannt.

An seine Zeit in Elverlingsen erinnert sich auch Christoph Weber, der heute in Dortmund lebt. Kurz vor dem Verschwinden der Siedlung ist er Anfang 2021 noch noch einmal ganz tief in seine Vergangenheit eingetaucht.

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