Auch Experte kann Messerüberfall nicht erklären

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Werdohl - Wer den 34-jährigen Neuenrader im Gerichtssaal als freundlichen, wenn auch sehr zurückhaltenden Menschen erlebt, kann nur den Kopf schütteln über die Tatsache, dass er am 9. Dezember ohne Vorwarnung auf den Hals eines 56-jährigen Sparkassenkunden eingestochen hat. Gestern bemühte sich der psychiatrische Gutachter Dr. Nikolaus Grünherz um eine Antwort auf die Frage nach dem Warum.

Der Angeklagte konnte sie nicht beantworten: „Er ist ratlos über sein eigenes Verhalten“, berichtete der Experte. Zwar hatte der 34-Jährige vor der Tat einen Joint geraucht, aber der hätte eher beruhigend wirken müssen. „Er war berauscht, aber klar bei Sinnen.“

Das ließ sich schon daran ablesen, dass der Angeklagte zumindestens ein klares Ziel verfolgte, als er das Opfer der Attacke angriff: Entweder wollte er Geld oder den Autoschlüssel des Opfers. Als er mit dieser Forderung gescheitert war, flüchtete er.

Und so lautete das Fazit des Experten, dass er keine Hinweise darauf habe, dass das Steuerungsvermögen des Täters eingeschränkt war. „Er hatte keine vorübergehende krankhafte Störung zum Tatzeitpunkt.“

Nicht ausschließen wollte der Gutachter die Möglichkeit einer psychotischen Störung des 34-Jährigen durch jahrelangen Cannabiskonsum, aber auch diese Diagnose war nicht sicher. Der Angeklagte hatte ihm gegenüber behauptet, dass er mit seinem Bericht über psychotische Wahnvorstellungen eine Einweisung in die Hans-Prinzhorn-Klinik hatte provozieren wollen: „Ich wollte einfach raus, drei Mahlzeiten und weg vom Kiffen.“

Diese Auskunft war schwer zu widerlegen: Von Wahnvorstellungen kann nur derjenige berichten, der unter ihnen leidet. Auch die in der Klinik gegen psychotische Symptome verordnete kleine Medikamenten-Dosis sprach aus Sicht des Gutachters dafür, dass man dort die Diagnose „Psychose“ nicht besonders ernst nahm.

Und so blieb eine tiefe Ratlosigkeit zurück: „Warum beim Tatgeschehen andere Sicherungsmechanismen nicht gegriffen haben, vermag ich nicht zu sagen“, wunderte sich auch der Psychologe über die merkwürdige Tat. Auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Jörg Weber-Schmitz wurde Nikolaus Grünherz noch konkreter hinsichtlich dieser Sicherungen als „innerseelische, moralische Hemmungsfaktoren“, die aus unerklärlichen Gründen völlig versagten. „Es gibt Dinge, die kann man nicht erklären“, ergänzte er im Gespräch nach der Verhandlung.

Der nächste Prozesstag ist der 26. Juni. Nach den Plädoyers wird die 2. Schwurgerichtskammer dann voraussichtlich das Urteil verkünden.

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