USB-Stick nachts im Tresor

WERDOHL ▪ Der Verteidiger des Angeklagten hatte es schon angekündigt: Einfach würde sich die Klärung des Sachverhaltes nicht gestalteten. Und er sollte Recht behalten. Allein die Ausführungen des 31-jährigen Angeklagten nahmen mehr als eine Stunde in Anspruch. Ihm wird von seinem früheren Arbeitgeber vorgeworfen, die Absicht gehegt zu haben, vertrauliche Dokumente aus dem Bereich des Werkzeugbaus an andere Unternehmen weiterzugeben.

Nach der Verlesung der Anklageschrift begann der Angeklagte seinen Werdegang bei der Werdohler Firma zu schildern. Er sei im Jahr 2006 als Werkzeugmacher in die Firma eingetreten. „Ich habe mich schnell eingearbeitet. Die Arbeit hat mir Freude gemacht. Ich war sehr motiviert.“ Schon ein halbes Jahr später beförderte man ihn zum Vorarbeiter. „Es ging Stück für Stück nach oben.“ Das Verhältnis zu seinem damaligen Vorgesetzten sei gut gewesen. Dieser bot dem 31-Jährigen im Jahr 2009 an, eine CD mit einem Zeichenprogramm mit nach Hause zu nehmen. „Ich habe mir das Programm auf meinen Rechner gespielt und konnte so üben.“ Und auch einen Teil seiner Arbeit habe er daheim erledigt. Seine „Heimarbeit“ sei bei den Kollegen bekannt gewesen. „Das war kein Geheimnis.“ Auch die Sicherung der Daten auf einem privaten USB-Stick sei allen bekannt gewesen. „Es gab zu der Zeit in der Firma keine zentrale Datensicherung. Die habe ich übernommen. Und die Sachen, die ich zuhause erarbeitet habe, habe ich ebenfalls auf den Stick gezogen und mit in die Firma genommen.“ 2010 war das Jahr, in dem die Beförderung zum Leiter des Werkzeugbaus anstand. Auch das Drängen des 31-Jährigen, endlich einen Firmen-USB-Stick für die Datensicherung anzuschaffen, wurde nachgegeben. „Der wurde abends im Tresor eingeschlossen.“ Wenn die Mitarbeiterin, die den Tresorschlüssel verwaltete, nicht in der Firma gewesen sei, habe der 31-Jährige wieder seinen USB-Stick benutzen müssen. Gleichzeitig gab es auch eine negative Veränderung. Das Verhältnis zum neuen Vorgesetzten sei schlecht gewesen – von Anfang an. „Er spionierte mir nach, ließ von Kollegen Handyvideos drehen, die zeigten und hören ließen, wie ich über die Schwierigkeiten mit meinem Vorgesetzten sprach.“ Dies habe er auch der Betriebsratsvorsitzenden mitgeteilt. Geändert habe sich nichts. Nur sein eigener Zustand verschlimmerte sich zusehends.

„Ich hatte ein Zittern am Auge, bei Stress piepte es im Ohr und ich bekam Luftnot, wenn die Chefs kamen.“ Sein Arzt legte ihm nahe, aus der Firma auszuscheiden. Er schaltete einen Anwalt ein, der einen Aufhebungsvertrag aushandelte. „Ich glaube, sie wollten mich soweit bringen zu kündigen“, erklärte der Angeklagte. Dann hätte er die Kosten für den im Jahr 2009 begonnenen Meisterlehrgang zahlen müssen – und nicht die Firma.

In dieser Zeit habe er auch mit einem Schleifer gesprochen, der als Subunternehmer im Betrieb tätig war. Der Angeklagte habe gefragt, ob der Kollege eine Idee habe, wo er seine Fähigkeiten an den Mann bringen könne. „Ich suchte eine neue Arbeitsstelle.“

Genau dieses Gespräch trat die Lawine los, die das Amtsgericht weiter beschäftigen wird. Erst vier Zeugen konnten gehört werden. Einer von ihnen war der besagte Schleifer. Er schilderte das Gespräch anders. Der Angeklagte habe ihn gefragt, wo er die Zeichnungen an den Mann bringen könne, die er von Werkzeugen gemacht habe.

Dies drang zuerst über Umwege zur Betriebsratsvorsitzenden und dann zum Firmenchef vor. Schriftlich ließen sich beide von dem Zeugen das Gespräch schildern.

Welche Informationen über das besagte Gespräch von wem an wen weitergegeben wurden, welche Version des Gesprächs der Wahrheit entspricht, ob es sich um Datenklau oder eine Mobbing-Kampagne handelt, muss sich im Verlauf der weiteren Verhandlungstage herausstellen. Weitere Zeugen sind nun für den 20. Dezember geladen. - Thomas Krumm

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