Lebendige Lesung begeistert

Janina Sachau und Daniel Berger trugen die Texte Gerhart Hauptmanns bei der Matinee im Kleinen Kulturforum nicht nur vor – sie lebten sie.

WERDOHL ▪ Die Stimmen verbreiten mal Wärme. Dann wieder kreischen sie schrill. Schließlich gleichen sie dem sachlichen Ton eines Nachrichtensprechers. Die Profis des Düsseldorfer Schauspielhauses beherrschen die Klaviatur ihres Arbeitsgerätes, ihrer Stimmbänder. Von Michael Koll

Sie waren nach Werdohl gereist, um den deutschen Schriftsteller Gerhart Hauptmann zu ehren. Im Wechsel lasen Janina Sachau und Daniel Berger gestern Vormittag im Kleinen Kulturforum. Sie ließen die Personen lebendig werden. Auch wenn sie alleine vor einem Tisch mit zwei Gläsern Wasser saßen, ließen sie die Szenen plastisch vor dem geistigen Auge der Zuhörer werden.

Die Geschwindigkeit des Vortrags der beiden glich sich an das Tempo der jeweiligen Erzählung an. Die naturalistische Schreibweise Hauptmanns spiegelte sich in der authentischen Interpretation der Schauspieler. Immer wieder entstand ein Spiel zwischen den beiden Akteuren: Blicke, Gesten, Mimik führten zur Interaktion. Er schaute sie erbost an. Sie ließ den Kopf entmutigt auf die Faust sinken, den Ellbogen auf dem Tisch abgestützt.

Dieses bravouröse Wirken der zwei Schauspieler hob die Aufführung weit über die Resonanz hinaus, die ein gutes Hörspiel beim Publikum erklingen lassen kann.

Heinz Rohe hatte zuvor im ausverkauften Kleinen Kulturforum das Leben Hauptmanns Revue passieren lassen. Der Schriftsteller, der in diesem Jahr 150 Jahre alt geworden wäre, wurde vor genau 100 Jahren als vierter Deutscher mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Der Hauptvertreter des Naturalismus hat bei Rohe Spuren hinterlassen: „Wir alle haben uns in der Schule früher mit seinen ‘Webern’ geplagt. Ich vermute, fast niemand hat die hinterher noch privat zur Hand genommen.“

84-jährig verstarb der Autor im Jahr 1946. Seine Themen, so Rohe, waren die Brüche, die der Wandel der Gesellschaft hinterließ. Alle beruflichen Wege Hauptmanns seien im Ansatz stecken geblieben. Rohe: „Als Mittzwanziger war er eine mittelose, gescheiterte Existenz.“

Seine Dramen hätten in der damaligen Zeit einen Skandal hervorgerufen. „Er schrieb über Suff, soziales Elend und Suizide, brachte all dies ungeschönt auf die Bühne.“ Derartige Eklats hätten Gerhart Hauptmann aber zum Durchbruch verholfen. Jedoch hätten nur die wenigsten seiner Werke auch seine Ära überlebt.

Zwischen den einzelnen Vorträgen der beiden Schauspieler ergänzte Kerstin Krug Biografisches über Hauptmann. Und sie erläuterte, wo und wie der Autor selbst Erlebtes in seine Zeilen einfließen ließ.

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