Verein Zeppelinstadt Werdohl erinnert

Vor genau 111 Jahren: Der erste Zeppelin wurde über Werdohl gesichtet

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Diese Postkarte von der Zeppelin-Überfahrt über Werdohl hat Moritz-Adolf Trappe erst kürzlich entdeckt. Er würde sich über weitere (echte) Fotos dieses Ereignisses freuen.

Werdohl – Genau 111 Jahre liegt diese Premiere nun zurück: Am 21. September 1909 fuhr erstmals ein Zeppelin-Luftschiff über Werdohl.

Diese Geschichte wurde schon vielfach erzählt. „Aber der Weg bis dorthin ist heute nur noch wenigen Interessierten bekannt und wissenschaftlich kaum aufgearbeitet“, sagt Moritz-Adolf Trappe vom Verein Zeppelinstadt Werdohl. Nach nunmehr 111 Jahren sei es deshalb an der Zeit, mit einigen grundlegenden Irrtümern, Falschbehauptungen und beschönigenden lokalen Überlieferungen aufzuräumen. 

Lange wurde Z III, der an diesem September-Dienstag des Jahres 1909 über Werdohl gesichtet wurde, immer wieder als das dritte gebaute Luftschiff bezeichnet. „Das ist falsch“, sagt Trappe und korrigiert: „Tatsächlich ist Z III die militärische Namensbezeichnung des sechsten gebauten Zeppelin-Luftschiffes.“ Das Luftschiff fußte laut Trappe technisch weitestgehend auf dem am Morgen des 5. August 1908 bei Echterdingen verunglückten LZ 4. „Der war als Z II geplant, wurde wegen des Unglücks jedoch nicht vom Heer übernommen“, berichtet Trappe. 

Meist für militärische Zwecke gebaut

Und somit will der Zeppelin-Experte aus Werdohl auch gleich das nächste große Missverständnis ausräumen: Das Luftschiff galt vielen als Symbol der Völkerverständigung und des Friedens zu Gunsten der gesamten Menschheit. Trappe: „Tatsächlich waren die meisten gebauten Luftschiffe für militärische Zwecke gedacht. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges, der Hochzeit des Luftschiffbaus, wurden rund 70 Marine- und 40 Heeresluftschiffe gebaut. Diese brachten mit der neuen Art der Kriegsführung, dem Luftkrieg, Tod und Verderben, besonders nach England.“ Die ab 1918/19 und besonders ab 1945 verbreitete und bis heute anhaltende positive Wahrnehmung der Luftschiffe dürfe deshalb „getrost als eine große propagandistische Meisterleistung bezeichnet werden“. 

Mit dem Bau des LZ 1 (1899) schien die vehement zwischen Frankreich und Deutschland ausgetragene Frage nach dem besseren System, also dem Fliegen („schwerer als Luft“) mit dem Flugzeug oder dem Fahren („leichter als Luft“) mit dem Luftschiff, zu Gunsten der Ingenieure des Deutschen Reiches entschieden. Diese „Lufthoheit“ sei maßgeblich im heutigen Werdohler Stadtteil Eveking von den Ingenieuren der Firma Carl Berg mitgeprägt worden, erinnert Trappe an die Verdienste des Unternehmens aus dem Versetal. „Metallurgisch und konstruktiv wurde damit im Versetal Technik- und Weltgeschichte geschrieben und der Aufbruch in ein neues Zeitalter geebnet“, findet Trappe große Worte für diese Entwicklung. 

Keine "enge Freundschaft" zwischen Carl Berg und Graf Zeppelin

Die besonders lokal- und regionalgeschichtlich vielfach kolportierte „enge Freundschaft“ zwischen Carl Berg und Graf Zeppelin ist in Trappes Augen „eine nette Geschichte, aber eben nur eine Geschichte“. Trappe berichtet, wie es nach seinen Forschungen dazu kam: „Zeppelin brauchte einen qualitativ wie quantitativ zuverlässigen Aluminiumlieferanten – außer dem Lüdenscheider Industriellen Carl Berg und seiner in Eveking ansässigen gleichnamigen Firma waren die Auswahlmöglichkeiten im Grunde auf diesen einen begrenzt. Obwohl Zeppelin mit seinem Ingenieur Ludwig Dürr ein hervorragender Konstrukteur zur Verfügung stand, benötigte er dennoch das westfälische Knowhow. Der kühl kalkulierende Unternehmer Berg wiederum wollte sich neue Absatzmärkte erschaffen und zugleich als erster erschließen.“ Das Verhältnis der beiden „aufstrebenden und willensstarken Männer“ sei alles andere als freundschaftlich gewesen, glaubt Trappe zu wissen. „Berg sprach, als Bürger dem Grafen standesmäßig unterlegen, stets selbstbewusst von seinem Luftschiff und versuchte die erste Unternehmung Zeppelins, die Gesellschaft zur Förderung der Luftschiffahrt, unter seine Kontrolle zu bringen“, beschreibt Trappe die Vorgänge und zieht einen Vergleich: „Heute würde man das als feindliche Übernahme bezeichnen.“ Die Kontrolle über Absatzmärkte und Patente, glaubt Trappe, seie die Antriebsfeder Bergs gewesen. Das habe nicht unbedingt zur Verbesserung der angespannten Beziehung beigetragen. 

Moritz-Adolf Trappe vom Verein Zeppelinstadt Werdohl

„Natürlich lieferte Berg entgegen der lokalen Überlieferung das Aluminiummaterial nicht kostenlos. Darüber hinaus war er vertraglich am Erfolg der verkauften Luftschiffe beteiligt“, hat Trappe recherchiert. Auch das Aluminiummaterial sei, wie im Falle des verunglückten LZ 4, wieder nach Eveking verbracht und verrechnet worden. 

Welche Rolle spielte Alfred Colsman?

Und welche Rolle spielte Alfred Colsman? „Zu ihm fehlt bis heute eine wissenschaftlich fundierte Biografie“, stellt Trappe fest. Der lokalen Tradition nach gilt Colsman als Liberaler und Friedensstifter. Letzteres bezieht sich allgemein auf sein Handeln im Hinblick auf die letzten Kriegstage des Jahres 1945, als er Werdohl vor einem Beschuss durch amerikanische Truppen bewahrte. 

Dennoch habe Colsman als Schwiegersohn Carl Bergs einen schon bei seiner Gründung auf Rüstung ausgerichteten Konzern aus der Taufe gehoben, gibt Trappe zu bedenken. Ob und inwiefern Colsman mit dieser Rolle haderte, ist nicht überliefert. „Aus heutiger Perspektive wäre Colsman schon dicht an die Gruppe der Kriegs- und Rüstungsgewinnler heranzurücken“, glaubt Trappe, auch wenn Colsman sich „nicht persönlich bereichert, sondern sein Handeln und Tun auf das Werden und Wohlwollen des Zeppelin-Konzerns ausgerichtet“ habe. Trappe: „Wir müssen ihn heute daher als einen Geist seiner Zeit neu entdecken. Die unglaubliche Erfolgsgeschichte des Zeppelin-Konzerns ist allein seiner von Anfang an betriebenen Diversifikationsstrategie geschuldet.“ Damit habe er, gegen den Willen der „alten Garde“ um den Grafen Zeppelin, das Überleben des Luftschiffbaus bis in die Gegenwart sichergestellt. 

Den eigenen Töchtern die Fahrt mit einem Zeppelin verboten

Dass der Bau von Luftschiffen dauerhaft nicht von Erfolg sein würde, war Colsman spätestens ab dem Kriegsjahr 1915 klar, als die Entwicklung des Flugzeuges die des Luftschiffes überholte und abhängte. Colsman selbst verbot seinen Töchtern übrigens die Fahrt mit einem Zeppelin. Begründet wurde dieses Verbot mit Sicherheitsbedenken. Er selbst war bei der Strandung des LZ 7 („Deutschland“) im Juni 1910 am Limberg im Teutoburger Wald an Bord. 

Diese technische Weiterentwicklung des Flugzeugs und die auf Wachstum ausgerichtete Strategie Colsmans haben ihm, den Gründer und Architekten des LZ-Konzerns, nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg sprichwörtlich das Genick gebrochen. Der Bau von Luftschiffen war aufgrund der Bestimmungen des Versailler Vertrages untersagt. Über Nacht musste der Konzern auf Friedensproduktion umgestellt werden. „Das ging natürlich nur mit Reibung und zunächst freizusetzenden Arbeitskräften“, blickt Trappe zurück. Hier habe sich innerhalb des LZ-Konzerns schnell eine eigene, gegen Colsman gerichtete „Dolchstoßlegende“ geformt, der zufolge vom vermeintlichen Kerngeschäft, dem Bau von Luftschiffen, abgerückt werden sollte. 

Über Jahrzehnte eine Persona non grata

Trappe: „Dies war die große Stunde Hugo Eckeners. In einem wahrhaften Diadochenkampf konnte sich Eckener mit Rückendeckung der überwiegend adligen alten Garde letztendlich gegenüber Colsman durchsetzen und übernahm die Kontrolle über den Konzern“, beschreibt Trappe diese Auseinandersetzung der Konkurrenten Colsman und Eckener. Colsman sei im Konzern und in Friedrichshafen, wo Zeppelin seine Luftschiffe bauen ließ, über Jahrzehnte zur Persona non grata geworden und sein Name praktisch aus den Annalen getilgt worden. „Erst sehr spät hat man Colsmans Bedeutung in Friedrichshafen gewürdigt“, stellt Trappe fest.

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