Prüfbericht bestätigt Plagiatsvorwürfe

Gefeierte Soziologin und Bestsellerautorin aus dem MK hat abgeschrieben

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Die aus Werdohl stammende Bestsellerautorin Cornelia Koppetsch sieht sich seit einigen Monaten schweren Plagiatsvorwürfen ausgesetzt. Die hat eine Untersuchungskommission der TU Darmstadt jetzt bestätigt.

Von der gefeierten Soziologin und Bestsellerautorin zur Plagiatorin – die aus Werdohl stammende Cornelia Koppetsch ist tief gefallen.

Eine Untersuchungskommission der Technischen Universität Darmstadt, an der Koppetsch eine Professur hat, hat der 53-Jährigen gewissermaßen systematisches Plagiieren, Collagieren und Kopieren nachgewiesen. Ihr droht nun ein Disziplinarverfahren mit schwerwiegenden Folgen. 

Koppetschs Buch „Die Gesellschaft des Zorns“ hatte im vergangenen Jahr für einigen medialen Wirbel gesorgt. Die Publikation, in der die Soziologie-Professorin den Rechtspopulismus in Zeiten der Globalisierung analysiert, erhielt in Deutschland Feuilletons viel Lob, die Bestsellerautorin wurde in großen Interviews hofiert. Im Lokalteil berichtete auch diese Zeitung über den vermeintlichen Erfolg der gebürtigen Werdohlerin. In ihrer Heimatstadt war man stolz auf die Autorin, deren Buch in den beiden bedeutendsten deutschen Bestsellerlisten Platz eins eroberte. So stolz, dass der Heimat- und Geschichtsverein und das Kleine Kulturforum sie für die Ausstellung „Werdohler Köpfe“ berücksichtigte, in der berühmte Söhne und Töchter der Stadt gewürdigt werden sollen. 

Erste Vorwürfe schon im Herbst 2019

Erste Plagiatsvorwürfe gegen Koppetsch tauchten bereits im Herbst 2019 auf. Sie habe in ihren Büchern und Aufsätzen collagiert, eigene Thesen mit den Aussagen fremder Autoren vermischt, dabei aber den Anteil Dritter nicht (hinreichend) kenntlich gemacht. Es ging neben der Studie „Die Gesellschaft des Zorns“ auch um das Buch „Die Wiederkehr der Konformität“. 

Koppetsch räumte zwar ein, unter Zeitdruck vielleicht nicht sorgfältig genug zitiert zu haben, wies den Vorwurf, absichtlich plagiiert zu haben, aber vehement zurück. Ihrerseits warf sie den Medien vor, einen Skandal konstruieren zu wollen, anderen Autoren und Verlagen unterstellte sie Neid auf ihren Erfolg. Cornelia Koppetsch inszenierte sich als Opfer einer Kampagne. 

Kritik zeigt Wirkung

Doch die laut gewordene Kritik an ihrer Arbeit zeigte Wirkung: Zwei Verlage nahmen im Herbst 2019 Bücher von Koppetsch aus dem Handel, die Jury zog ihre Nominierung von „Die Gesellschaft des Zorns“ für den Bayerischen Buchpreis zurück, die TU Darmstadt leitete ein eigenes Untersuchungsverfahren ein. Dessen Ergebnis liegt nun seit wenigen Tagen vor – und es ist ein Desaster für die Werdohlerin. Die Kommission untersuchte insgesamt 117 problematische Stellen in zwei Büchern und vier Aufsätzen von Cornelia Koppetsch. 111 davon stufte sie als Plagiate beziehungsweise Verstöße ein. Koppetsch soll von insgesamt 49 anderen Autoren abgeschrieben haben. 

„Die geprüften Schriften enthalten nicht einzelne, punktuelle Fehler. Sie weisen vielmehr eine Vielzahl von Unregelmäßigkeiten auf, die sich breit gestreut über alle überprüften Texte verteilen“, heißt es in einer Mitteilung der TU Darmstadt. Zahlreiche der problematischen Stellen seien als Plagiate, etliche als markante Textübernahmen zu bewerten. „Hinzu kommen Verschleierungsbefunde und Stellen, die dem Muster des Bauernopfer-Belegs entsprechen“, heißt es im Bericht der Prüfkommission weiter. Wiederholt habe Koppetsch bei Stellenübernahmen Literaturhinweise, die in der genutzten Quelle enthalten sind, weggelassen oder plagiierte Referate nicht gekennzeichnet, was die eigentlich zu nennende Quelle unsichtbar mache. 

Kommission: "Durchgehend verfehlte Arbeitsweise"

Die Untersuchungskommission attestiert der Wissenschaftlerin Koppetsch eine „durchgehende verfehlte Arbeitsweise“. „Teils werden gehaltvolle, oft aber auch unoriginelle Textabschnitte als Mosaiksteine verbaut oder eigene Aussagen an fremden Textstücken entlang formuliert“, zitiert die TU Darmstadt aus dem Prüfbericht. Dass die Verstöße gegen die Regeln der Zitatkennzeichnung, das Weglassen von Nachweisen und die vielen inhaltsneutralen Veränderungen des Wortlauts gänzlich unabsichtlich geschehen seien, sei „in höchstem Maße unwahrscheinlich“, lautet das für Koppetsch vernichtende Urteil der Kommission. Ob all das nur der fehlenden Sorgfalt zuzuschreiben sei, sei schwer zu beurteilen. „Die Befunde dokumentieren jedenfalls eine gewisse Routine bei einer Form der Texterstellung, die den Eindruck der Originalität der eigenen Schrift zu Lasten anderer steigert“, schließen die Prüfer aber Vorsatz zumindest nicht aus. 

Schlecht kommt Koppetsch zudem bei der Beurteilung ihrer Arbeitsweise weg. Das Verhältnis zur Empirie, auf die die Soziologin und Buchautorin in ihren Schriften aufsetzt, bleibe nach wissenschaftlichen Maßstäben unklar. Ihre eigenen empirischen Forschungen habe Koppetsch in vielen Fällen nur unzureichend dokumentiert. Die methodische Herangehensweise und Verlässlichkeit ihrer Ergebnisse seien deshalb nur schwer zu beurteilen. Den Prüfern ist vor allem eine Gemeinsamkeit von Koppetschs Dokumentation eigener Empirie mit den Plagiaten aufgefallen: „Ein äußerst sorgloser Umgang zum einen mit Texten und Ideen anderer, zum anderen mit eigenen empirischen Daten.“ Das abschließende Urteil der Untersuchungskommission fällt für Cornelia Koppetsch vernichtend aus: „Anzahl, Umfang, Dichte und Qualität der Plagiate würden einer Publikation beziehungsweise Annahme als Qualifikationsschrift eindeutig widersprechen.“ 

Verdacht eines Dienstvergehens

Aufgrund des Prüfberichts gebe es hinreichende Anhaltspunkte für den Verdacht eines Dienstvergehens, teilte die TU Darmstadt mit. Die TU-Präsidentin will nun ein Disziplinarverfahren gegen Professor Dr. Cornelia Koppetsch einleiten. Die Folgen könnten ein Verweis, eine Geldbuße, eine Kürzung der Dienstbezüge oder eine Kürzung des Ruhegehalts sein. Sogar eine Disziplinarklage wäre möglich, was für Koppetsch, eine Entfernung aus dem Beamtenverhältnis zur Folge haben könnte. 

Die Macher der Ausstellung „Werdohler Köpfe“ haben bereits auf die neusten Entwicklungen reagiert. In dem Begleitband zur Ausstellung, der bereits im September erscheinen soll, werde Cornelia Koppetsch zwar weiterhin aufgeführt. „Der Text wird allerdings noch einmal überarbeitet“, teilte der Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins, Heiner Burkhardt, auf Nachfrage mit. Cornelia Koppetsch selbst wollte zu den Vorwürfen derzeit keine Stellungnahme abgeben.

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