Franziskaner-Pater

Ein ganz besonderer Heiligabend: Pater Irenäus feiert 50. Geburtstag

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Pater Irenäus betet in der Hauskapelle im Kloster, den Blick auf das Kreuz gerichtet. Für den Franziskaner ist dieser Platz in der Bank bedeutsamer als der in der Pfarrkirche, in der er als Pfarrer und Priester arbeitet. Irenäus strebt danach, sein ganzes Leben in die Nachfolge Jesus Christus zu stellen.

Werdohl – Franziskaner-Pater Irenäus Wojtko ist am selben Tag wie Jesus Christus geboren, an diesem 24. Dezember feiert er seinen 50. Geburtstag mit der Gemeinde St. Michael in Werdohl.

Wojtko wurde am 24. Dezember 1969 in Crone an der Brahe bei Bromberg in Polen geboren. Auf polnisch heißt der Ort Koronowo. „Mit vier o in einem Wort“, sagt Pater Irenäus, „das klingt so schön wie eine Melodie.“ Eigentlich wollte der junge Irenäus Automechaniker werden, nach dem Abitur besuchte er eine technische Fachschule. Es kam anders. 

Als Franziskaner-Minorit mit Armuts-, Ehelosigkeits- und Gehorsamsgelübde haben Sie als 21-Jähriger eine absolut radikale Lebensentscheidung getroffen. Wollten Sie aus der Welt flüchten? 

Ich habe ein ganz normales Leben in Polen geführt. Zwei Cousins sind Ordensleute, eine Schwester meiner Oma auch. In einer Jugendgruppe habe ich an Exerzitien für Studenten teilgenommen. Exerzitien sind geistliche Übungen zur inneren Einkehr. Da habe ich diese Berufung gespürt, ich wollte Jesus nachfolgen. Ich habe lange nach etwas gesucht, wie ich mich mit meinen Fähigkeiten am besten für Gott und die Menschen einbringen kann. Erst habe ich nach Ordensgemeinschaften in Afrika und Amerika gesucht. Einer der Cousins sagte zu mir: „Geh Deinen eigenen Weg.“ Er hatte recht! Ich wollte mit Drogensüchtigen arbeiten, mit Alten, mit Hilfebedürftigen. Dann hatte ich mich den Salesianern von Don Bosco zugewandt, aber auch das war es nicht. Irgendwann kam mir durch den Heiligen Geist der Gedanke, dass ich nicht immer jung sein werde. So fand ich zu den Franziskaner-Minoriten, mit 21 bin ich in den Orden eingetreten. Ärzte ohne Grenzen zum Beispiel haben auch ähnlich radikale Lebensentscheidungen getroffen. Alles aufgeben, alle Brücken abreißen, neue Wege gehen. Das wollte ich. 

Gab es Krisen?

Klar hatte ich Krisen. Immer wieder mal hinterfragte ich mich, ob es die richtige Entscheidung war. Eine ganz schwierige Phase hatte ich, als mein Vater starb. Da hatte ich große Probleme mit meinem damaligen Gottesbild, es ist dann auch in die Brüche gegangen. Warum hatte Gott mir das angetan, dass mein Vater starb? Ich habe sehr gehadert. Aber die Frage ist falsch. Gott ist immer dabei, meine Vorstellung von ihm war falsch. Gott hat mir meinen freien Willen gegeben, ich trage Verantwortung für meine Entscheidungen. Ich kann doch nicht Gott für meine Fehler verantwortlich machen. Heute beantworte ich diese Frage jeden Tag neu: Ich bleibe auf dem Weg! 

Manche trennen sich von Gott, weil sie sich verraten oder verlassen fühlen. 

Gott ist immer da. Er ist auch bei schlimmen Ereignissen da, nur auf der anderen Seite. Gott stellt mir Engel bei, die für mich Kämpfe führen, die ich nicht führen kann. Gott opfert sich für mich, er hat für mein Leben einen hohen Preis bezahlt. 

Wie ist Ihr Gottesbild heute, als fast 50-Jähriger? 

Gott ist eine reale Person, die mit mir geht. Er tröstet mich, er ist ständig bei mir, er vertraut mir, er glaubt an mich. Er kann mich vielleicht vorwarnen. Ein Beispiel: Ich kann 100 fahren, wo nur 50 ist, aber ich bin nicht schlauer als die anderen. Also kann ich auch mit 100 in der Kurve verunglücken oder jemand anders fährt in mich rein. 

Sie haben auch Philosophie studiert. Da geht es um den Verstand, nicht um den Glauben. 

Als Philosoph brauche ich zum Beispiel keinen Krieg zu führen, um zu erfahren, was Krieg mit Menschen macht. Ich kann es auch durch Nachdenken herausbekommen. Man kann seinen Verstand nutzen. Gott hat keine Angst, seine Macht mit uns zu teilen. So kann ich als Mensch die Welt als Mitschöpfer mitgestalten. Ich bin kein Illusionär, ich lebe nicht in einer virtuellen Welt. Der Verstand ist das Wichtigste. Ohne mich auf Gott oder den Glauben zu berufen kann ich zu jedem anderen Menschen sagen: Ich habe Dir das Leben nicht geschenkt, ich kann es Dir auch nicht wegnehmen. Dass ich keinen anderen Menschen töten darf, weiß ich durch meinen Verstand. Durch meinen Glauben kann ich es entdecken. Man muss sich nicht auf fromme Sprüche berufen, um die Welt zu verstehen. 

Sie haben alle drei Teile der Matrix-Filme gesehen. Die Trilogie hat viele philosophisch-theologische Inhalte mit Elementen und Anleihen bei der Erkenntnistheorie. Neo ist der Auserwählte, der immer wieder versucht, die Matrix zu beenden und die Menschen ins reale Leben zu führen. 

Ich versuche, als Franziskaner in der echten Welt und nicht in der Matrix zu leben. Mit dem Smartphone schalten sich Menschen heute selbst in die Matrix ein. Es gibt eine totale Handy-Abhängigkeit. Ich will mir eine Freiheit in der realen Welt schaffen. Ich will Freunde treffen, mit ihnen sprechen oder auch schweigen, mich direkt dem Menschen zuwenden. Musik aus, Fernseher aus, Handy weg. Ich bin zum Beispiel nicht bei Facebook, auch das ist meine freie Entscheidung. Ich bin konservativ und altmodisch. Gott ist auch altmodisch, weil er die direkte Begegnung mit Menschen sucht. 

Sie sind Franziskaner-Bruder, aber auch Priester und sogar Pfarrer mit vielen Aufgaben und Pflichten in der Welt. 

Das Pfarramt ist nur eine Berufung auf Zeit. Ich könnte den Dienst als Pfarrer jederzeit abgeben. Die ganze Verwaltungsarbeit, die viele Zeit und der ganze Aufwand – könnte ich alles von heute auf morgen lassen. Als Ordensleute sind wir nicht erzogen, in der Hierarchie der Kirche zu leben. 

Sie sind seit 2003 in Werdohl, eigentlich viel zu lange für einen Ordensbruder, der alle paar Jahre woanders hin gerufen wird. 

Ja, das stimmt. Es ist vereinbart, dass ich den Pfarreientwicklungsprozess der Gemeinde begleiten und den Umbau des Pfarrheims in unser Kloster betreuen sollte. Ob ich in Werdohl bleibe oder gehe, entscheidet sich im April 2020. Zu der Zeit werde ich in Rom sein, weil dort nach vier Jahren ein Treffen der Missionare der Barmherzigkeit mit dem Papst stattfindet. Die Entscheidung wird in Danzig getroffen. 

In Werdohl leben besonders viele Nationalitäten und Menschen mit unterschiedlichen Religionen, es gibt sogar drei islamische Gemeinden. 

Babylon Werdohl, sage ich manchmal, so kommt es mir vor, wegen der vielen verschiedenen Sprachen. Dabei müssen wir uns auf eine gemeinsame Sprache einigen, in der wir uns verstehen können. Wir alle sind Menschen, die Menschlichkeit verbindet uns. Religion kommt erst später ins Gespräch. Von anderen Menschen kann man lernen, Verschiedenheit zu verstehen. Einheit in Verschiedenheit, dafür spricht das Christentum, das finde ich sehr motivierend. Verschiedenheit bereichert uns, wenn wir uns gegenseitig in Würde annehmen. 

Heiligabend werden sie 50 Jahre alt. Mancher hat Angst davor und stürzt in eine Lebenskrise. 

Fünfzig zu werden ist kein großes Ereignis für mich. Für mich ist jeder Tag ein Geschenk Gottes. Und der 24. Dezember ist seit jeher für mich ein Arbeitstag. Ab elf Uhr stehe ich an dem Dienstag als Geburtstagskind für die Gemeinde und Freunde zur Verfügung, es gibt einen kleinen Empfang hier im Kloster. So gegen 13 oder 14 Uhr löse ich auf. Ich empfinde die Gratulanten immer als große Wertschätzung für meine Person, die haben an so einem Tag ja auch genug anderes zu tun. Drei Gottesdienste feiere ich: 16 Uhr das Krippenspiel in St. Michael, 17 Uhr die Christmette in Eveking und 23 Uhr die Christmette in St. Michael. Ohne Einladung kommen also 300 bis 400 Leute zu meinem Geburtstag, das ist doch toll! Und nach der Mitternachtsmesse kommen noch welche und gratulieren mir nachträglich. 

Wie geht es im neuen Jahr weiter? 

Meine 77-jährige Mutter ist schon zu Besuch bei uns im Kloster. Am 2. Januar fahre ich mit ihr nach Hause, nach Koronowo. Ich habe eine große Familie mit vielen Geschwistern. Meine Mutter hat zwölf Urenkel von sechs Enkeln. Dann feiern wir meinen Geburtstag nach. Alle haben sich frei genommen, darauf freue ich mich. Ich bin im positiven Sinne auf meine Familie fixiert.

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