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Fußball-Fieber bleibt aus: „Fifa macht mafiähnlichen Eindruck“

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Von: Maximilian Birke

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FIFA-Präsident Blatter bei der Bekanntgabe des WM-Ortes 2022
2010 verkündete der damalige Fifa-Präsident Joseph Blatter die Vergabe der Fußball-Weltmeisterschaft 2022 nach Katar. Bereits kurz darauf hagelte es Kritik, die bis zuletzt immer lauter wurde. © dpa-Foto

Schon an den ersten Tagen nach dem Anpfiff zeigt sich deutlich, wie sehr die Fußball-WM in Katar politisch aufgeladen ist. Sportler und Lokalpolitiker aus Werdohl teilen die Kritik an der Weltmeisterschaft.

Werdohl – Es hagelt Kritik am Verhalten der Fifa aber auch an dem mehrerer Nationalmannschaften, die dem Druck des Weltverbands nachgaben und die OneLove-Kapitänsbinde als Zeichen gegen Diskriminierung nun nicht tragen werden.

So betont auch Volker Oßenberg, Vorsitzender der Fußball-Abteilung des TuS Versetal: „Nein, ich werde diese WM nicht gucken.“ Er könne nicht begreifen, wie die Fifa und die Fußballverbände zulassen konnten, dass die Veranstaltung dort ausgerichtet wird. Im Interesse der Fans und Zuschauer sei dies nicht geschehen, vermutet Oßenberg.

Der Eklat um die OneLove-Kapitänsbinde kurz vor der Eröffnung des Turniers sei dann das i-Tüpfelchen gewesen. Spätestens da war für ihn klar: „Nein, mit mir nicht. Das hat mit ehrlichem Sport und ehrlichem Fußball nichts mehr zu tun.“

Genauso sieht es Thorsten Hänel, der für die WBG-Fraktion im Rat sitzt. „Bei mir hat sich überhaupt kein WM-Fieber eingestellt“, schildert er. „Leider bringt kein Boykott, die Menschenleben zurück, die diese WM bisher gekostet hat.“ Seinen Fernseher will Hänel dennoch auslassen. „Ich habe ein echtes Problem damit, dass die Veranstaltung in der Form in Katar durchgesetzt wird.“

Während er vor der iranischen Nationalmannschaft den Hut zieht, die es aus Protest vor der eigenen Regierung verweigert hatte, die Nationalhymne mitzusingen, hält Hänel es für blamabel, dass die deutsche National-Elf und andere europäische Mannschaften bei der WM kein sichtbares Zeichen für ihre Werte setzen.

Nicht nur für den Deutschen Fußballbund (DFB) sondern vor allem für die Fifa sei diese WM eine Schande. „Auf mich macht die Fifa mit ihrem Auftreten gerade einen mafiaähnlichen Eindruck“, beschreibt Hänel und ergänzt: „Ich hoffe, dass Gianni Infantino nach dieser WM endlich zurücktritt.“

Jürgen Henke hingegen, Mitglied der Werdohler SPD und ehemaliger Bundesliga-Schiedsrichter, will die WM-Spiele im Fernsehen verfolgen, sofern es die Zeit zulässt. „Ich halte von dieser öffentlichen Diskussion nicht sehr viel“, sagt Henke. „Es ist seit zwölf Jahren bekannt, dass die WM in Katar stattfinden soll – man hätte da viel früher etwas unternehmen müssen.“

Die Diskussion und den Unmut vieler Europäer nun auf dem Rücken der Sportler auszutragen, sei falsch, betont Henke. Deshalb werde er die deutsche Nationalmannschaft unterstützen.

Gleichwohl sagt Henke auch, dass er mit dem Gastgeberland und den Zuständen dort alles andere als glücklich ist. Er sei schon einmal in Dubai gewesen und habe sich dort von der bedrückenden Menschenrechtslage selbst ein Bild machen können.

Ansehen will sich das erste Deutschlandspiel auch Stefan Ohrmann, Fraktionsvorsitzender der CDU. „Aus Interesse am Sport und Interesse am Spiel unserer Nationalmannschaft“, erklärt er. Mit Kritik an den Umständen der WM spart er dennoch nicht: „Politisch korrekt würde ich beim derzeitigen Verhalten der Fifa von schlechtem Stil sprechen – ansonsten wohl von Erpressung“, sagt Ohrmann.

Die Situation für Menschen in Katar sei bedenklich, zum jetzigen Zeitpunkt aber keine Überraschung. Im Vorfeld des Turniers sei politisch viel versäumt worden. „Diese politische Verantwortung jetzt den Fußballern aufzutragen, halte ich allerdings auch für bedenklich.“

Vom Einknicken der europäischen Mannschaften in Bezug auf die OneLove-Binde ist Ohrmann dennoch enttäuscht. Seiner Meinung nach, hätten die Teams der verschiedenen Nationen die Konsequenzen geschlossen riskieren sollen, um wirklich ein Zeichen zu setzen. „Extrem mutig“ sei dagegen die iranische Mannschaft gewesen, die nach der WM in ihrem Land weit ernste Konsequenzen zu befürchten hat.

„Für mich ist diese WM eigentlich schon erledigt“, positioniert sich Friedhelm Hermes von der FDP. „Ich finde das ganze Vorgehen nicht gut und werde mir die Spiele auch nicht angucken.“ In der Vergangenheit habe er die Spiele um den Weltmeistertitel immer gern gesehen. Jetzt sei er vom DFB enttäuscht, der es zurzeit versäumt, ein deutliches Zeichen für die Achtung von Menschenrechten zu setzen.

„Eigentlich hätten wir schon nach dem Zuschlag für Katar durch die Fifa sagen müssen, dass wir an diesem Turnier nicht teilnehmen“, überlegt er laut. Diese Auffassung teilt auch Thorsten Hänel, der versucht sich vorzustellen, wie die Fifa wohl auf einen Boykott durch die europäischen Mannschaften reagiert hätte.

„Richtig klasse“, befindet, Friedhelm Hermes, dass der DFB nun auch spürbaren Gegenwind für sein Einknicken gegenüber der Fifa bekommt. Noch vor dem ersten Spiel der deutschen Mannschaft gegen Japan (Mittwoch, 14 Uhr), hatte der Kölner Handelsriese Rewe bekannt gegeben, seine Zusammenarbeit mit dem Fußballbund ab sofort zu beenden und auf Werberechte zu verzichten.

„Die skandalöse Haltung der Fifa ist für mich als CEO eines vielfältigen Unternehmens und als Fußballfan absolut nicht akzeptabel“, begründete Konzernchef Lionel Souque seine Entscheidung gegenüber der Deutschen Presseagentur.

„Wenn man dieser WM doch noch etwas Positives abgewinnen will, dann vielleicht, dass durch all diese Vorgänge jetzt deutlich wird, wie schlimm das menschenverachtende Verhalten in Katar ist“, sinniert Hermes. Er wünscht sich, dass die deutsche National-Elf es noch schafft, Stellung zu beziehen und ihre Werte zu vertreten.

Für einen Meinungsbeitrag angefragt wurde auch Rüdiger Backes, Vorstandsmitglied des FSV Werdohl. Er war bis Redaktionsschluss jedoch nicht zu erreichen.

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