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Für 227 000 Euro: Stadt lässt weitere Fenster im Rathaus restaurieren

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Von: Volker Griese

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Die Oberlichter sitzen fest: Malergeselle Frank Müller muss die uralten Schrauben mühsam herausdrehen, damit diese Fensterteile sich wieder öffnen und ausbauen lassen.
Die Oberlichter sitzen fest: Malergeselle Frank Müller muss die uralten Schrauben mühsam herausdrehen, damit diese Fensterteile sich wieder öffnen und ausbauen lassen. © Griese, Volker

Vor etwa zwei Jahren hat die Stadt die historischen Fenster des Sitzungssaales im Rathaus restaurieren lassen. Jetzt werden weitere Fenster im denkmalgeschützten Altbau restauriert und energetisch aufgerüstet. Auch bei diesen Fenstern legt die Stadt laut Ausschreibung Wert auf eine sorgfältige Behandlung.


Werdohl – Zugegeben: Die normalen Bürofenster im Rathaus haben nicht den Charme der Buntglasfenster, wie sie im Sitzungssaal zu finden sind. Einen historischen Wert haben sie dennoch, stammen sie doch wahrscheinlich noch aus der Zeit des Erstbezugs des Gebäudes als Ledigenheim der Firma Kugel & Berg, und das war vor 110 Jahren. Auch deshalb hat die Stadt mit den Arbeiten ein Unternehmen betraut, das sich mit der Behandlung von alter Bausubstanz auskennt. Der Auftrag ging an die Firma Philipp Nüthen aus Bad Lippspringe, ein noch recht junges Unternehmen, in dem sich Steinmetze, Stuckteure, Maler und Restauratoren um die Erhaltung des historischen Erbes kümmern.

Dazu gehören auch Frank Möller und Diodoro Soriano, die seit einigen Tagen im Werdohler Rathaus ihrer Arbeit nachgehen. Die besteht darin, die beweglichen Elemente der Fenster im Altbau des Verwaltungsgebäudes zu demontieren, zu nummerieren und in die Werkstatt in Ostwestfalen zu transportieren, während die fest installierten Teile vor Ort aufgearbeitet werden.

„Der Lack muss komplett runter“, sagt Malergeselle Müller und kratzt mit einem Schaber an der Oberfläche eines bereits ausgebauten Fensterflügels. Wie viele Schichten Farbe sich im Laufe der Jahrzehnte auf dem Holz angesammelt haben, kann er nur schätzen. „Das sind bestimmt drei oder vier Lackschichten. Man hat da einfach immer wieder draufgejaucht“, beschreibt er, wie in seinen Augen früher verfahren wurde, wenn die Fenster einen neuen Anstrich brauchten.

Zu den Aufgaben der Spezialisten aus Bad Lippspringe gehört deshalb zunächst die thermische Entfernung aller Lackschichten. Sofern die Bauteile transportiert werden können, geschieht das in der Werkstatt des Unternehmens. Die fest mit dem Bau verbundenen Fensterrahmen müssen dagegen vor Ort von der alten Farbe befreit werden.

Das ist die Aufgabe von Diodoro Soriano. Der gebürtige Italiener bewerkstelligt das mit einem Heißluftgebläse und einem Spachtel. Im 400 bis 600 Grad heißen Luftstrom wirft die Lackschicht kleine Bläschen und wird weich, dann kann Soriano sie vom Holz abschaben. Eine mühselige Arbeit, die sich nach Einschätzung von Frank Möller aber lohnt: „Das Holz ist noch gut“, versichert er.

Ganz ähnlich werden in der Werkstatt des Unternehmens an der 120 Kilometer entfernten Lippe-Quelle auch die Fensterflügel behandelt, gegebenenfalls von Tischlern überarbeitet und anschließend nach historischen Vorbildern mit wetterfester Standölfarbe wieder weiß lackiert.

In den Flügeln der Sprossenfenster steckt aber noch mehr Arbeit. Bevor sie von der Farbe befreit werden können, müssen sämtliche Scheiben entfernt werden. Größtenteils handelt es sich dabei um historisches Glas, das sehr sorgsame Behandlung verlangt. Dazu muss der Kittfalz vorsichtig erwärmt und ausgekratzt werden, damit die Scheiben entnommen werden können. Defekte Scheiben werden durch Restaurierungsglas ersetzt, um die alte Verglasungsoptik zu erhalten.

Auch die Beschläge der Fenster werden überarbeitet. Zum Teil handelt es sich dabei um historische Drehruderbeschläge, die beim Verschließen den Fensterflügel an den Fensterrahmen heranziehen. Diese auch Espagnoletten genannten Drehriegel, die oft auch in Adelshäusern und Schlössern des Mittelmeerraums zu finden sind, haben frühere Arbeiter bei Renovierungsarbeiten einfach mit weißer Farbe überstrichen. „Auch diese Farbe muss wieder herunter“, sagt Frank Möller.

Ein Teil der alten Holzfenster des Rathauses hat darüber hinaus noch eine weitere Besonderheit. Sie sind mit Vorsatzscheiben versehen. Weil sich damit – ähnlich wie mit modernen Thermopanefenstern – Energie einsparen lässt, sollen zumindest in den beheizten Räumen des Rathauses auch diese Scheiben wieder eingesetzt werden. Teilweise werden die Fenster auch mit Scheiben aus 12 Millimeter dickem Isolierglas nachgerüstet.

Apropos Energiesparen: Die Fenster verfügen allesamt über sogenannte Oberlichter, die separat auf Kipplüftung gestellt werden können. Damit die nicht dauerhaft offen standen und somit warme Luft entweichen konnte, sind an einigen Fenstern die zum Öffnen erforderlichen Beschläge entfernt worden – oder man hat die Oberlichter gleich an den Fensterrahmen angeschraubt. Diese Vorgehensweise beschert Frank Möller und Kollegen derzeit zusätzliche Arbeit, denn sie müssen die uralten Schrauben mühsam herausdrehen, um die Oberlichter demontieren und restaurieren zu können.

So viel Aufwand für die Wiederherstellung alter Fenster kostet Geld und Zeit. Für rund 227 000 Euro hat die Firma Philipp Nüthen in der Ausschreibung den Zuschlag für die Arbeiten im Werdohler Rathaus erhalten. Allerdings muss die Stadt dieses Geld nicht alleine aufbringen. Von Bund und Land erhält sie einen 80-prozentigen Zuschuss.

Für die Durchführung hat die Stadt dem Unternehmen 70 Arbeitstage Zeit eingeräumt. Die Restaurierung der etwa 40 Fenster dürfte sich also bis mindestens Ende August hinziehen.

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