Mindestlohn bleibt umstritten

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Der Werdohler Unternehmer Dirk Middendorf erklärt zum Mindestlohn: „Die Grundidee ist in Ordnung, um Armut zu verhindern.“

Werdohl – Fünf Jahre gibt es inzwischen den gesetzlichen Mindestlohn. In Werdohl gehen die Meinungen darüber auseinander.

„Die Argumente Pro und Contra halten sich die Waage“, meint etwa Dirk Middendorf, geschäftsführender Gesellschafter vom Elektrobetrieb Meschede & Co. an der Friedrichstraße. „Die Grundidee ist in Ordnung, um Armut zu verhindern“, gibt der 52-Jährige seine Einschätzung ab. „Doch die Summen werden allmählich zu hoch. Wir müssen jetzt ein Stopp-Schild aufstellen, weil es sonst ins Uferlose geht“, mahnt er. 

Der gesetzliche Mindestlohn stieg zu Jahresbeginn von 9,19 auf 9,35 Euro. „Bei uns in der Elektro-Branche liegt er seit dem Jahreswechsel aber schon bei 11,90 Euro.“ Weitere Steigerungen sind vorgesehen. 

Die Firma Meschede & Co. hat 40 Mitarbeiter, darunter sieben Auszubildende. „Zwei unserer Angestellten erhalten den Mindestlohn“, verrät Middendorf, „ein Festangestellter und ein Mini-Jobber.“ Steige der Mindestlohn weiter, „wird das ein hartes Brot“, prognostiziert er. „Dann wird unser Stundenlohn zu hoch, beispielsweise für einen Rentner. Wir müssen Mitarbeiter entlassen und fördern Schwarzarbeit. Das ist kontraproduktiv.“

Im Handwerk gelte der Mindestlohn im Wesentlichen für ungelernte Kräfte. „Wenn die aber 11,90 Euro verdienen, fragt sich manch junger Mensch doch: Warum mache ich überhaupt eine Ausbildung?“ Er holt tief Luft und schiebt hinterher: „Dann gehen uns die Fachkräfte flöten.“ 

Für ihn sei ein Mindestlohn von 10,50 Euro für einen Job-Einsteiger akzeptabel und wünschenswert. Schließlich stellt er klar: „Für gelernte Kräfte geht der Mindestlohn voll in Ordnung.“ Und auch Ungelernte könnten den Einstieg schaffen. „Wenn einer gut und fleißig ist, spielt es irgendwann keine Rolle mehr, ob er einen Gesellenbrief hat oder nicht.“ 

Tatsächlich merke er bereits seit drei, vier Jahren einen Rückgang der verfügbaren Fachkräfte. „Bei Arbeitsspitzen stelle ich auch Leiharbeitnehmer ein. Doch im Moment haben die Leiharbeitsfirmen gar keine Handwerker mehr parat.“ Seine Firma habe auch immer schon Leiharbeitnehmer übernommen. Manche seien schon seit zwei Jahrzehnten dabei. Middendorf ergänzt: „Es ist zum Beispiel sehr wichtig, dass der Mindestlohn für Praktikanten und Ferienjobber beispielsweise nicht gilt.“ Der Unternehmer erklärt: „Wir haben eine gute, freie Marktwirtschaft. Aber ich bekomme Bauchschmerzen, wenn der Staat mir vorschreibt, was ich zu zahlen habe.“

Für den Mindestlohn spreche indes: „Wer den verdient, hat dann ja auch mehr Geld in der Tasche, das er ausgeben kann. Das wiederum schafft Jobs.“

Wie die Verwaltung der Stadt Werdohl den Mindestlohn bewertet, beantwortete Fachbereichsleiter Michael Grabs: „Die Vergütung unserer Beschäftigten liegt oberhalb des Mindestlohns. Direkte Auswirkungen gibt es daher nicht. Mögliche Einsparungen gibt es dadurch, dass das Jobcenter weniger SGBII-Leistungen zahlt und somit für die Stadt Werdohl die Kreisumlage sinkt.“

Für das Jobcenter Märkischer Kreis erklärte Karolin Kötzsch: „Wir führen keine Statistiken über die Auswirkungen des Mindestlohns.“ 

Die führt Markus Niggemann auch nicht, aber der Wirt der Musikkneipe Alt Werdohl meint: „Dass man davon nicht abrücken darf, ist für solch einen kleinen gastronomischen Betrieb kontraproduktiv. Alle Thekenkräfte, die hier arbeiten, haben einen festen Job und sind auf das Geld hier gar nicht angewiesen.“ Gerne würde er sich mit seiner Mannschaft auf einen niedrigeren Kurs einigen, wenn er dürfte. 

Gleichwohl zahlte er 2019 statt der vorgeschriebenen 9,19 aufgestockte 9,60 Euro. Eine runde Summe sei einfacher zu rechnen, begründet er. „Und mit dem Trinkgeld kommen meine Mitarbeiter nicht selten auf 17 oder 19 Euro“, sagt er aus Erfahrung. Sein Stamm-Zapfer Burkhard Bora schränkt ein: „Bei Konzerten gibt es Wertmarken. Da kriegen wir auch kein Trinkgeld.“ 

Dann setzt er eine ernstere Miene auf und stellt fest: „Positiver wäre ein Mindestlohn, von dem die Leute ihre Familie ernähren könnten, also etwa in Höhe von 12,50 Euro“, rechnet er mit durchschnittlich 174 Arbeitsstunden pro Monat. „Bei gut 9 Euro kommt man im Monat gerade einmal auf knapp mehr als den Hartz-IV-Satz.“ Team-Mitglied Nils Rohleder, hauptberuflich Bilanzbuchhalter, legt 4,25 Wochen für einen Monat zu Grunde und tippt flink auf sein Handy. „Da müsste ein Mindestlohn, von dem man leben kann, bei 15 Euro liegen.“ 

Niggemann führt aus: „Meine Leute sind 450-Euro-Kräfte. Aber anders als früher muss ich für sie Lohnnebenkosten abführen an die Knappschaft. Da kommt noch mal ein Drittel drauf. Für solch einen kleinen Betrieb ist das eine Menge Holz.“ Doch auch wenn der Mindestlohn deutlich höher wäre, fänden sich in der Gastronomie nur schwierig Mitarbeiter. Bora, seit zehn Jahren Teil des Alt-Werdohl-Teams, weiß das: „Wir haben keine Planungssicherheit. Wenn du eine Schicht anfängst, weißt du nicht, ob du um 1 Uhr oder erst um 3 morgens Feierabend machen kannst.“ 

Der 27-jährige Rohleder unterstreicht: „Der Mindestlohn ist im Grundsatz eine sehr gute Sache, aber er wird falsch umgesetzt.“ Viele kleine Firmen hätten vor fünf Jahren aufgrund des Mindestlohns schließen müssen. Er schlägt vor, die Pflicht, Mindestlohn zahlen zu müssen, „an der Umsatzsumme eines Betriebes festzumachen“.

Sein Kollege Bora hebt hervor: „Bevor es den Mindestlohn gab, wurden in der Gastronomie viele Beschäftigte schlicht ausgenutzt – und dann meist die, die auf das Geld wirklich angewiesen waren.“

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