Ihr fröhliches Herz hält Gerda Hengstenberg jung

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Gerda Hengstenberg in ihrer Wohnung im Nachbarschaftshilfezentrum. Die Kochgelegenheit garantiert der fitten 92-Jährigen eine gewisse Unabhängigkeit, auch wenn im NHZ in jeder Hinsicht gut für die Ütterlingserin gesorgt wird. - Fotos: Koll

Werdohl -   Gerda Hengstenberg kennt jedes Gesicht in Ütterlingsen. Und jeder kennt sie. „Wenn man sich ein paar Tage nicht getroffen hat“, sagt die 92-Jährige, „heißt es gleich: ‘Oh, ich habe sie aber lange nicht gesehen.“ Die fidele Seniorin will nicht weg aus dem Stadtteil. Dort fühlt sie sich wohl.

„Sie glauben gar nicht, wie schnell die Jahre vergehen“, sagt sie und lächelt. Kaum jemand sieht ihr ihr Alter an. „Ich habe ein fröhliches Herz. Das hält mich jung“, verrät sie ihr Rezept. Und Ütterlingsen trägt zu ihrem Wohlempfinden seit jeher bei. „Man hat hier keine Schwierigkeiten“, ist sie voll des Lobes. „Man kann sich hier eh und je wohlfühlen“, betont sie. Und: „Nach über 40 Jahren gehört man einfach dazu.“

Am 30. September 1922 wurde Hengstenberg in Dortmund geboren. Dort lernte sie einst ihren Mann kennen. Der war Kripo-Beamter. Da dieser Beruf doch recht gefährlich schien, ließ er sich vor mehr als 50 Jahren in den Innendienst versetzen. Und so kam das junge Ehepaar nach Werdohl. Vor 44 Jahren verstarb der Mann der heute 92-Jährigen. „Und vor 42 Jahren zog ich dann nach Ütterlingsen“, erinnert sie sich.

Hengstenbergs Mann brachte zwei Kinder mit in die Ehe. Heute hat die Seniorin sieben Enkel und vier Urenkel. Bei solch einer großen Familie ist es nicht verwunderlich, dass die Ütterlingserin reichlich Besuch erhält. Bis zum 10. November hat sie ihre Lieben noch im Haus neben dem Nachbarschaftshilfezentrum (NHZ) Kunterbunt empfangen. „Jetzt bin ich von einer Haustür in die andere gegangen“, sagt sie.

Im Betreuten Wohnen im NHZ fand sie ein neues Zuhause. Das Licht in der Wohnung springt automatisch an, wenn sie die Tür von außen öffnet. Wenn sie geht, löschen sich die Lampen bald selbst. „Wir sind gut aufgehoben hier“, hebt Hengstenberg hervor. „Das darf ich wohl sagen.“ Und alle sechs Wochen kommt auch der Friseur. Das ist ihr besonders wichtig. Schließlich will sie gut aussehen, wenn wieder einmal Besuch ansteht.

Gelernte Buchhändlerin leitete Diakonie-Reisen

Die geräumige Wohnung bietet ihr nun ein Heim – mit Schlafzimmer, Bad, Wohnzimmer und eigener Küche. Letztere garantiert mit Tisch, Kühlschrank, Spüle und zwei Kochplatten ein gewisses Maß an Unabhängigkeit. Aber im NHZ wird für die Bewohner auch gekocht. Hengstenberg schaut der Köchin dann schon einmal über die Schulter und gibt ihr Tipps beim Abschmecken der Speisen.

Ihr Schlafzimmer hat momentan mit Tisch und Sofa auch noch eine Wohnecke. Das eigentliche Wohnzimmer wird demnächst noch schön eingerichtet.

Peu a peu schafft sie ihre alten Möbel aus der vorherigen Wohnung hinüber. Nur der große Kleiderschrank passte nicht in ihr neues Refugium. Gemeinsam mit der NHZ-Leitung hat sich Hengstenberg deshalb eigens in einem Baumarkt in der Nähe einen neuen, kleineren Schrank gekauft. Alle anderen Möbelstücke sind mit Erinnerungen verbunden, erzählen stumm Geschichten.

„Ich hatte ja schon immer eine Verbindung zum Haus“, sagt die Seniorin über das NHZ. Deshalb sei ihr der Umzug „gar nicht so schwer gefallen“. Die anderen Bewohner und das Team dort taten ihr Übriges: „Alle haben es mir leicht gemacht“, freut sich die 92-Jährige. „Hier sind es einfach kürzere Wege“, begründet Hengstenberg die Entscheidung, sich in die Hände des Betreuten Wohnens zu geben.

Und wenn nicht gerade ein Familienmitglied bei Gerda Hengstenberg ist, geht sie selbst durchs Haus, macht Krankenbesuche. Oder sie geht durch den Ort, pflegt alte Kontakte. „Hier kennt man jeden“, weiß sie sich in guter Gesellschaft. Zwei oder drei Mal im Monat macht sie sich auch alleine auf in die Innenstadt. „In Werdohl gehe ich dann gerne einmal bummeln, dies und jenes mal angucken.“

Nach dem Umzug von Dortmund nach Werdohl gab Hengstenberg ihren Beruf auf, kümmerte sich ganz um die Kinder im Haus. Früher hat sich die gelernte Buchhändlerin in ihrer Freizeit gerne mit Handarbeiten beschäftigt. Vier Jahrzehnte lang hat sie die Freizeiten des Diakonischen Werkes geleitet. „Ich habe viel Schönes gesehen und erlebt“, erinnert sie sich an diese Zeiten.

Im NHZ nun hält sie das reichhaltige Aktivitäten-Angebot auf Trab. Montags und donnerstags fehlt die 92-Jährige nie bei der Gymnastik-Stunde. An Mittwochabenden leitet seit rund einem halben Jahr Angela Oettinghaus einen Entspannungskursus mit Fantasiereisen. Hengstenberg war von Beginn an dabei: „Das ist so schön“, schwärmt sie.

Doch damit nicht genug: Wenn gebastelt wird – die „Neue“ im NHZ ist dabei. Einmal im Monat findet ein Gottesdienst im Haus statt. Die evangelische Christin Hengstenberg sitzt dann in der ersten Reihe. Die kleine Schrift in den Kreuzworträtseln, die die 92-Jährige einst so gerne löste, kann sie nicht mehr so gut erkennen. Doch donnerstags im Café Memory gehört sie zum Stamm-Publikum. Und wenn im „Kunterbunt“ gesungen wird, erklingt auch immer ihre fröhliche Stimme.

Hengstenberg freut sich über den Zusammenhalt im Haus: „Man hat hier immer Gesellschaft“, sagt sie. Schon kommt ein ihr bekanntes Ehepaar die Treppe hinunter. Ein paar freundliche Worte werden gewechselt. Man erkundigt sich gegenseitig nach dem Befinden, lächelt sich an, scherzt ein wenig und wünscht sich noch einen schönen Tag.

Selten ist Hengstenberg alleine „auf meinem Zimmer“. Sie meint: „Man versucht immer, dass man dazwischen bleibt. Das ist wichtig.“ Und zieht sie sich doch einmal in ihre Wohnung zurück, dann bringt die Musik aus dem Radio sie in Stimmung. Abends schaut sie gerne fern. „Aber es wird oft nicht viel Gescheites geboten“, rügt die 92-Jährige die TV-Sender.

Von Michael Koll

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