Frauen in Kommunalparlamenten

Frauen in Räten meistens in der Minderheit ‒ auch in dieser MK-Stadt

Im bisherigen Werdohler Rat saßen sechs Frauen, jetzt ist eine hinzugekommen.
+
Im bisherigen Werdohler Rat saßen sechs Frauen, jetzt ist eine hinzugekommen.

In keinem einzigen Stadt- oder Gemeinderat in NRW stellen Frauen auch nur die Hälfte der Abgeordneten, zeigt eine Analyse des Recherchenetzwerks Correctiv.Lokal in Kooperation mit come-on.de. In einem Rat im Münsterland sitzt nicht mal eine einzige Frau. Aber auch im Märkischen Kreis sind Frauen unterrepräsentiert. Warum fehlen die Frauen in der Kommunalpolitik? Knapp 600 Politikerinnen und Politiker haben sich dazu geäußert – und berichten von Sexismus, Kungelei und Männernetzwerken.

Werdohl ‒ Den größten Frauenanteil in NRW hat der Stadtrat Halle in Westfalen mit 44 Prozent. Trauriges Schlusslicht ist Sassenberg. In der Kleinstadt im Münsterland sitzt keine einzige Frau im Stadtrat. „Je kleiner die Gemeinde, desto niedriger zumeist der Frauenanteil”, haben Paula Schweers und Stefanie Lohaus von der Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) festgestellt. NRW bestätigt das: je ländlicher, desto männlicher. Besser ist es in den Großstädten, von denen NRW viele hat: In Münster mit einer relativ großen grünen Ratsfraktion liegt der Frauenanteil mit 33 Prozent über dem Durchschnitt. Auch Köln, die einzige Stadt mit einer Frau als Oberbürgermeisterin, steht mit 38 Prozent gut da.

Es gibt aber auch Ausnahmen: Kleine Gemeinden wie Oerlinghausen oder Telgte erreichen einen Frauenanteil von mehr als 40 Prozent und Nachrodt-Wiblingwerde immerhin auf 36,4 Prozent, während andere Städte wie etwa Dinslaken mit 15 Prozent weit unter dem Durchschnitt bleiben. Gründe für diese „Ausreißer” vermuten die beiden Expertinnen in den jeweils starken Parteien und deren Quotenregelungen mit bis zu 50 Prozent Frauen auf den Wahllisten.

In katholischen Gegenden wenige Frauen

Besonders schlecht sieht es im katholisch geprägten Sauerland aus, was den Frauenanteil angeht: Winterberg kann nur drei Prozent Frauen vorweisen. Die Stadt Balve steht mit 6,3 Prozent nicht viel besser da und hat damit im Märkischen Kreis den Rat mit dem kleinsten Frauenanteil.

Und in Werdohl? Von den 32 Mitgliedern des neuen Stadtrates, der sich am 2. November zur konstituierenden Sitzung treffen wird, sind nur sieben Frauen. Das entspricht – wie übrigens auch in Neuenrade – einem Anteil von 21,9 Prozent. Zum Vergleich: Kreisweit liegt der Frauenanteil in den Räten bei durchschnittlich 25,9 Prozent. Werdohl liegt im Kreis also knapp unter dem Durchschnitt. Immerhin: Gegenüber dem bisherigen Rat ist der Frauenanteil geringfügig um knapp drei Prozent gestiegen, weil eine Frau mehr in dem Gremium sitzt.

„Reißverschlussprinzip“ bei der SPD

Ihren Frauenanteil aufgestockt hat aber nur die SPD: von vier auf sechs. Das hängt damit zusammen, dass die Sozialdemokraten dem parteiinternen Organisationsstatut gefolgt sind schon ihre Reserveliste nach dem „Reißverschlussprinzip“ besetzt haben: Auf der Liste tauchen abwechselnd Männer und Frauen auf. Die Folge war, dass mit Jana Gester, Stefanie Starbatty und Brigitte Meinen drei der sechs SPD-Frauen im Rat ihr Mandat über diesen Weg erhalten haben.

Bei der CDU ist nach dem Ausscheiden von Kerstin Bathe aus dem Rat nun Veritas Reiche die einzige verbliebene Frau. Sie hat ihr Mandat direkt gewonnen. Über die Reserveliste wäre sie nur so gerade in den Rat gekommen, denn dort war sie als erste Frau auf Platz zwölf geführt. Weitere Frauen folgen noch weiter hinten auf den Plätzen 16, 19, 21, 24 und 25. Sehr unwahrscheinlich, dass ihnen damit ein Ratsmandat zugefallen wäre.

WBG und FDP sind Männergesellschaften

Überhaupt keine Frau schickt die WBG in den Rat, was wegen der generell schlechten Aussicht auf WBG-Direktmandate vor allem an der Besetzung der Reserveliste liegt, in der auf den ersten sechs Plätzen keine Frau auftaucht. So wurde die WBG-Fraktion wie schon in der vergangenen Wahlperiode eine reine Männergesellschaft. Genauso sieht es bei der FDP aus: Die erste Frau auf der Reserveliste taucht auf Platz fünf auf, die Liberalen werden deshalb im Rat von zwei Männern vertreten.

Die Gründe für den Frauenmangel können unterschiedlich sein. In der Forschung wird die schlechte Vereinbarkeit von politischem Ehrenamt mit Beruf und Privatleben genannt – noch immer tragen Frauen die größere Arbeitslast in Familie und Haushalt. Für fast jede fünfte von Correctiv.Lokal befragte Politikerin stellt die Vereinbarkeit ein Problem dar. Hinzu kommt, dass Ämter und Listen intransparent besetzt und Quoten nicht eingehalten werden – wenn es sie überhaupt gibt. Mehr als 60 Frauen beklagen Klüngel, Intransparenz und Netzwerke unter Männern.

Ich wünsche mir das auch anders, weil ich finde, dass es wichtig ist, dass Frauen ihre Standpunkte in die Politik einbringen. Aber man kann ja niemanden dazu zwingen

Stefan Ohrmann, CDU-Fraktionsvorsitzender in Werdohl

Gründe, warum es in seiner Fraktion nicht mehr weibliche Ratsmitglieder gibt, nennt auch der Werdohler CDU-Fraktionsvorsitzende Stefan Ohrmann – und sie decken sich mit den Antworten, die Correctiv.Lokal erhalten hat: Familiäre und andere Verpflichtungen, aber auch die Scheu vor der Öffentlichkeit hielten viele Frauen von einem größeren Engagement in der Kommunalpolitik ab, sagt er. „Ich wünsche mir das auch anders, weil ich finde, dass es wichtig ist, dass Frauen ihre Standpunkte in die Politik einbringen. Aber man kann ja niemanden dazu zwingen“, erklärt Ohrmann, dass es in der CDU einfach an Frauen fehle, die dazu bereit seien, in vorderster Linie mitzumischen. Die CDU werde aber nicht locker lassen und weiter die Fühler nach solchen Frauen ausstrecken, die sich für eine Mitarbeit im Rat gewinnen lassen.

Aber was würde ein höherer Anteil von Frauen in politischen Ämtern überhaupt bringen? Vor allem eine ideologiefreie, pragmatische Sachpolitik, glauben fast 40 Prozent der von Correctiv.Lokal befragten Frauen. Sie erwarten, dass die politische Kultur sich mit mehr Frauen im Amt verändern würde – hin zu weniger Machtgehabe und besserer Kommunikation. Belege, dass das tatsächlich so sein könnte, gibt es bislang – aus Gründen – nicht. Mehr Sachlichkeit und Pragmatismus erwartet jede sechste Frau. Dass sich nichts verändern würde, glauben übrigens 16 Prozent der Männer – aber nur drei Prozent der Frauen.

Nachgefragt bei Marion Gierse

Marion Gierse ist Vorsitzende der SPD-Fraktion im neuen Werdohler Stadtrat.
Frau Gierse, warum gelingt es der SPD, so viele Frauen in den Rat zu bringen – und warum schaffen das andere Parteien nicht?
Marion Gierse: Das weiß ich auch nicht so genau. Aber in der SPD-Geschichte waren Frauen schon immer weit vorne, sicherlich auch bedingt durch die sozialen Arbeitsfelder dieser Partei.
Was hat Sie denn dazu bewogen, den Fraktionsvorsitz zu übernehmen?
Ach, ich musste schon dazu überredet werden. Ich hatte aber, weil ich schon einige Jahre stellvertretende Fraktionsvorsitzende war, einen ganz guten Einblick, was so ein Vorsitzender zu leisten hat. Die Vereinbarkeit mit dem Beruf ist für mich vorstellbar, und ich muss auch auf andere, private Dinge nicht verzichten. Ich traue mir das zu!
Was denken Sie eigentlich über ihren Parteivorsitzenden Udo Böhme, der gesagt hat, die SPD-Fraktionsspitze mit zwei Frauen an der Spitze – neben Ihnen noch Jana Gester – sei ein „Experiment“?
Ich weiß nicht, ob er das wirklich gesagt hat...
...doch, das hat er so gesagt.
Dann sage ich: Das hätte er todsicher nicht über zwei Männer an der Spitze gesagt. Ich glaube aber auch nicht, dass eine Karikatur wie am 10. Oktober in Ihrer Zeitung erschienen wäre, wenn zwei Männer an der Spitze der SPD-Fraktion stehen würden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare