Förster Frank Bossong fünf Jahre nach Kyrill: „Kriegsähnliche Zustände“

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Durch die Wucht des Orkans Kyrill entstanden im Forstbezirk Werdohl insgesamt 300 Hektar Kahlfläche. 100 000 Festmeter Holz sind am 18. Januar 2007 in den heimischen Wäldern geworfen worden.

WERDOHL - Förster Frank Bossong kann sich noch genau an den Abend des 18. Januar 2007 erinnern, als der Orkan Kyrill über Werdohl fegte. „Gegen 21 Uhr kamen die ersten Anrufe von aufgeregten Waldbesitzern, die die Silhouette ihres Waldes nicht mehr sahen“, sagt Bossong. „Mir war klar, wenn du morgen in den Wald gehst, wird nichts mehr so sein, wie es war“.

Von Ute Heinze

An den ersten vier Tagen nach dem Orkan war Bossong zu Fuß im Revier unterwegs, um sich einen ersten Überblick über die Schäden zu verschaffen. Wie nach einem Krieg habe es dort ausgesehen. Wo Tage zuvor dichter Fichtenwald zu sehen war, hätten sich nun nur noch kahle Flächen gezeigt.

Förster Frank Bossong kann sich noch genau an den Abend erinnern, als der Orkan über Werdohl fegte.

„100 000 Festmeter Holz sind durch den Orkan Kyrill in den heimischen Wäldern geworfen worden“, zieht Bossong Bilanz. Zum Vergleich: In einem normalen Jahr werden etwa 10 000 Festmeter in Werdohl geschlagen. „In der Kyrill-Nacht sind somit so viele Bäume umgefallen, die wir sonst im Verlaufe von zehn Jahren geschlagen hätten“, erklärt der Experte. Durch die Wucht des Orkans entstanden im Forstbezirk Werdohl insgesamt 300 Hektar Kahlfläche.

Die hiesigen Waldbesitzer seien von den Schäden sehr unterschiedlich betroffen gewesen. Für viele bäuerliche Betriebe sei der Wald wie eine stehende Sparkasse gewesen. „Da wurde aus Holzverkäufen schon mal eine neue Halle oder ein neues Dach finanziert“, sagt Bossong. Die genaue Schadenssumme, könne heute – fünf Jahre nach dem Sturm – noch nicht beziffert werden.

Das Holz, das nicht sofort vermarktet werden konnte, wurde unter anderem auf Nasslagerplätzen – in Werdohl an der Schlacht – untergebracht. „Die heimischen Sägebetriebe waren nicht in der Lage, diese Mengen aufzunehmen und zu verarbeiten. Deshalb wurde viel ins Ausland exportiert“, blickt Bossong zurück. Vor allem der Preisverfall für Holz sei damals sehr ärgerlich gewesen, weil der Markt durch die Kyrill-Folgen in ganz Europa quasi überschwemmt worden sei.

Viele Waldbesitzer hätten damals die Schäden durch den Landesbetrieb Wald und Holz NRW beseitigen lassen, weil sie weder über das nötige Know-How noch über das technische Equipment verfügten.

Spezialunternehmen aus Österreich und der Schweiz wurden damals angefordert, die mit Seilkränen das „Baum-Mikado“ an den unwegsamen Hängen beseitigten. Zudem waren Vollernter permanent im Einsatz, um die größtenteils entwurzelten Bäume aus dem Wald zu schaffen. Auch machten sich Bossong und beauftragte Unternehmer mit Kettensägen auf in den Wald. „Zum Teil mussten die Wege erst von Baggern freigeräumt werden, bevor wir loslegen konnten“, berichtet Werdohls Förster aus den Wochen nach den Sturm. Das eigentliche Aufräumen im Wald dauerte bis Mitte 2010, mehr als drei Jahre. In den Jahren nach dem Orkan seien keine Durchforstungen durchgeführt worden, weil die Beseitigung der Folgeschäden im Mittelpunkt gestanden habe.

Bereits im Frühjahr 2008 sei in der Lennestadt mit der Wiederaufforstung begonnen worden. Vor allem die Wünsche der Waldbesitzer hätten damals Priorität gehabt. Zudem sei es auch darum gegangen, keine Fichten mehr auf Kuppen und Südhanglagen zu pflanzen. Denn die Fichte ist ein klassischer Flachwurzler und somit sehr anfällig bei größeren Windereignissen oder Trockenphasen.

„Ziel war es zudem, Mischwälder aufzubauen. Diese reagieren flexibler“, weiß Bossong. Zuerst sei dort gepflanzt worden, wo eine starke Konkurrenzvegetation durch Sträucher oder Bäume zu erwarten gewesen sei. Anschließend nahmen sich die Waldbesitzer die Flächen vor, bei denen ein Baumartwechsel von der Fichte zu Laubholz oder alternativen Nadelhölzern ratsam war. „Vor allem hier war der Einsatz von Fördermitteln durch ein Sonderprogramm des Landes NRW möglich. Insgesamt wurden Mittel von 153 681 Euro beantragt und ausgezahlt“, sagt Bossong. Manche Flächen wurden zunächst nicht wieder neu bepflanzt. „Wenn wir mit der natürlichen Verjüngung wirtschaftlich verwertbarer Baumarten rechnen konnten, haben wir erstmal abgewartet“, erklärt Bossong. 135 600 Nadelhölzer, darunter Fichten, Douglasien und Europäische Lärchen, und 182 325 Laubhölzer wie Rotbuchen, Trauben-eichen, Bergahorn, Roteichen, Eschen, Wildkirschen und Hainbuchen wurden unter der Regie des Forstbezirks seit dem Frühjahr 2008 gepflanzt.

Etwa 70 Prozent der Kahlflächen seinen durch diese Vorgehensweise wieder in junge Wälder verwandelt worden. In den kommenden Jahren werde vor allem noch viel Arbeit im Rahmen der Pflege der Wiederaufforstungsflächen notwendig sein“, blickt Bossong voraus.

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