„Flüchtlingsstrom reißt nicht ab“

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Das ehemalige Übergangswohnheim ist wenig einladend, auch die Stadtverwaltung betrachtet es offenbar als Notlösung. Doch die Suche nach Alternativen könnte ergebnislos verlaufen.

Werdohl - Soll das ehemalige Übergangsheim Im Winkel 32 wieder hergerichtet werden, wenn die Stadt Werdohl künftig noch mehr Asylbewerber unterbringen muss? Lieber nicht, befanden die Mitglieder des Bau- und Liegenschaftsausschusses, nachdem sie am Dienstag das Gebäude besichtigt hatten. Möglicherweise gibt es aber keine Alternative.

Der akute Platzbedarf für die erste Unterbringung neuer Flüchtlinge wird durch das Gebäude am Grasacker 31 – wie berichtet – erst einmal gedeckt. Sollten jedoch auch die neuen 16 Plätze nicht mehr ausreichen, muss die Stadt eine weitere Unterkunft finden. 50 bis 70 Personen könnten in dem Gebäude Im Winkel 32 unterkommen, wenn dieses saniert und renoviert würde.

Elverlingsen oder Container

75 000 Euro müsste die Stadt in die Bausubstanz stecken, weitere 104 500 Euro fielen an, „um das Haus als akzeptable Unterkunft wieder herzurichten“, wie es in der Ausschussvorlage heißt.

Der Ausschussvorsitzende Dirk Middendorf regte an, auf dem Grundstück am Grasacker Container aufzustellen oder ein Gebäude in Leicht- oder Funktionsbauweise zu errichten. „Ich kenne Bürohäuser, die günstiger sind“, sagte Middendorf mit Blick auf die Sanierungskosten.

Dem widersprach Thomas Schroeder, Leiter der Abteilung Bauen und Immobilienmanagement der Stadtverwaltung. Um Plätze in der angedachten Größenordnung zu schaffen, werde ein „Betrag jenseits von Gut und Böse“ anfallen. Ihm liege – aus einem anderen Zusammenhang – ein Kostenvoranschlag für eine Containerlösung vor. Danach würden deutlich weniger Plätze bereits 100 000 Euro kosten.

SPD-Ratsherr Jürgen Henke sprach sich vehement gegen das Gebäude Im Winkel aus, das er als „Unterbringung siebter Klasse“ und „menschenunwürdig“ bezeichnete. „Wir sollten dieses Projekt sterben lassen und neu überlegen“, sagte Henke. Er schlug stattdessen vor, Gespräche mit der Mark-E zu führen und Flüchtlinge in Elverlingsen einzuquartieren. Auch mit der Wohnungsgesellschaft Werdohl (Woge) solle die Verwaltung immer in Kontakt bleiben und Flüchtlinge in freien Wohnungen unterbringen. Die leerstehenden Häuser in Elverlingsen als Flüchtlingsunterkunft zu nutzen, schloss Fachbereichsleiter Michael Grabs aus. Dort gebe es überhaupt keine Infrastruktur mehr, die Häuser seien weder ans Strom- noch ans Wassernetz angeschlossen.

„Nicht nur Dach über dem Kopf“

„Außerdem ist das sehr weit draußen, da fährt sonntags kein Bus“, sagte Grabs. Auch bei Bodo Schmidt vom Fachbereich Soziales fand der Vorschlag wenig Anklang: „Es geht ja nicht nur um ein Dach über dem Kopf. Die Leute müssen sich versorgen können und wir müssen sie betreuen.“ Grabs betonte, auch das Gebäude Im Winkel solle nur ein Übergangsheim sein: „Da soll keiner lange bleiben. Aber der Flüchtlingsstrom reißt nicht ab.“ Ausdrücklich plädierte er daher für diese Einrichtung, sollten die beiden anderen Übergangsheime ausgelastet sein.

Vertreter aller Fraktionen baten die Verwaltung dennoch darum, Alternativen zu suchen. „Wir wollen die Asylbewerber nicht im letzten Winkel dieser Stadt unterbringen“, wagte CDU-Ratsherr Michael Schürmann gar ein Wortspiel. „Das Fazit ist: Wir haben alle Bauchschmerzen damit“, fasste der Ausschussvorsitzende Dirk Middendorf zusammen. „Aber wir müssen jetzt noch nicht darüber entscheiden.“

Von Constanze Raidt

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