Umfrage bei Firmen in Neuenrade und Werdohl

Unternehmen regeln Homeoffice unterschiedlich: Geschäftsführer zum Teil verärgert

Die Möglichkeit der Arbeit im Homeoffice sollen Arbeitgeber noch stärker forcieren, fordert die Politik. Zumindest bei den heimischen Unternehmen ist das aber längst nicht immer möglich.
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Die Möglichkeit der Arbeit im Homeoffice sollen Arbeitgeber noch stärker forcieren, fordert die Politik. Zumindest bei den heimischen Unternehmen ist das aber längst nicht immer möglich.

Nach dem Beschluss von Bund und Ländern in dieser Woche soll - wo es möglich ist - Beschäftigten der Wechsel ins Homeoffice angeboten werden. Der SV hat sich in Werdohl und Neuenrade umgehört. Die Firmen reagieren verschieden.

Werdohl/Neuenrade – Bund und Länder haben sich im Kampf gegen das Coronavirus in dieser Woche darauf geeignet, die Maßnahmen nochmals zu verschärfen. Um Kontakte reduzieren, bekommen Beschäftigte in diesem Zug ein Recht auf Homeoffice, wenn es der Arbeitsablauf im Unternehmen zulässt. Was bedeutet das für die heimischen Firmen? Der SV hat sich in Werdohl und Neuenrade umgehört.

Drahtwerke Elisental in Neuenrade

„20 unserer insgesamt 130 Beschäftigten könnten grundsätzlich im Homeoffice arbeiten“, hat Daniel Wingen, Geschäftsführer der Drahtwerke Elisental in Neuenrade ausgerechnet. „Wir handhaben das sehr flexibel. Der Anteil an Heimarbeitsplätzen wird in den einzelnen Abteilungen immer wieder neu festgelegt, je nach Art der aktuellen Aufgaben“, führt Wingen weiter aus. Bislang habe man keinen Mitarbeiter-Wunsch nach Homeoffice abgelehnt. „Falls Mitarbeiter privat nicht vollständig ausgestattet sind, stellen wir ihnen Leihgeräte zur Verfügung“, so Wingen.

Die Zeiteinteilung der Heimarbeiter sei flexibel, es gebe aber Kernzeiten, zudem „ein Zeitfenster, in dem eine Abteilung mindestens mit einer Person besetzt sein sollte“, erläutert Daniel Wingen. Weil ein Großteil der Belegschaft an Maschinen, in der Materialannahme, in der Qualitätskontrolle und im Versand arbeitet, ist hier kein Homeoffice möglich. Wo der Mindestabstand nicht eingehalten werden kann, gilt Maskenpflicht. Abteilungen wie die Instandhaltung oder die Qualitätssicherung haben einen Zwei-Schicht-Betrieb eingeführt. „Vor der Pandemie gab es dort nur eine Frühschicht“, sagt Wingen.

Machinenbau-Unternehmen Stauff in Werdohl

Dr. Matthias Papenfuß, Geschäftsführer des Deutschland-Geschäftes des Werdohler Machinenbau-Unternehmens Stauff, sagt: „Seitens der IT haben wir schon vor der Pandemie die entsprechende Infrastruktur vorgehalten, um mobiles Arbeiten zu ermöglichen.“ Diese Möglichkeiten würden nun verstärkt genutzt. Papenfuß erläutert: „Jeder Vorgesetzte ist dazu angehalten, gemeinsam mit den Mitarbeitern möglichst pragmatische Lösungen zu finden. Je nach Infektionsgeschehen und betrieblicher Notwendigkeit schwankt die Zahl unserer Mitarbeiter, die im mobilen Office arbeiten, stark.“

Kontakte sollten „auf das absolut Notwendigste reduziert“ werden, sagt der Geschäftsführer. „Auch persönliche Meetings sind zu vermeiden und werden, wo immer möglich, durch Videokonferenzen ersetzt.“ Die Fünf-Tage-Woche wie auch die bisher üblichen Tagesarbeitszeitmodelle blieben zwar weiterhin bestehen, „können aber flexibilisiert werden“.

Neben den Homeoffice-Regelungen setzt das Unternehmen auf weitere Abstands- und Hygienemaßnahmen, um einen Corona-Ausbruch möglichst zu verhindern. „Dazu gehören Aerosolmessgeräte, das Tragen von Masken, Regelungen zur Schichtübergabe, Besucherregelungen und eine Meldepflicht für alle, die mehr als 15 Minuten Kontakt zu einem positiv Getesteten hatten“, sagt Papenfuß.

Präzisionsdrehteile Julius Klinke in Neuenrade

Alexander Klinke, Geschäftsführer der Neuenrader Julius Klinke GmbH, zählt auf: „Wir haben 200 Beschäftigte, von denen rund 90 Prozent in der Produktion tätig sind und logischerweise nicht zuhause arbeiten können.“ Auch in der Verwaltung gehe das nur teilweise, weil die Beschäftigten dort etwa einen ständigen und engen Austausch mit der Produktion benötigten. „Je nach Situation arbeiten bei uns etwa fünf Mitarbeiter im Homeoffice. Diese Zahl ist nicht zu erhöhen“, sagt Klinke.

Auch beim Neuenrader Hersteller von Präzisionsdrehteile wird in mehreren Schichten gearbeitet. „Alle Arbeitsplätze haben die notwendigen Abstände und sind teilweise durch Glasscheiben voneinander getrennt. Die Mitarbeiter tragen medizinische Masken“, sagt Geschäftsführer Klinke.

Metallunternehmen VDM Metals in Werdohl

Beim Werdohler Metallunternehmen VDM Metals können die Mitarbeiter seit Beginn der Pandemie von zuhause aus arbeiten. „Soweit dies unter betrieblichen Gesichtspunkten darstellbar ist“, sagt Marketingleiter Philipp Verbnik. In erster Linie sei dies für Beschäftigte in der Verwaltung möglich. „Aktuell arbeitet zum Beispiel der komplette Vertrieb von zuhause“, sagt Verbnik. Für die Heimarbeit sei „die Mehrzahl der Mitarbeiter der Verwaltung mit einem Laptop ausgestattet, mit dem auch unser Telefonsystem bedient werden kann“. Die einzelnen Fachabteilungen stimmten sich intern ab, wer daheim bleiben kann. „Der Arbeitsbeginn ist flexibel, die Zeiterfassung erfolgt digital“, schildert Verbnik.

Kunststoff-Spezialist Böhm-Plast Technology in Neuenrade

Beim Neuenrader Kunststoff-Spezialisten Böhm-Plast Technology hat jeder Verwaltungsmitarbeiter einen Homeoffice-Zugang, der ein nahezu lückenloses Arbeiten von zuhause aus ermöglichen soll. „Die Anrufe werden dorthin umgeleitet, sodass der Anrufer nicht bemerkt, dass er den Mitarbeiter zuhause erreicht“, sagt Geschäftsführer Dennis Böhm. Auf Wunsch werden die Heimarbeiter mit Laptops ausgestattet. „Aus unserer Sicht sind wir an einem Punkt angekommen, an dem eine weitere Ausbaustufe von Homeoffice nicht mehr möglich ist“, sagt Böhm.

Verärgerung über neuen Beschluss zur Heimarbeit

Über den jüngsten Homeoffice-Beschluss von Bund und Ländern zeigt er sich dennoch verärgert: „Ich finde es seitens der Politik eine Dreistigkeit per Verordnung die Durchsetzung des Homeoffice als etwas Einfaches anzusehen.“ Der Geschäftsführer verweist auf eine vielerorts mangelhafte digitale Infrastruktur, die es schlicht nicht überall ermögliche, problemlos ins Homeoffice zu gehen.

Als Beispiel nennt er auch sein Unternehmen: „Wir sind an eine Leitung angeschlossen, die das Internet mit einer Geschwindigkeit von 1,6 Megabit pro Sekunde darstellt. Effektiv haben wir aber gerade einmal eine Geschwindigkeit von 1,1 Megabit.“ Der Politik falle in der Pandemie-Zeit gerade ein großes Versäumnis der vergangenen Jahre massiv auf die Füße. Mit Verweis auf die neuerliche Verschärfung der Schutzmaßnahmen sagt Böhm: „Da hilft selbst kein weiteres Festdrehen der Schraube, irgendwann platzt der Kopf.“

Ähnlich sieht Elisental-Geschäftsführer Daniel Wingen, die allgemeingültigen Verordnungen. So sei etwa zu berücksichtigen, ob die Kinderbetreuung gewährleistet ist und der Mitarbeiter daheim überhaupt in Ruhe arbeiten könne. Dies bekomme er auch in Gesprächen mit Angestellten gespiegelt: „Es gab Mitarbeiter, die mir berichteten, wie angenehm das ungestörte Arbeiten zuhause war. Andere kamen völlig gestresst wieder und empfanden die Rückkehr ins Büro fast schon wie Urlaub.“ Bei einer pauschalen Homeoffice-Forderung würden zudem „Fragestellungen im Zusammenhang mit anderen Rechtsvorschriften wie etwa Datenschutz und Arbeitssicherheit einfach ausgeblendet“.

Noch deutlicher wird Alexander Klinke, der ein Recht auf Homeoffice als weiteren Versuch bezeichnet, den Unternehmen „völlig unangebracht vorzuschreiben, wie sie sinnvoll ihre Arbeit machen sollen“. Arbeitsminister Hubertus Heil führe einen „ideologischen und populistischen Kreuzzug“.

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