Finanznot bietet Chance zu mehr Zusammenhalt

Presbyteriumsvorsitzender Martin Kämper und Finanzkirchmeister Lother Jeßegus (kleines Foto) stellten im Schatten der Kreuzkirche die Zusammenhänge dar, die ab 2012 zu einem weitreichenden Umbruch innerhalb der Kirchengemeinde führen.

WERDOHL ▪ Der Weg war bereits bei einer Gemeindeversammlung vor zwei Jahren vorgezeichnet worden. Jetzt jedoch nehmen die Veränderungen in der Evangelischen Kirchengemeinde Werdohl allmählich konkrete Formen an. Ab 2012 wird es nach dem Ausscheiden von Pfarrer Martin Kämper – wie schon am Samstag berichtet – nur noch zwei Pfarrstellen geben; besetzt durch die Pfarrer Dirk Grzegorek (Versetal) und Martin Buschhaus (Stadtmitte). Von Rainer Kanbach

Wie schon nach dem Eintritt von Rüdiger Schmale in den Ruhestand wird auch die Stelle von Martin Kämper nicht wieder neu besetzt. Der Bezirk Königsburg verliert seinen Pfarrer und wird künftig durch Dieter Kuhlo-Schöneberg betreut, der aus einem Sonder-Etat der Landeskirche Bielefeld bezahlt wird. Er ist Pastor im Entsendungsdienst und wird in Werdohl bleiben – es sei denn, er bewirbt sich anderweitig. Davon jedoch wird nicht ausgegangen. Seine Sonderpfarrstelle im Hospiz in Lüdenscheid entfällt allerdings.

Wie wichtig die Garantie der dritten Arbeitsstelle im seelsorgerischen Bereich der Evangelischen Kirchengemeinde Werdohl ist, skizzierte Pfarrer Martin Buschhaus am Dienstagmorgen gemeinsam mit Finanzkirchmeister Lothar Jeßegus: „Dadurch, dass er hier ist (und nur dadurch), bleibt auch der Kreuzkirchenbezirk Königsburg erhalten. Sonst wäre er dicht.“ Unter dem Strich ergibt sich für die verbleibenden drei Geistlichen ab 2012 „eine weitere Verdichtung der von ihnen zu leistenden Aufgaben“, obwohl die Zahl der Gemeindeglieder innerhalb von fünf Jahren von 7 737 auf aktuell knapp unter 7 000 gesunken ist und mit einem weiteren stetigen Rückgang von durchschnittlich 150 pro Jahr zu rechnen ist.

Die Konsequenzen aus der skizzierten Personalentwicklung sind vielfältig. So kam das Presbyterium in seiner Sitzung vor einer Woche überein, dass die Gemeindebezirke Königsburg und Pungelscheid, die bislang weitgehend eigenständig sind, fusionieren.

In einer auf zwei Jahre bemessenen Übergangszeit wird es ab 2012 einen Gottesdienst im Monat im Paulus-Gemeindehaus in Pungelscheid und drei in der Kreuzkirche Königsburg geben, wobei jeweils auch Fahrdienste organisiert werden sollen, um den Gottesdienstbesuch für alle möglich zu machen.

Während der Übergangszeit (bis Ende 2013) werden ständig Prüfungen in Pungelscheid stattfinden, ob die Besucherzahlen im Paulus-Gemeindehaus die Zwischenlösung noch rechtfertigen. In jedem Fall soll die Gemeindearbeit an der Turmstraße mit Beginn 2014 – weil auch die Infrastruktur auf der Königsburg besser sei – eingestellt werden. Für das Gebäude gibt es bereits jetzt Interessenten, hieß es im Gespräch am Dienstag.

Die Entwicklung in der Evangelischen Kirchengemeinde in Werdohl (allerdings nicht nur hier) ist entscheidend beeinflusst durch die finanzielle Situation, die durch einen dauerhaften Abwärtstrend auffällt.

Zwei Zahlen von Finanzkirchmeister Lothar Jeßegus machen das deutlich: Erhielt Werdohl 2005 noch Zuweisungen aus der Kirchensteuer in Höhe von 656 000 Euro, so werden es 2013 nur noch 470 000 Euro sein; ein Minus von 28 Prozent, wie er vorrechnete.

Irgendwo dazwischen liegt der aktuelle Zuweisungsbetrag. Von ihm müssen die Personalkosten (zwei Pfarrer und rund 30 Angestellte) sowie der Erhaltungsaufwand und die Bewirtschaftung der kircheneigenen Gebäude getragen werden – sämtlich Posten, bei denen mit einer kontinuierlichen Kostensteigerung zu rechnen ist: Geld weniger, Kosten gehen hoch – das ist die deprimierende Situation.

Zwar kommt es nach dem Ausscheiden von Martin Kämper vorübergehend zu einer „kräftigen Ersparnis, doch damit ist die Gemeinde nicht aus dem Schneider“. Für 2013 ist laut mittelfristiger Finanzplanung bereits wieder mit einem Defizit zu rechnen; nicht zuletzt auch unter Berücksichtigung der Belastung durch anfallende Pensionärskosten und die Altersversorgung für Angestellte.

Unter Berücksichtigung all dieser Vorzeichen ergeben sich für die Evangelische Kirchengemeinde Werdohl Herausforderungen, die Martin Kämper und Lothar Jeßegus in drei Punkten zusammengefasst hat.

Die Gemeindeglieder müssen sich darauf einstellen, dass ein weiteres Zusammenwachsen und Zusammenrücken erforderlich ist. Zur Erledigung vieler Aufgaben ist man verstärkt auf ehrenamtliche Helferinnen und Helfer angewiesen. Und drittens: „Da die finanziellen Einsparungspotenziale in der Vergangenheit weitgehend ausgeschöpft worden sind“, müsse daran gearbeitet werden, dass vorhandene Einnahmequellen nicht aufhören zu fließen und neue hinzugewonnen werden.

Die Bedeutung des letzten Satzes: Die Kirchengemeinde lebt von einem hohen Spendenaufkommen. Es wird benötigt, „um weiter überleben zu können“. Speziell die Kreuzkirche lasse sich auf Dauer nur tragen, „wenn Menschen spenden“. Die Betriebskosten dieser Kirche sind doppelt so hoch, wie die im Paulus-Gemeindehaus, das mit rund 18 000 Euro im Jahr hinkommt. Wird es diese Einrichtung in Pungelscheid nicht mehr geben, richtet sich die Hoffnung darauf, dass Dieter Kuhlo-Schöneberg Spender aus diesem Bereich für die Kreuzkirche gewinnen kann.

Wenn am Sonntag, 7. November (Beginn der Veranstaltung ist dann um 11.45 Uhr), im Paulus-Gemeindehaus die schon angekündigte Gemeindeversammlung stattfinden wird, soll – neben vielen hier angeschnittenen Erläuterungen – vor allem eines auch verdeutlicht werden: Es geht um die Gesamtgemeinde in Werdohl und was langfristig davon erhalten werden kann. Das Wir-Gefühl soll stärker nach vorn gebracht werden.

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