Werdohler Feuerwehr wappnet sich gegen Angriffe

+
Unter Anleitung von ausgebildeten Trainern übten die Mitglieder der Werdohler Feuerwehr, wie sie sich gegen körperliche Angriffe zur Wehr setzen können.

Werdohl -  Eigentlich wollen sie nur helfen: Die Sanitäter wollen Verletzte versorgen, die Feuerwehr will Unfallopfer aus ihren demolierten Fahrzeugen befreien oder brennende Gebäude löschen. Und doch werden die Helfer oft selbst zu Opfern, wenn sie während eines Einsatzes angegriffen werden. Die Freiwillige Feuerwehr Werdohl will sich jetzt für solche Szenarien wappnen. Eine erste Gruppe hat in Lüdenscheid ein Training zur Eigensicherung absolviert.

Auslöser für die Entscheidung, die Feuerwehrkräfte auf diesem Gebiet zu schulen, war ein Vorfall während des Werdohler Schützenfestes in diesem Sommer: Andreas Wäscher, stellvertretender Löschzugführer des Löschzugs 1, hatte an einer Straßensperre auf der Freiheitstraße Position bezogen, um den Schützenumzug abzusichern, als Teilnehmer eines Trauerzuges verlangten, die Absperrung passieren zu dürfen.

„Von drei Teilnehmern bin ich massiv angegangen worden. Ich habe große Ängste ausgestanden, das hätte auch leicht schiefgehen können“, blickt der Feuerwehrmann zurück. Er habe anschließend ernsthaft überlegt, den Dienst bei der Feuerwehr zu quittieren.

Schulung an vier Wochenenden

Wäscher entschied sich anders. Anstatt klein beizugeben, stellte er Überlegungen an, wie er selbst und seine Kameraden sich auf solche Konfliktsituationen besser vorbereiten können. Seine Suche nach Lösungen endete in der Lüdenscheider Kampfsportschule Fight Club MK und deren Inhaber Marcel Klein, der über eine langjährige Erfahrung im Sicherheitsbereich verfügt.

Die Stadt Werdohl gab der Feuerwehr innerhalb kürzester Zeit grünes Licht zur Teilnahme an einem Kursus, in dem die Einsatzkräfte lernen sollten, sich selbst und andere vor Übergriffen durch Dritte zu schützen. Etwa 25 Mitglieder der Werdohler Feuerwehr wurden in vier Wochenenden geschult. „Das hat sehr viel gebracht“, ist Andreas Wäscher überzeugt, dass die Teilnehmer aus diesen acht Tagen etwas mitgenommen haben für zukünftige Begegnungen mit aggressiven Zeitgenossen.

Realitätsnahes Übungs-Szenario

Die Trainer des Fight Clubs MK übten mit den Feuerwehrleuten aus Werdohl Selbstverteidigungs- und Eingriffstechniken, aber auch, wie sie Störer von vornherein von Einsatzstellen fernhalten können. Nach und nach sollen alle 110 Werdohler Feuerwehrkräfte geschult werden, auch regelmäßige Auffrischungskurse sind geplant. Die Übungen waren durchaus realitätsnah gestaltet. Beispielsweise mussten die Einsatzkräfte einen Mann mit deutlich mehr als 100 Kilogramm Körpergewicht über eine Strecke von 2,5 Kilometer tragen, um zum Übungsort zu gelangen. Dabei zeigten ihnen die Trainer gewisse Griffe, die die Bewältigung einer solchen Aufgabe deutlich erleichtern.

Zum Auftakt der Übung mussten die Einsatzkräfte einen gut 100 Kilogramm schweren Mann 2,5 Kilometer weit tragen.

Am Ziel angelangt, ging es ohne Verzögerung mit simulierten Angriffen auf die Rettungskräfte, der Absicherung des Einsatzortes und dem Fernhalten von Störern weiter. Da die meisten Übergriffe in der Realität nicht auf einem weichen Mattenboden stattfinden, fand die Übung unter realen Bedingungen draußen statt: bei null Grad und Schneeregen, auf einem völlig aufgeweichtem Boden.

Auch die Deeskalation war ein Thema bei diesem Seminar. Trainer Marcel Klein vermittelte jedoch auch, dass solche Maßnahmen, die verhindern sollen, dass sich ein Konflikt hochschaukelt, ihre Grenzen haben. „Ich warne vor der Illusion, dass man alles runtersprechen kann“, sagte er. Vielmehr komme es auch auf die richtige Körperhaltung an, um mögliche Aggressoren schon frühzeitig zu beeindrucken.

Feuerwehr in einer Grauzone

Auch rechtliche Aspekte wurden in dem Seminar erörtert: „Darf die Feuerwehr jemanden, der die Einsatzkräfte angreifen will, fesseln?“ Für Klein bewegt sie sich dabei in einer Grauzone. Feuerwehrleute dürfen solche Störer bis zum Eintreffen der Polizei festhalten, sie zu fesseln, wäre jedoch schon Freiheitsberaubung. Klein würde sich für solche Situationen im Interesse der Einsatzkräfte mehr Klarheit wünschen: „Darüber müssen die Behörden einmal nachdenken. So etwas muss in Prozesse gegossen werden.“ Die Feuerwehr müsse mit der Polizei abstimmen, wie weit sie gehen darf.

Der Zwischenfall beim Schützenumzug kam natürlich auch zur Sprache. Aus Sicht von Marcel Klein hat die Werdohler Feuerwehr dabei auch einen strategischen Fehler begangen: „In einer solchen Situation darf niemand allein sein“, bemängelte er, dass außer Andreas Wäscher kein weiterer Helfer an der Straßenabsperrung gestanden hat, der hätte eingreifen Unterstützung kann teurer werden und dem attackierten Feuerwehrmann beispringen können. Auch könne die Feuerwehr für solche Situationen Strategien entwickeln, beispielsweise ein Codewort vereinbaren, mit dem schnell Hilfe gerufen werden kann.

Einsatz kann teurer werden

Stadtbrandinspektor Kai Tebrün sieht die Feuerwehr allein gelassen, weil die Polizei für die Absicherung von Festumzügen nicht mehr zur Verfügung steht. Er glaubt aber auch, dass die Feuerwehr daraus lernen wird. „Bisher hat eine Straßensperre mit einer Person ausgereicht, weil das Umfeld stets friedlich war. Aber wir müssen auf die veränderte Situation reagieren“, sagt er. Allerdings könne es für Veranstalter, die die Dienste der Feuerwehr in Anspruch nehmen, dann in Zukunft auch teurer werden.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare