Festlich – auch ohne Christbaum

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Helga Dicken verteilt Schals, Mützen, Handschuhe – und Stofftiere.

WERDOHL - Am Heiligen Abend will es sich die 70-jährige Werdohlerin mit ihrer Tochter gemütlich machen. Festlich soll es werden – auch ohne Weihnachtsbaum.

„Den können wir uns nicht leisten“, sagt die Seniorin. Ihre Tochter lächelt verschmitzt. „Aber wir essen Gans,“ verrät sie. Dafür haben die beiden in den vergangenen Wochen immer wieder mal einen Euro vom knappen Haushaltsbudget abgeknapst.

Auch Geschenke seien tabu, berichtet die 70-Jährige. Sie nippt an ihrem Kaffee und blickt kurz zu den Nachbartischen im Café der Tafel, das inzwischen gut besucht ist. Verstohlen wischt sie sich die Tränen aus den Augenwinkeln und stellt fest: „Es ist schon schwer, besonders in diesen Tagen.“ Die Seniorin atmet tief durch. Sie erklärt: „Es ist ein Glück für uns, dass es die Tafel gibt.“

Die Tafel, das sind in Werdohl circa 30 ehrenamtliche Mitarbeiter, auf die sich Hauptorganisatorin Ulrike Schiller „in jeder Beziehung“ verlassen kann. Sie ermöglichen, dass sich bedürftigte Menschen einmal im Monat gespendete Lebensmittel in den Räumen des ehemaligen Kindergartens am Kirchenpfad abholen können. Für Gemüse, Obst, Brot und haltbare Lebensmittel zahlen sie insgesamt einen Euro. Die Redaktion hat die letzte Tafelaktion vor dem Weihnachtsfest am Donnerstag besucht und mit einigen der Besucher gesprochen, die anonym bleiben wollen.

Die Tochter der 70-Jährigen träumt von einem besseren Leben – „natürlich mit Mama“ – aber nicht in Deutschland. „Hier haben uns die Politiker vergessen,“ sagt sie; es klingt verbittert. Gerne würde sie wieder zur Arbeit gehen, psychische Probleme lassen das derzeit aber unmöglich erscheinen.

Hoffnungsvoll blicken eine 63-jährige Werdohlerin und ihre Tochter zwei Tische weiter in die Zukunft. „Ich habe sechs Enkelkinder und ich wünsche mir, dass es ihnen später besser geht,“ erzählt die Witwe, die mit ihrer kleinen Rente nicht über die Runden kommt. Ihre Begleiterin fügt stolz hinzu: „Meine älteste Tochter studiert. Sie wird ihren Weg gehen.“ Weihnachten komme die ganze Familie zusammen. „Jeder bringt etwas mit, dann wird es ein Festessen,“ erzählen die Werdohlerinnen. Auch ein Christbaum wird aufgestellt. Die Seniorin schmunzelt. „Wir haben einen künstlichen Baum, den können wir jedes Jahr wieder verwenden.“

Während es im Café eher ruhig, beinahe besinnlich, zugeht, haben die Tafel-Mitarbeiterinnen im großen Raum nebenan alle Hände voll zu tun. Bevor Lebensmittel ausgegeben werden, kontrollieren die Frauen die Tafel-Ausweise und Ulrike Schiller hakt die Namen der Berechtigten in ihrer Liste ab. Zuvor haben sich bedürftige Werdohler und Neuenrader – insgesamt rund 150 Familien – bereits angemeldet und einen Euro bezahlt. Gerade packt Tafel-Helferin Gabi Schoppe Lebensmittel für eine Familie in eine Stofftasche. Die Mutter hat ihren Sohn mitgebracht. „Nutella,“ wünscht sich der Nachwuchs. Damit kann Gabi Schoppe nicht dienen – und bietet statt des Schokoladenaufstrichs Honig an. Die Mutter nimmt dankend an, der Filius ist enttäuscht.

Gleich nebenan, im Gang zum Café, freut sich eine Seniorin. Sie hält einen hellen, flauschigen Schal in der Hand, den die Helferin am Sonderstand der Tafel für sie in einem der großen Pappkartons gefunden hat. „Der ist schön warm und passt auch noch zu meiner Jacke.“ Auch Mützen und Handschuhe warten noch auf Abnehmer. Der Karton mit den Kuscheltieren ist dagegen beinahe leer. Ein junger Mann mit schwarzer Hautfarbe ist aber noch fündig geworden. Mit einem strahlenden Lachen hält er ein Zebra aus Stoff in die Höhe – eine Erinnerung an die alte Heimat. Viele Menschen lachen mit, auch Tafel-Helferin Gaby Leisen.

Und während die Ehrenamtler weiter damit beschäftigt sind, Taschen und Körbe mit Lebensmitteln zu füllen, Schals, Mützen, Handschuhe oder Stofftiere herauszugeben und Kaffee und Kuchen aufzutischen, leert eine Werdohlerin ihre Tasche bei den Mitarbeiterinnen aus. Sie hat gespart, selbst auf manches verzichtet und für jede Helferin einen kleinen Weihnachtsstern mitgebracht: „Als Dankeschön, weil ihr immer so nett und für uns da seid.“

Von Carla Witt

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