Weibliche Religionsbeauftragte

Exotin im Sauerland: Fatma Karagül ist die erste deutsche islamische Theologin im MK

Fatma Karagül aus Mülheim
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Die 25-jährige Fatma Karagül aus Mülheim an der Ruhr ist die erste islamische Theologin und weibliche Religionsbeauftragte der Ditib in Werdohl.

Es gibt wieder eine Besonderheit im von Migration geprägten Werdohl: Fatma Karagül ist die erste angestellte deutsche und deutschsprachige islamische Theologin im Märkischen Kreis.

Werdohl - Die 25-Jährige aus Mülheim an der Ruhr ist als weibliche Religionsbeauftragte seit Januar durch die türkische Religionsbehörde Ditib in der Werdohler Gemeinde an der Freiheitstraße angestellt. Wegen Corona lebt sie erst seit dem Sommer in einer Mietwohnung im Moschee-Gebäude.

Opa und Vater Gießer, Mutter Hausfrau

Opa und Vater Gießer in Mülheim, Mutter Hausfrau, ein sieben Jahre älterer und ein sieben Jahre jüngerer Bruder: Fatma wuchs als einziges Mädchen in einer typischen Einwandererfamilie im Ruhrgebiet auf. Grundschule, Oberschule und Abitur folgten. Die am 30. Dezember in Mülheim geborene junge Frau spürte einen starken Drang danach, sich mit ihrem Glauben nicht nur lebenspraktisch, sondern auch wissenschaftlich zu beschäftigen. „Es hat mich an die islamische theologische Fakultät der Universität in Ankara gezogen“, erzählt die freundliche und sehr sortiert wirkende junge Frau, die mit schwarzem Hijab und rotem Kleid auf Socken auf dem Teppich des Betraums in der Moschee steht.

Studium an der ältesten theologischen Fakultät der Türkei

Das Studium an der ältesten theologischen Fakultät der Türkei habe sie fasziniert. Die universitären Angebote wie zum Beispiel ein Andalusien-Experte oder die Orientalistik hätten sie aus Mülheim nach Ankara gezogen. Fünf Jahre lebte sie dort und legte 2020 mit dem international anerkannten Bachelor-Titel ihre Prüfungen ab.

Weil sie mit ihrem Studium auch beruflich etwas anfangen wollte, bewarb sie sich um die ausgeschriebene Stelle der Religionsbeauftragten an der Werdohler Ditib-Moschee. Dort gibt es schon lange einen von der Ditib bezahlten und aus der Türkei entsandten männlichen Religionsbeauftragten – im Augenblick hat Engin Teke diese Stelle inne. Teke spricht, wie auch sein Vorgänger Özgur Yalci, wenig bis gar kein Deutsch.

Landesregierung fordert Deutsch sprechende Religionsbeauftragte

Die NRW-Landesregierung fordert schon lange von der Ditib, Deutsch sprechende Religionsbeauftragte in die islamischen Gemeinden zu entsenden. Diese Forderung unterstützt auch der Werdohler Ditib-Vorsitzende Fahrettin Alptekin. Dass immer wieder nicht Deutsch sprechende Imame nach Werdohl geschickt werden, könne sich die Gemeinde leider nicht aussuchen. Über die 25-jährige Fatma Karagül freue sich die Gemeinde deshalb ganz besonders. Es brauche mehr Religionsbeauftragte, die hier geboren und aufgewachsen sind und die Deutsch sprechen. Die Imame in Balve und in Altena sind Deutsche.

Karagül wurde schon zum Januar 2021 für die Frauen und Mädchen der Werdohler Gemeinde angestellt, zunächst für ein Jahr. Die Kontakte zu ihrer Gemeinde in Werdohl baute sie zunächst online auf, Corona ließ nur gelegentliche Besuche zu. Seit dem Sommer wohnt sie zur Miete im Moschee-Gebäude und hofft, dass ihr Vertrag mindestens um ein weiteres Jahr verlängert wird.

Predigt für Frauen auf Türkisch

Eine Imamin, eine Vorbeterin, ist Fatma Karagül nicht. Auf die Frage nach dem theologischen Selbstverständnis antwortet sie so: „In unserer 1400 Jahre alten gottesdienstlichen Praxis dient der Mann der Gemeinde als Vorbeter.“ Die Rolle des Gebetsleiters ist aber nur ein kleiner Teil der Aufgaben als Religionsbeauftragte. Karagül leitet an drei Abenden die Woche die Gruppe der Frauen der Gemeinde. Dienstag und Mittwoch wird gemeinsam Zeit in der Koranschule verbracht, Donnerstag predigt Karagül für die Frauen auf Türkisch je zu einem bestimmten Thema: „Ich achte dabei auf die Bildungsunterschiede, ich will ja verstanden werden.“

Karagül liest mit den Mädchen den Koran

Am Wochenende kommen die Mädchen im Alter zwischen sechs und 15 Jahren in die Moschee. „Sie haben Lust und Freude, am Wochenende zu uns zu kommen“, beschreibt Fatma Karagül. Sie liest mit den Mädchen den Koran und unterweist sie in den islamischen Praktiken. Für diesen Unterricht gibt sich Karagül besonders viel Mühle: „Den Kindern soll es ja gut gefallen, sie sollen Spaß haben und deshalb gestalten wir das Programm besonders sorgfältig.“ Dabei würden auch die Interessen der Kinder aus Werdohl berücksichtigt. „Die Mädchen hier haben ganz andere Fragen als muslimische Mädchen vielleicht aus Bayern“, sagt Karagül. Die junge Frau aus dem Ruhrgebiet fand schnell einen guten Draht zu den islamischen Mädchen aus dem Sauerland.

„Die Kinder hier sprechen sehr gut türkisch, das ist mir aufgefallen“, berichtet Karagül. Als Mitarbeiterin der türkisch-islamischen Union Ditib müsse sie darauf achten, dass die Kinder ihre türkische Kultur nicht verlernen. Die Unterrichtsmaterialien für die Koranschule seien mittlerweile zweisprachig.

Gute Eindrücke von Werdohl

„Damals konnte ich meine religiösen Empfindungen und meinen Glauben gar nicht auf Deutsch ausdrücken, es gab nur türkische Begriffe dafür. Heute geht das sehr gut, wir sind da viel weiter, Gott sei Dank“, erzählt Karagül ein wenig von sich selbst. Ihre ersten Eindrücke von Werdohl sind gut: „Der Austausch in dieser Kleinstadt ist großartig. Man hilft sich und man kennt sich.“

Karagül ist die Glaubensvermittlung ein Anliegen. Bei der Koranexegese achtet sie darauf, was der Text für das heutige Leben bringt: „Warum hat Gott uns diesen Vers gegeben? Welche Message können wir daraus ziehen? Darüber spreche ich.“

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