Türkische Familie in Werdohl

Drei Kinder, ein Hund und ein Eigenheim

+
Familie Kaya aus Ütterlingsen sind der 19-jährige Burak, die elfjährige Azra, Mutter Dilek, der 21-jährige Onur und das jüngste „Kind“ der Familie, Boxer Cube. Ehemann und Vater Burhan wollte nicht mit aufs Bild.

Werdohl - „Wir wollen einfach nicht mehr auffallen, dass man blöd über uns redet oder immer wieder neue Gründe findet, über uns zu schimpfen.“ Dilek Kaya kommt sofort zur Sache. Acht Jahre war die Ütterlingserin mit türkischem Pass ehrenamtlich für das Integrationsprojekt „Wip el ele“ im Einsatz. Heute, vier Jahre später, sagt sie: „So richtig viel gebracht hat das nichts.“

Eigentlich will auch sie gar nicht mehr über Integration reden – so einigen Werdohler Türken hänge das Thema zum Hals heraus. Wie Dilek Kaya wollen sie unbehelligt ihr ganz normales Leben mit ihren Familien in Werdohl leben.

Doch Kaya hat sich viel zu sehr engagiert, viel zu viel Zeit und Arbeit in das Thema Integration hineingesteckt, als dass sie jetzt schweigen könnte. Sie ist bereit, öffentlich über das Thema deutsch-türkische Nachbarschaft in „Werdühl“ zu sprechen, aber es sollen ihre Kinder dabei sein. Denn so richtig normalisiert hat sich das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken in Werdohl auch nach Jahrzehnten nicht. Im Gegenteil, es flammt gerade angesichts der Debatte um einen Minarett-Bau in der Stadt wieder auf.

Angst vor religiöser Bedrohung

Obwohl sie keine besonders religiöse Muslimin sei, passt es ihr nicht, dass die Verantwortlichen von der Ditib-Moschee mit dem geplanten Minarett die Angst der Deutschen vor religiöser Bedrohung aufwühlen. Der Wunsch nach einem Turm an einem islamischen Gebäude löse reflexartig Ängste bei vielen Werdohlern aus. Auch Werdohler Türken empfinden ähnlich, wollten sich aber nicht öffentlich wegen ihrer Meinung diskreditierten lassen. Mancher Türke, der im persönlichen Gespräch viel zum Thema „Werdühl“ zu sagen hat, mag nicht öffentlich mit dem Vertreter der deutschen Lokalzeitung sprechen.

Giftiger Wortwechsel bei Facebook

Eine giftiger Wortwechsel bei Facebook mit einem deutschen Werdohler hat die 46-jährige Dilek Kaya dennoch dazu gebracht, ausführlich über die teils angespannten Beziehungen zwischen deutschen und türkischen Werdohlern zu sprechen. Der gebürtigen Kölnerin ist es deshalb wichtig, dass ihre drei Kinder an dem Gespräch teilnehmen, schließlich repräsentieren sie die jüngste Generation von Deutsch-Türken. Vor allem der 21-jährige Onur hat einiges zu sagen.

Erschreckende Erfahrung

„Für mich war es erschreckend zu wissen, dass meine Kinder in ein Jugendzentrum gegangen sind, in dem ein Mitarbeiter solche Einstellungen gegenüber Türken hatte.“ Dilek Kaya empörte sich darüber, dass dieser ehemalige Mitarbeiter ihr per Facebook pauschal vorgeworfen hatte, sich in eine Opferrolle zu begeben. Sie sei schlichtweg „schockiert“ gewesen über diese Ansicht, die nicht nur dieser deutsche Mann habe. Sie sehe heute gerade die Deutschen in der Opferrolle, die sich allein von bloßer türkischer Anwesenheit bedroht fühlten.

Dilek Kaya erkennt ein gefestigtes Selbstbewusstsein der türkischen Werdohler. „Was wir 60 Jahre lang nicht sagen konnten, weil wir die Sprache und die fremde Kultur hier nicht verstanden haben, das können wir jetzt ausdrücken und argumentieren.“ Die 46-Jährige sieht die Dinge sehr klar: „Ich bin nicht in der Opferrolle.“

Ganz normale Werdohler Familie

Ihre Argumentation ist schlüssig. Seit mehr als drei Jahrzehnten lebt sie in Werdohl, in Ütterlingsen. Mit ihrem Mann hat sie drei Kinder bekommen, hält einen Hund und bewirtschaftet ein eigenes Haus, Kayas sind eine ganz normale Werdohler Familie. „Wir haben die Unsicherheit unserer Eltern mitgenommen“, fügt sie an und setzt ein „aber“ hinzu: „Unsere Kinder sind hier geboren, beherrschen die Sprache und benutzen sie auch.“

„Ich sehe mich immer noch als Türkin“, sagt sie selbstbewusst, und gleichzeitig: „Ich liebe Deutschland, ich liebe Werdohl, ich liebe die Stadt und die Straße, in der ich lebe.“ In der Kleinstadt kenne jeder jeden, das gefällt ihr. Dilek Yilmaz wurde in Köln geboren, ihre Eltern schickten sie aber mit drei Monaten zurück in die Türkei ins Dorf Giresun am Schwarzen Meer. Dort wuchs Dilek bei der Oma auf.

Arbeiten und wieder verschwinden

Ihr Vater war Bergmann in Gelsenkirchen, ihre Mutter arbeitete bei Iglo. „Mein Vater ist als Gastarbeiter mit dem Zug und seinem Köfferchen nach Deutschland gekommen“, weiß sie. Diese Generation sei nur zum Arbeiten nach Deutschland gekommen, sie hatte kein Interesse am Spracherwerb und sollte auch kein Deutsch lernen. „Die sollten einfach nur arbeiten und danach wieder verschwinden“, erzählt Dilek Kaya. Doch es kam anders, viele Türken wurden in Deutschland sesshaft, holten Frauen und Kinder nach, bauten hier ihr Leben auf – so wie die Eltern der jungen Dilek.

So kam sie erst als 12-Jährige aus Giresun nach Gelsenkirchen: „Ich war geschockt. Ich kam als junges Mädchen aus einem türkischen Dorf am Meer. Ich wollte auf keinen Fall in Deutschland bleiben. Mir gefiel es hier einfach nicht. Ich wollte wieder nach Hause.“

Im Krankenhaus Deutsch gelernt

Ihre weitere Lebensgeschichte erzählt sie allerdings so: „Mein Pech war, dass ich vom Auto überfahren wurde.“ Fast ein Jahr lang lag sie in der Kinderklinik in Essen, dort lernte sie die deutsche Sprache. Damals gab es weder türkische Krankenschwestern noch türkische Ärzte, Dilek musste sich ganz schön tapfer durchschlagen in der für sie fremden Welt. Heute betrachtet sie das mit Humor: „Dafür, dass ich kein einziges Wort Deutsch konnte, kam ich mit ganzen Sätzen aus dem Krankenhaus.“

Der weitere Lebensweg verlief unspektakulär und ganz normal: Ihren heutigen Ehemann Burhan – ein gebürtiger Arnsberger – lernte sie in Gelsenkirchen kennen. Burhan besuchte dort Verwandte. Er lebte damals in Neuenrade und arbeitete in Dresel. 1994 heirateten die beiden und zogen zuerst nach Neuenrade, kurze Zeit später der Arbeit wegen nach Ütterlingsen.

Dumm nur, dass die Firma des Mannes anschließend nach Küntrop zog. Aber Familie Kaya blieb in Ütterlingsen und wohnte an der kleinen Berliner Straße. Das war Anfang der 2000er-Jahre. Die Werdohler Politik um den damaligen Bürgermeister Wolf befürchtete eine „Überfremdung“ Werdohls mit Türken und rief bei der Landesregierung um Hilfe.

Türken kommen und gehen wieder

„Über Nacht kamen immer mehr Türken aus Berlin nach Ütterlingsen, aber sie verschwanden auch schnell wieder“, erinnert sich Kaya an diese Zeiten. Auch unter den Werdohler Türken habe man sich gefragt, warum so viele nach Werdohl und speziell nach Ütterlingsen drängten. „Sehr viele waren aber auch nach kurzer Zeit wieder weg, denen gefiel es offensichtlich nicht so gut hier im Sauerland“, lacht Dilek Kaya.

Dilek Kaya (Mitte) setzte sich auch außerhalb der Integrationsarbeit für ihren Stadtteil Ütterlingsen ein. Im März 2011 übergab sie mit der Woge-Quartiersmanagerin Silke Kreikebaum Unterschriften an den damaligen Bürgermeister Siegfried Griebsch, es ging um den Erhalt der Grundschule in Ütterlingsen.

Als Mutter von Schulkindern in Ütterlingsen kam Dilek Kaya zur Integrationsarbeit. Vom damaligen Projektleiter Bülent Arslan aus Dortmund angesprochen, sah sie die Arbeit auch persönlich als sehr sinnvoll an. Gemeinsam organisierten sie bei „Wip el ele“ Elterncafés: „Das war sehr erfolgreich, Eltern und Lehrer lernten sich näher kennen.“ Vor allem für die Emanzipation türkischer Frauen setzte sie sich ein. „Für mich war es wichtig, dass die Frauen in den türkischen Familien gut Deutsch lernten. Die Kinder sind doch die meiste Zeit bei der Mutter. Je selbstbewusster die Mutter nach außen hin auftritt, desto mehr nehmen die Kinder davon mit.“

Schwierigkeiten mit den Behörden

Später habe sich die Integrationsarbeit in eine andere Richtung entwickelt: „Zu mir kam die Frau, die sich scheiden lassen wollte. Zu mir kamen Leute mit Schwierigkeiten mit den Behörden.“ Selbstverständlich habe sie gern geholfen, aber das sei mehr und mehr Sozialarbeit geworden. „Heute bitten mich immer mal wieder Leute um Hilfe, das mache ich auch gern, aber das ist nicht Sinn und Zweck von Integrationsarbeit.“

Die privaten Probleme der Türken in Werdohl seien nie Thema von „Wip el ele“ gewesen. Schließlich habe sie sich selbst auch manches Mal überfordert gefühlt: „Wir hatten doch nur ein paar Stunden Workshop und gar keine richtige Ausbildung.“

Brave sauerländische Normalität

2012 war das Integrationsprojekt offiziell gestorben, bei Kayas ging es weiter in braver sauerländischer Normalität: Der Älteste brachte eines Tages einen süßen Boxer mit nach Hause. Die türkische Familie Kaya hatte plötzlich einen Hund und erfüllte damit jedes deutsche Klischee: „Das letzte Kind hat immer vier Beine.“ Boxer „Cube“ heißt übrigens so, weil er eine würfelförmige Schnauze hat. Vor allem Sohn Onur ist verrückt nach ihm.

Mit den drei Kindern und dem Hund wurde die damalige Wohnung einfach zu klein, erinnert sich Dilek Kaya. „Also haben wir das Haus Eduardstraße 4 in Ütterlingsen gekauft“, so Kaya, „obwohl wir eigentlich niemals ein Haus kaufen wollten.“ Familie Kaya ist bis auf die türkischen Namen und noch einige andere Kleinigkeiten typisch deutsch. „Mich regt total auf, wenn hier einer falsch parkt oder seinen Gehweg nicht fegt“, sagt Dilek Kaya. „Wenn mein Mann und ich in Urlaub in der Türkei sind, nervt uns voll, dass sich die Leute dort überall vordrängeln.“

Türkin und gleichzeitig Werdohlerin

Kaya stellt an sich selbst fest, dass sie „spießig“ geworden sei. „Ich trenne meinen Müll und es ärgert mich, wenn andere ihren Müll hier auf die Straße schmeißen.“ Dilek Kaya ist beides: Türkin und Werdohlerin. Sie spricht beide Sprachen. Ihr Standpunkt in Sachen Integration ist völlig klar: „Es sind schöne Traditionen in der Türkei und in Deutschland. Es ist Schwachsinn, sich entscheiden zu müssen. Es geht beides. Zwei Sprachen zu sprechen ist besser als nur eine zu können.“

Was Christen und Muslime eint

Auf keinen Fall werde sie die türkische Kultur und ihre türkischen Traditionen und Werte aufgeben: „Ich höre nicht auf, türkisch zu sein.“ In beiden Kulturen – der türkischen wie der deutschen – gingen die Werte verloren. „Vater und Mutter zu ehren, eint Christen und Muslime“, sagt sie voller Überzeugung. Nächstenliebe, Respekt, Toleranz – alles hohe Werte in beiden Kulturen.

Die Wechselbeziehung prägt aber auch die jüngere Generation: Sohn Onur schaltet sich ein, begrüßt Familienhund Cube: „Wo ist mein Kind?“ Onur ist als Sohn türkischer Eltern, die schon mehr als acht Jahre in Deutschland leben, als deutscher Staatsbürger geboren. Trotzdem sagt er: „Ich fühle mich als Ausländer.“ Er kennt die Geschichte auch von der anderen Seite: „Zu Besuch in der Türkei werde ich als Ausländer angesehen.“

Sohn erlebt Türken-Hetze

Obwohl er als Waldorfschüler mit 250 deutschen und einem weiteren türkischen Schulfreund aufgewachsen ist, habe er hier später immer wieder „Hetze gegen Türken“ erlebt. Onur hat Selbstbewusstsein: „Gott hat mir einen Verstand gegeben und ich benutze ihn.“ Ganz oft sei er blöd angemacht worden: „Leute tun ganz erstaunt, dass ich Deutsch spreche. Ich komme doch nicht vom Mond, sondern aus Deutschland. Leute wundern sich doch auch nicht über ein Pferd, das laufen kann.“ Türkisch spreche er nur sehr gebrochen. Die Sprache, in der er seine Persönlichkeit ausdrücken kann, ist Deutsch.

Zuhause kein Türkisch

Onur ist deswegen dankbar: „Meine Eltern waren vorbildlich. Wir Kinder durften Zuhause kein Türkisch reden. Die haben uns echt verrückt gemacht.“

Sein zwei Jahre jüngerer Bruder Burak lacht, er sieht es genauso. Ausbildung und Arbeit ist für die beiden jungen Männer sehr wichtig. Mit Fleiß und Pünktlichkeit wollen sie sich von Gleichaltrigen abheben. Onur: „Ich arbeite, um frei zu sein. Ich kann von meinem Geld jedes Jahr in Urlaub fahren. Das ist Freiheit.“

Mutter Dilek Kaya ist stolz darauf und sieht die Früchte ihrer Erziehung: „Geld vom Staat zu kassieren, ist kein Erbrecht. Wenn man etwas haben will, muss man dafür arbeiten.“ Besser würde es kein konservativer deutscher Politiker formulieren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare