Werdohler Ditib-Funktionär Alptekin erwartet mehr Zusammenarbeit

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Fahrettin Alptekin klatscht afrikanische Jungen im Niger ab. Die Werdohler Ditib-Gemeinde spendete 24 000 Euro für ein Brunnenprojekt in der Stadt Zinder. Alptekin besuchte die Stadt vor etwa einem Jahr und fand dort unfassbare Armut vor.

Werdohl – Fahrettin Alptekin hat ein Schlüsselerlebnis, der Muslim erzählt es wie ein biblisches Gleichnis: „Ich war in Afrika und sah die vielen Schwarzen. Ich sagte zu ihnen: ‘Ehrlich, für mich seht ihr alle gleich aus, ich kann euch nicht auseinander halten.’ Da sagte ein Junge zu mir: ‘Ihr Weißen seht für mich alle gleich aus, ich kann euch nicht unterscheiden.“ Fahrettin Alptekin schüttelt immer wieder den Kopf: „Das musste ich als Türke in Deutschland auch erst einmal lernen.“

Alptekin lebt den Islam in besonderer Weise. Er ist 49 Jahre alt und in Giresun am Schwarzen Meer in der Türkei geboren. Der Gebäudereinigermeister ist freigestellter Betriebsratsvorsitzender in einem 800-Personen-Betrieb und in seiner Freizeit ein hohes Tier bei der Ditib. Er ist Vorsitzender der Werdohler Ditib-Gemeinde und Landesvorsitzender der Region Essen. Bei der Eröffnung der Zentralmoschee in Köln-Ehrenfeld jubelte er dem türkischen Präsidenten Erdogan zu. Zu wichtigen Veranstaltungen der türkischen Religionsbehörde Diyanet in Deutschland wird er eingeladen. Für seine privaten freiwilligen Hilfseinsätze reist er in alle Welt. Auf seinem Sofa kann er kaum stillsitzen.

Der Mann bewegt sich auf Socken durch sein Haus an der Talstraße in Werdohl. Gleich wird noch der Altenaer Imam zu Besuch kommen. Die Frauen sitzen in der Küche. Die jüngste Tochter spielt auf dem Teppich, der Papa schaut der Nachzüglerin liebevoll zu. Die Fünfjährige weint kurz, Alptekin muntert sie fröhlich auf: „Ohh, Du armes Tuktuk, geh zu Deiner Mami.“ Der Werdohler hat viele typisch westfälische Begriffe in seine Sprache übernommen.

Fahrettin Alptekin hat eine interessante Lebensgeschichte. Sein Vater war im Jahre 1969 aus der Türkei nach Holland gekommen. Über einen Umweg über einen Freund in Oberursel kam Vater Alptekin 1974 nach Werdohl zur Firma Brüninghaus. 1975 kam die Ehefrau nach und mit ihr der jüngste Sohn.

In der Türkei blieben vier Kinder zurück, darunter der 1969 geborene Fahrettin. „Wir wuchsen bei einem Onkel in Giresun auf, der hatte selbst keine Kinder und war wie ein Vater für uns.“ Fahrettin Alptekin hat acht weitere Geschwister.

Der Werdohler Imam Özgur Yalci war mit Alptekin zum Brunnenbauprojekt der Werdohler Ditib-Gemeinde nach Afrika gereist.


Fahrettin ging nach der achten Klasse von der Gesamtschule ab und machte eine Ausbildung zum Elektriker. Eigentlich wollte er Elektrotechnik studieren, folgte aber seiner Familie nach Deutschland. 1987 kam der damals 17-Jährige nach Werdohl. Die Familie war bereits 1978 zur Waldstraße gezogen. Fahrettin besuchte erst einmal die Hauptschule.

„Als ich etwas Deutsch gelernt hatte merkte ich, dass ich leider auf der falschen Schule war“, lacht der stets fröhlich wirkende Muslim. Er wechselte zur Berufsschule am Raithelplatz in Lüdenscheid. Anfang 1990 fand er in Lüdenscheid Arbeit bei den Wirtschaftsdiensten Hellersen, der Widi. Sein Arbeitgeber hatte für ihn den Antrag auf Arbeitserlaubnis gestellt, ohne diese Bescheinigung lief für türkische Arbeitnehmer damals nichts.

Die Eltern Alptekin mit ihren mittlerweile neun Kindern fassten Fuß in Werdohl. Von Wohnungen an der Waldstraße und am Eggenpfad ging es 1992 in das eigene Haus an der Talstraße. Das Verhältnis zu deutschen Nachbarn und den Mitbürgern sei immer sehr gut gewesen. Fahrettin Alptekin spürte seine Hilfsbereitschaft schon früh: Im Haus an der Talstraße hätten noch „zwei deutsche Omis“ gewohnt, denen habe er immer gerne geholfen.

Beruflich ging es für den jungen Mann aus Giresun bergauf. Zuerst arbeitete er als einfache Reinigungskraft im Krankenhaus. Die Frauen putzten die Krankenzimmer mit Mob und Eimer, die Männer schoben die Reinigungsmaschinen über die Flure. Nach zwei Jahren wollte Alptekin eine Umschulung zum Gebäudereiniger. „Ich habe das als Chance gesehen, mein Leben zu verbessern.“ Zum Blockunterricht zog er wochenweise nach Metzingen, dort war seine Berufsschule.

Freigestellter Betriebsratsvorsitzender bei Widi

Der junge Türke war strebsam und wollte weiter aufsteigen. Als Geselle wurde er in den Betriebsrat gewählt. „Ich habe immer alles mitgemacht“, lacht Alptekin wieder: „Ersthelferkurs, Vorarbeiter, Bereichsleiter.“ Dann habe ihm die Widi die Chance gegeben, seine Meisterprüfung abzulegen. „Habe ich auch gemacht“, freut er sich über die vielen guten Wendungen in seinem Leben.

2009 bekam er das volle Vertrauen seiner Kolleginnen und Kollegen: Er wurde erstmals zum freigestellten Betriebsratsvorsitzenden gewählt. Bis heute zum dritten Mal hintereinander. Auch das war mit Weiterbildung verbunden, Alptekin absolvierte ein Betriebsratsstudium an der Uni Bochum. Die Abschlussarbeit war mehr als 100 Seiten stark.

Seitdem vertritt er die Interessen von 840 Mitarbeitern der Widi, davon sind 400 in Lüdenscheid beschäftigt. Von den 840 sind rund 700 weiblich. Die Rechte der Frauen in Teilzeitbeschäftigung liegen ihm sehr am Herzen. „Finde ich echt klasse, was wir für die Frauen im Betriebsrat erreichen konnten“, spricht der Gewerkschafter.

Als der junge Fahrettin nach Werdohl kam, ahnte er noch nichts von seiner Karriere in Deutschland. Erstmal hatte er sich bei einem Besuch in seiner Heimat in Giresun verliebt. Hatice, 1971 geboren und 1972 auf dem Amt angemeldet, lebte bis 1994 in der Türkei. Bräutigam Alptekin lächelt: „Ich habe mein ganzes Geld für Urlaube in der Türkei verbraucht, um meine Frau zu sehen.“ Erst sechseinhalb Jahre nach der Eheschließung konnte Hatice Alptekin nach Deutschland kommen.

Mittlerweile ist die Familie größer geworden. Die älteste Tochter ist 31 Jahre, arbeitet bei einer Bank, lebt in Duisburg und hat Oma Hatice und Opa Fahrettin einen Enkel geschenkt. Der 23-jährige Sohn ist Industriemechaniker und lebt wie seine 19-jährige Schwester bei den Eltern.

Die drei jüngsten Kinder der Alptekins sind deutsche Staatsbürger, Vater Alptekin nicht: „Ich sollte einen Einbürgerungnachweis bringen, obwohl ich schon meinen deutschen Meisterbrief hatte. Das war mir dann doch zu blöd.“ So blieb er türkischer Staatsbürger. Er ist ein Verfechter der doppelten Staatsangehörigkeit, diese Möglichkeit gibt es für türkische Staatsangehörige aber nur in seltenen Fällen.

Fahrettin Alptekin ist auch ein echter Vereinsmeier. Immer schon Mitglied in der Ditib-Moschee, ging er 2011 zum Pilgern. Er suchte nach neuen ehrenamtlichen Aufgaben. Die Fußball-Karriere bei der FSV und später als Trainer bei Karadeniz war beendet. „Ich konnte nicht mehr selber spielen, und nur Trainer sein wollte ich auch nicht.“

Nach der Fußballkarriere zur Ditib-Gemeinde

2012 fragten ihn die Muslime aus der Moschee, ob er nicht im Vorstand der Gemeinde mitmachen wollte. Alptekin macht keine halben Sachen, der Vorstand wählte ihn direkt zum Vorsitzenden. Und wieder schmunzelt Alptekin: „Ich war immer schon gleich der Mannschaftskapitän oder der Pflegschaftsvorsitzende, habe ich immer gerne gemacht.“

Zwischendurch flitzt die fünfjährige Tochter wieder durch die Wohnung. Alptekin freut sich: „Ihre Geburt war nicht geplant. Aber sie ist ein Geschenk Gottes.“ Die Kleine hat einen angeborenen Herzfehler und wurde im Alter von nur fünf Monaten operiert – eine schwere Prüfung für die Familie. Jetzt geht es ihr gut, mit etwas Betreuung komme sie gut durchs Leben. „Das freut uns, das baut uns auf“, wird Alptekin wieder etwas ernster.

Doch auch die familiären Verpflichtungen hielten Alptekin nicht ab, sich für die islamische Gemeinschaft zu engagieren. 2016 wählte ihn der Ditib-Verein mit etwa 460 Mitgliedern wieder zum Vorsitzenden. Auch auf höherer Ebene ist Alptekin aktiv: Er ist Vorsitzender des Regionalverbandes Essen der Ditib und damit verantwortlich für rund 80 Moscheen.

Muslime wollten eigenen Friedhof einrichten

Vor ein paar Jahren hatte der Ditib-Vorstand gemeinsam mit dem damaligen Bürgermeister Siegfried Griebsch und Pfarrer im Ruhestand Rüdiger Schmale überlegt, auf der Landwehr einen muslimischen Friedhof zu errichten. Neben dem evangelischen Friedhof gibt es ein große ungenutzte Fläche, die die Ditib-Gemeinde übernehmen wollte. Die Idee dahinter sei, für die in Werdohl gestorbenen Muslime eine günstige Bestattungsmöglichkeit zu finden. Bislang zahlen viele Muslime in eine Versicherung ein, die eine Überführung in die Türkei und eine dortige Bestattung finanziert. Eine Feuerbestattung ist gläubigen Muslimen nicht gestattet.

Eine Bestattung in Werdohl würde den hier lebenden Kindern und Enkelkindern weite Wege zum Grab der Eltern ersparen. Die Sache sei irgendwie im Sande verlaufen, leider sei Griebsch viel zu früh verstorben. „Seit zwei Jahren tut sich da gar nichts mehr,“ bedauert Alptekin. Und dann lacht er wieder: „Wenn ich mal den Löffel abgebe weiß ich nicht, ob ich meiner Familie zumuten will, mein Grab in der Türkei besuchen zu müssen.“ In Lüdenscheid und Hagen gibt es Begräbnismöglichkeiten für Muslime.

Viele arme türkische Rentner würden den ganzen Sommer in der Türkei leben und erst im Winter nach Werdohl kommen. Die Lebenshaltungskosten in den türkischen Dörfern seien günstig. „Die sparen hier viele Monate die Nebenkosten“, weiß Alptekin: „Und mit türkischen Rentenansprüchen von 300 oder 400 Euro können die da supergut im Sommer leben, das reicht dicke aus.“ Den Winter über kehrten die alten Muslime zurück zu ihren Familien in Werdohl: „Die fühlen sich alle sehr wohl.“ Die Eltern Alptekin haben es anders gemacht: Sie gingen 2004 zurück in die Türkei. „Mein Vater hatte eine erhebliche Rentenlücke, das hätte für ein Leben bei den Preisen hier in Deutschland einfach nicht gereicht.“

In einer Schule in Niger traf der Werdohler Alptekin auf diese afrikanischen Muslimas.


2016 erreichte der Ruf der islamischen Diyanet Foundation sein wohltätiges Herz. Die Diyanet Foundation sammelt bei Muslimen Spendengelder und hilft den Ärmsten der Armen in aller Welt. Diyanet ist die staatliche türkische Religionsbehörde. Zur Diyanet gehört die deutsche Ditib (Diyanet Isleri Türk Islam Birligi), die „Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion“, organisiert nach deutschem Vereinsrecht mit Sitz in Köln. Die Ditib untersteht direkt der türkischen Regierung in Ankara unter Präsident Erdogan. Kritik an der Ditib äußert Alptekin nicht. Er sei nicht mit allem 100-prozentig einverstanden, sagt er in einem späteren Gespräch. Mit Politik will er eigentlich nichts zu tun haben, er engagiert sich lieber für andere Muslime.

Alptekin meldete sich bei der Hilfsorganisation Diyanet Foundation. „Ich wollte da mithelfen und habe einfach eine Bewerbung hingeschrieben,“ erzählt Alptekin. Flug und Unterkunft übernahm die Hilfsorganisation. 2016 flog er für eine Woche von Istanbul nach Ulan Bator in die Mongolei. Von da aus ging es in ein schwer zu erreichendes Gebiet an der Grenze zu Kasachstan. Aus Spendenmittel wurden im Rahmen des Opferfestes vor Ort Ziegen, Schafe und Ochsen gekauft, geschlachtet und zerlegt. Das Fleisch und weitere Lebensmittel wurden an die Bedürftigen verteilt. Die Diyanet Foundation engangiert sich weltweit in 135 Ländern. So kam Alptekin 2017 und im August 2018 nach Uganda zu ähnlichen Hilfseinsätzen.

Werdohler Muslime spendeten 24000 Euro

Als er die Not und den Wassermangel in Afrika sah, arbeitete Alptekin auch ein Hilfsprojekt der Werdohler Ditib-Gemeinde in Niger aus. Die Werdohler Muslime spendeten 24 000 Euro für ein Brunnenbauprojekt in der Stadt Zinder. Gemeinsam mit Vertretern der Lüdenscheider Ditib-Gemeinde flogen Alptekin und der Werdohler Imam Özgür Yalci im Februar vergangenen Jahres in das westafrikanische Land. Bis 1960 war Niger französische Kolonie. Existenzbedrohend für den größten Teil der nigerischen Bevölkerung sind regelmäßig wiederkehrende Dürren und Hungersnöte bei einer zu schnell wachsenden Bevölkerung aufgrund mangelnder Geburtenkontrolle. 

Mit den Werdohler Spenden konnte eine Wasserstelle gebaut werden, die der Bevölkerung einen Weg von sieben Kilometern erspart und die für die nächsten 20 Jahre stabil Wasser liefern wird. Alptekin hat sich berühren lassen: „Das war der Hammer, wie sich die Menschen gefreut haben, endlich Wasser zu bekommen. Wir sind darauf sehr stolz.“ Der Muslim Alptekin sieht die Menschen in weltweiter Verantwortung und Gemeinschaft: „Wir können anderen helfen, weil wir selbst genug Geld haben.“

Alptekin denkt weiter. Mit seinem Regionalverband der Ditib plant er weitere 20 Brunnen in Niger. Und so kann sagt er voller Überzeugung: „Einzeln kann ich nur für mich kämpfen, aber gemeinsam schaffen wir für alle etwas Besseres.“

Ditib-Muslime wollen sich in die Gesellschaft einbringen

Zurück nach Werdohl. Alptekin sieht den Moschee-Verein als Bereicherung für die Stadt. Mehr Menschen hätten mehr Ideen, gemeinsam könne man sich für Gesellschaft einsetzen. Alptekin: „Wir sind alle Werdohler, damit muss man anfangen. Wir müssen für diese Gesellschaft etwas tun, wir müssen uns zu Wort melden und uns in die deutsche Gesellschaft einbringen.“

Schwierigkeiten habe die Ditib-Gemeinde mit der evangelischen Kirchengemeinde. „Die Pfarrer haben unsere Gemeinde nicht als Nachbarn begrüßt.“ Bei der Flüchtlingskrise habe sich die Ditib-Gemeinde einbringen wollen. Die Werdohler Muslime seien von der Flüchtlingshilfe ausgeschlossen worden. Alptekin wundert sich: „Überall woanders geht das, nur nicht hier bei uns in Werdohl.“ An dieser Stelle formuliert er deutlich Wünsche: „Ich erwarte mehr Bereitschaft zur Zusammenarbeit.“

Über Minarett und Kuppel will er nicht reden

Das klingt ambivalent, denn als hoher Ditib-Funktionär lässt Fahrettin Alptekin manches im Dunkeln. Über seine Teilnahme an der umstrittenen Konferenz in Köln berichtete er erst auf drängende Nachfrage unserer Zeitung. Auch über die Pläne zur Erweiterung der Moschee mit Minarett und Kuppel will er noch nicht reden.

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