Beeindruckende Firmengeschichte

Rötelmann in Werdohl hält Mitarbeiter Jahrzehnte

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Lana Brinkmann (rechts) lernt bei Rötelmann den Beruf der Zerspanungsmechanikerin. Ludwig Kirchhoff-Stewens wünscht sich reichlich Nachahmerinnen.

Werdohl - „Meine Mutter war lange in der CDU aktiv“, erzählt Ludwig Kirchhoff-Stewens. Der geschäftsführende Gesellschafter der Firma Rötelmann fährt fort: „Aber noch mehr, als meine Mutter konservativ war, war mein Vater Fan von Helmut Schmidt.“ Und so hatte Kirchhoff-Stewens die SPD-Bundestagsabgeordnete Dagmar Freitag nach Dresel eingeladen, „denn mir ist das Parteibuch nicht wichtig, aber Sie machen tatsächlich etwas“.

Danach schildert der Geschäftsführer des Unternehmens für Absperr- und Steuertechnik die Firmengeschichte. „1911 haben wir mit der Produktion begonnen – zunächst mit Grubenlampen.“ Und der sozialdemokratische Gast fühlt sich in die eigene Kindheit zurückversetzt: „Mein Opa war Steiger.“ Seither hat der Bergbau in Deutschland gehörig an Gewicht verloren.

Rötelmann indes hat heute rund 80 Mitarbeiter. Kaum jemand davon, verrät Kirchhoff-Stewens, sei befristet beschäftigt – „nur in begründeten Ausnahmen, etwa bei Schwangerschaftsvertretungen“. Die Politikerin Freitag horcht auf, nickt anerkennend.

1978 ging die erste CNC-Maschine bei Rötelmann in Betrieb. 2007 wurde das Unternehmensgebäude in Dresel zuletzt ausgebaut. Ein Jahr später kam die Bankenkrise. „Da haben wir alle Auszubildenden der Unternehmen im Umkreis, die von Insolvenz betroffen waren, übernommen“, erläutert Kirchhoff-Stewens.

Die Krise sein ein scharfer Einschnitt gewesen, gesteht der Geschäftsführer: „Von einen Tag auf den anderen kam hier 2008 kein einziges Fax mit Aufträgen mehr an. Das erste kam erst wieder am 2. Januar 2010.“

„Heute steigt unsere Exportquote stark. Im Moment liegt sie bei 40 Prozent. Ich war vorige Woche noch im Iran“, erzählt der Geschäftsführer. „Besonders wachsend ist für uns der Markt in China.“ Später unternimmt die Sozialdemokratin einen Rundgang durch den Betrieb, unterhält sich mit Mitarbeitern. So trifft sie zunächst auf Lana Brinkmann. Die junge Frau ist die erste weibliche Auszubildende bei Rötelmann, die den Beruf der Zerspanungsmechanikerin erlernt.

„Ich habe früh gemerkt, dass das was für mich ist“, blickt Brinkmann in ihre Schulzeit zurück. „Und mit den ganzen männlichen Kollegen hier habe ich überhaupt kein Problem“, versichert die junge Frau, die sich im zweiten Lehrjahr befindet.

Freitag geht weiter durch die Hallen, spricht mal mit diesem, dann mit jenem. Die Politikerin trifft auf Bernd Hiesserich. Er ist schon seit 52 Jahren bei der Firma beschäftigt, bei der auch sein Vater zuvor 42 Jahre seine Brötchen verdiente.

Bernd Hiesserich (links) ist bereits Ruheständler, aber einmal pro Woche kehrt er an seinen ehemaligen Arbeitsplatz zurück, um noch etwas mit anzupacken.

Zwar ist Hiesserich längst Ruheständler, aber jeden Dienstag fährt er von Ütterlingsen nach Dresel, um als Dreher zu arbeiten. Sein Vater, der im Krieg ein Bein verlor, war Pförtner bei Rötelmann und auch zuständig dafür, mit heute antiquiert wirkenden Steckverbindungen Telefongespräche zu vermitteln. „Solche Geschichten machen die Unternehmen in unserer Region aus“, sagt Freitag und staunt.

Firmen-Chef Kirchhoff-Stewens unterstreicht: „Wenn morgen die Firma abbrennt, haben wir noch alle Zeichnungen auf dem Server gesichert. Dann holen wir einen Container und fangen übermorgen wieder an zu arbeiten. Wenn wir morgen aber alle unsere Mitarbeiter verlieren, können wir den Laden dichtmachen.“

Dennoch sei es nicht so, dass es bei Rötelmann keinen Grund zur Klage gebe: „Wir haben ein großes Problem, Facharbeiter zu finden“, schildert Kirchhoff-Stewens. „Deshalb setzen wir stark auf die Ausbildung.“

Enorme Schwierigkeiten bereiteten dem Dreseler Unternehmen die bürokratischen Vorschriften. Kirchhoff-Stewens erzählt: „Wir wollten mal einen Kindergarten hier vor Ort für alle Firmen in Dresel eröffnen, aber das ist an ganz vielen Auflagen gescheitert.“

Überhaupt müsse der Gesetzgeber viel mehr tun für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. „Das ist das größte Problem, das wir heute haben“, betont der Geschäftsführer.

„Und in der Schule muss den Mädchen bereits die Technik schmackhaft gemacht werden“, fordert Kirchhoff-Stewens, damit die Zerspanungsmechanikerin Lana Brinkmann bald eine unter vielen ist.

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