Eröffnet: Das ist das neue Bildungszentrum für Migranten in Werdohl

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Ein Modell einer Zugmaschine dient beim Förderkurs der Tertia an der Neustadtstraße als Anschauungsobjekt für die Osteuropäer, die im Bereich Logistik, Transport und Lagerhaltung Arbeit finden wollen.

Werdohl – Ohne viel Aufhebens wurde am Dienstag das Tertia-Förderzentrum an der Neustadtstraße in den ehemaligen Räumen der Commerzbank eröffnet.

Die schon am alten Standort Eveking begonnenen Kurse und Fördermaßnahmen werden bereits nahtlos in der Stadtmitte weitergeführt. So waren die Kursräume für Kleingruppen und die Büros fürs Einzelcoaching besetzt, als sich Vertragspartner Gerd Konopka vom Jobcenter die renovierte Ex-Bank anschaute. 

Ob der Colsman-Platz direkt gegenüber des Förderzentrums nun ein Brennpunkt für bulgarische Migranten sei oder dieser Begriff zu hoch gehängt ist – das konnte Daniela Niehues als Tertia-Chefin für den Märkischen Kreis nicht sagen. Tatsache sei, dass ein Großteil der Klientel im engsten Umfeld der Stadtmitte wohne. 

Nähe zum Tagelöhner-Markt

In den ersten Wochen der Berufsförderung an der Neustadtstraße seien die Ausbilder und Anleiter der Tertia auf viel Interesse bei bulgarischen Familien gestoßen. Durch die Nähe zum Tagelöhner-Markt und zum Wohnumfeld rund um den Colsman-Platz könne die Tertia besser arbeiten als die drei Jahre zuvor im Versetal. 

Hans-Jürgen Bauer hat den Werdohler Standort aufgebaut, er ist stellvertretetender Niederlassungsleiter der Tertia für den Märkischen Kreis. „Die Menschen, die fragen, ob sie mitmachen können, sind unsere Kundschaft“, sagt er. Im ersten Kontakt werde versucht, einen Beweggrund für das Mitmachen herauszufinden. Die Sprache ist die höchste Hürde. Hat die Person erkennbares Interesse, ihre Lebensumstände verbessern zu wollen, wird sie zum Jobcenter in die Heinrichstraße gelotst. 

Gutschein bei konkretem Interesse

Erkennen die Mitarbeiter dort, dass der EU-Migrant konkretes Interesse hat, bekommt er einen Gutschein. Dieses Papier kann er bei der Tertia einlösen; dafür verpflichtet er sich, ein halbes Jahr in der Regel in Vollzeit die Fördermaßnahme zu besuchen. Für die Bulgaren werden an der Neustadtstraße deutsche Sprache, Lager und Logistik sowie Hauswirtschaft angeboten. In der Küche und im Tagesbistro gibt es Gelegenheit, Service am Tisch im Gastrobereich zu üben. 

Der Eingangsbereich sowie das ganze Förderzentrum befindet sich in der ehemaligen Commerzbank-Filiale. Tertia-Regionalleiter Jörg Siebert aus Düsseldorf (rechts) kam bei der Eröffnung in Kontakt mit Kunden, die im Sauerland leben wollen.

Die Kurse werden von Anleitern und Ausbildern durchgeführt, für die Lebensprobleme ist eine Sozialpädagogin beschäftigt. Bauer erklärt das so: „Durch die stetige und tätige Hilfe unserer Anleiter beim normalen Leben schöpfen unsere Kunden Vertrauen.“ Je mehr Vertrauen entstehe, desto besser funktioniere Integration. 

Anwesenheitsquote liegt bei 91 Prozent

Gerd Konopka und Daniela Niehaus sind sich einig, miteinander gute Partner zu sein. Der Erfolg solcher Maßnahmen sei in Zahlen nur schwer messbar. Beide verweisen auf eine gute Anwesenheitsquote von bis zu 91 Prozent. Bereit für den ersten Arbeitsmarkt seien die Menschen danach sicher noch nicht, wissen die beiden Experten. Allerdings würden viele von ihnen auf den Weg dorthin gebracht. 

Gerade die Bulgaren seien eine sehr spezielle Klientel. Mehr als 320 bulgarische Staatsangehörige leben derzeit in Werdohl, davon wird mehr als die Hälfte vom Jobcenter betreut. Laufend werden es mehr, was vielleicht auch mit dem Angeboten vom Jobcenter und der Tertia zu tun hat. 

Sehr große Familienverbände

„Das spricht sich in den bulgarischen Familien sehr schnell herum“, berichtet Daniela Niehues aus Erfahrung. Gerade die Osteuropäer leben in sehr großen Familienverbänden, was in der sich immer mehr vereinzelnden deutschen Lebenswirklichkeit auf Akzeptanzprobleme stoße. 

Das Tertia-Team unter Niederlassungsleiterin Daniela Niehues (2. von links) und ihrem Stellvertreter Hans-Jürgen Bauer (links) eröffnete gestern gemeinsam mit Jobcenter-Leiter Gerd Konopka (rechts) das Förderzentrum Werdohl an der Neustadtstraße.

Konopka und Niehues sehen sich dabei nicht in der Rolle der Entscheider, sondern der Dienstleister: „Wir setzen hier Arbeitsmarktpolitik um.“ Politisches Ziel sei es, dass alle Zugewanderten so gefördert werden, dass sie für ihren Lebensunterhalt selbst sorgen können. Neben den Angeboten für Osteuropäer und zum sehr kleinen Teil für Flüchtlinge werden an der Neustadtstraße Einzelcoachings im Bereich Büroarbeit und EDV angeboten – das allerdings für Menschen, die arbeitslos sind und sich beruflich weiterbilden wollen. 

Mühe mit Begrifflichkeiten und Zuständigkeiten

Arbeitsagentur, Jobcenter, Rechtskreise, Maßnahmenträger – all das wirkt auf den Menschen mit fester Arbeit wenig transparent. Schon die Betroffenen – Hartz-IV-Empfänger und Arbeitslose – haben Mühe mit den Begrifflichkeiten und Zuständigkeiten. 

Konopka und Maßnahmenträger wie die Tertia sind angetreten, für ihre Kunden das Beste herauszuholen. Beide wissen von dem Vorwurf, dass Maßnahmenträger schlecht qualifiziert und möglichst billig per Ausschreibung eingekauft würden. 2017 neu festgelegte Kriterien erlaubten dem Jobcenter, nicht mehr die günstigsten Anbieter von Fördermaßnahmen nehmen zu müssen. Qualität und Erfahrung der Maßnahmenanbieter würden eine große Rolle spielen. 

Verlässlicher Partner für Werdohl

Konopka ist jedenfalls überzeugt, mit der Tertia für Werdohl einen verlässlichen Partner gefunden zu haben. Die Tertia macht auch Angebote in Iserlohn, Lüdenscheid, Hemer und Plettenberg.

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