Abschied vom Mischsystem?

Entwässerung: Stadt erfüllt lange versäumte Pflicht

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Werdohl – In diesem Punkt hinkt die Stadt Werdohl der gesetzlichen Anforderung weiter hinterher: „Unser aktueller Generalentwässerungsplan – kurz GEP – stammt aus der Mitte der 1980er-Jahre“, sagt Martin Hempel, Leiter der Tiefbauabteilung im Rathaus.

Empfohlen wird dagegen, ein solches Konzept etwa alle zwölf Jahre fortzuschreiben. Mittlerweile hat die Stadtverwaltung die Erneuerung des GEP in Angriff genommen. 

Mit der Rückführung des Sondervermögens Abwasser von den Stadtwerken an die Stadt vor sieben Jahren sei das Thema wieder in den Fokus gerückt, erklärt Hempel, warum der GEP jetzt doch endlich fortgeschrieben werden soll. Früher habe man das großzügiger ausgelegt, aber nun habe die Bezirksregierung der Stadt eine Überarbeitung der Unterlagen doch nahegelegt. 

Daten werden gesammelt

Bereits seit längerer Zeit kümmert sich im Rathaus deshalb die Diplom-Ingenieurin Nina Hoffmann darum, alle relevanten Daten für eine Fortschreibung des GEP zu sammeln. Dazu gehört insbesondere, die Daten des städtischen Kanalnetzes zu aktualisieren, um damit später mit Hilfe eines EDV-Programms hydraulische Berechnungen durchführen zu können. Dafür hat sie rund 4500 Kanalhaltungen, also die Verbindungsstrecken zwischen zwei Kanalschächten, etwa 132 Kilometer Kanalnetz und 47 Betriebspunkte wie Pumpstationen und Regenüberlaufbecken katalogisiert. „Dieser erste Teil der Fortschreibung ist jetzt mehr oder weniger abgeschlossen“, sagt Martin Hempel. 

Bauingenieurin Nina Hoffmann und Tiefbauabteilungsleiter Martin Hempel erläuterten die Aufstellung eines neuen Generalentwässerungsplans für die Stadt Werdohl.

Weiter geht es nun mit Teil zwei: Dabei wird das Kanalnetz virtuell mit Starkregenereignissen belastet. Eine solche Computersimulation könne die Stadtverwaltrung allerdings nicht selbst durchführen, räumt Hempel ein. „Das übersteigt unsere Möglichkeiten.“ Deshalb sucht die Stadt nun nach einem Ingenieurbüro, das solche Berechnungen durchführen kann. Zwischen 80 000 und 100 000 Euro dürfte das kosten. Um das richtige Büro zu finden, hat die Stadt Werdohl einen Teilnahmewettbewerb ausgeschrieben. „Uns geht vor allem darum, ein Büro zu finden, dass genug Leistungsfähigkeit und Erfahrung mitbringt, um die Anforderungen zu erfüllen“, erläutert Hempel. Letztlich sollen drei ausgewählte Büros ihre Angebote abgeben. Bereits Ende März soll das Büro mit dem besten Angebot seine Arbeit aufnehmen. „Wir wollen nämlich möglichst noch in diesem Jahr fertig werden, zumindest soll aber bis zum Jahresende ein Vorwentwurf vorliegen“, drückt Hempel aufs Tempo. 

Bringt neuer Plan auch neue Erkenntnisse?

Und was erhofft sich die Stadt nun vor einem neuen Generalentwässerungsplan, nachdem das Thema rund 30 Jahre so gut wie gar nicht beachtet worden ist? „Wir erhoffen uns zum Beispiel Erkenntnisse darüber, was vielleicht nicht mehr gebaut werden muss“, erklärt Martin Hempel. Der alte Plan habe noch die Errichtung von zwei oder drei Regenüberlaufbecken vorgesehen. Diese Bauwerke, die bei starken Regenfällen einen Teil des Niederschlags aufnehmen und später gedrosselt an die Klärnanlage abgeben sollen, seien bis jetzt aber nicht gebaut worden. Sollten nun die hydraulischen Berechnungen für den neuen GEP zu dem Ergebnis kommen, dass sie auch gar nicht nötig sind, könnte viel Geld gespart werden. „So ein Regenüberlaufbecken kostet schnell mehrere 100 000 Euro“, gibt Hempel zu bedenken. 

Ein weiterer Schwerpunkt des neuen GEP solle eine mögliche Entflechtung des Mischwassersystems sein, erläuterte Hempel weiter. Bei diesem werden Schmutz- und Regenwasser in einem gemeinsamen Kanal an die Kläranlage weitergeleitet. Nachteile des Mischsystems sind, dass sowohl Kanäle als auch Kläranlagen größer dimensioniert werden müssen und dass eigentlich unbelastetes Regenwasser nicht sofort wieder dem natürlichen Wasserkreislauf zugeführt wird. Und: Bei einer Kanalisation im Mischsystem können sehr starke Regenfälle dafür sorgen, dass das Abwasser in die Wohnungen zurückgedrückt wird. 

Mischsystem ist weit verbreitet

In Werdohl ist das Mischsystem weit verbreitet, nur in neuen Baugebieten – beispielsweise Düsternsiepen – ist die Kanalisation im Trennsystem gebaut worden. Martin Hempel glaubt deshalb, dass eine nachträgliche Trennung nur mit hohen Aufwand zu bewerkstelligen sein würde. „In gewachsenen Wohngebieten ist das bestimmt nicht leicht. In der Innenstadt zum Beispiel wäre es gar nicht möglich“, sagt er. 

Aber genau das soll auch in dem neuen Generalentwässerungsplan untersucht werden. „Wir können dann die Weichen für eine Umstellung auf das Trennsystem stellen, wo es geht“, hofft Tiefbau-Chef Hempel.

Ein Generalentwässerungsplan (GEP) stellt das Abwasserkonzept für ein Einzugsgebiet in einer Gemeinde dar. Mit ihm kann eine Gemeinde nachweisen, dass die Abwasserbeseitigung den gesetzlichen Anforderungen entspricht. Der GEP enthält Angaben zur hydraulischen Leistungsfähigkeit der Abwasseranlagen und dient als Grundlage für ein Kanalsanierungskonzept. Er soll außerdem Beispiel die Auswirkungen eines zusätzlichen Neubau- und/oder Gewerbegebietes aufzeigen. Nicht zuletzt ist er auch Planungsgrundlage für einen zukünftigen Ausbau.

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