Real- oder Gesamtschule in Werdohl?

Vor der Entscheidung über die Schulschließung: Das müssen Sie wissen

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Die Mitglieder des Schulausschusses bereiten die Entscheidung über die weiterführenden Schulen vor: Links im Bild die Verwaltung, rechts die CDU-Vertreter, links die von SPD, WBG und FDP, gegenüber der Verwaltung sitzen die drei Schulleitungen.

Werdohl - Anfang Juli wird der Rat darüber entscheiden, ob die Realschule oder die Gesamtschule als einzige weiterführende Schule der Stadt übrig bleibt. Wir haben alle derzeit relevanten Informationen und Überlegungen zusammengetragen, die den Politkern als Grundlage für ihre Entscheidung dienen.

Die Stadt als Schulträger ist in einer Zwangslage. Werdohl hat von der Bezirksregierung Arnsberg den Auftrag bekommen, eine „schulorganisatorische Maßnahme“ für die Sekundarstufe II zu beschließen. Dabei geht es ausschließlich darum, die Realschule oder die Gesamtschule weiter zu führen. In jedem Fall wird die nicht weitergeführte Schule mit den vorhandenen Schülern langsam auslaufen und am Ende geschlossen. Die Idee der Bildung einer Sekundarschule wurde bereits verworfen. Weitere Möglichkeiten hat die Stadt nicht. 

Der Schulausschuss wird in einer weiteren Sitzung mit der Bezirksregierung die Entscheidung vorbereiten. Der Termin steht noch nicht fest. Der Rat wird am 1. Juli beschließen. Was die Politiker dabei bedenken müssen, gibt es hier zusammengefasst: 

Warum muss eine der weiterführenden Schulen geschlossen werden? 

Einziger Grund für diese Entwicklung sind die zu geringen Anmeldezahlen für die Albert-Einstein-Gesamtschule (AEG). Denn in Nordrhein-Westfalen muss eine Gesamtschule grundsätzlich mit vier Klassen pro Jahrgang betrieben werden. Die Bezirksregierung hat mehrere Jahre die zu geringen Anmeldezahlen an der AEG toleriert, jetzt fordert sie von der Stadt als Schulträger Konsequenzen. Über die erforderlichen Zahlen der Vierzügigkeit gibt es derzeit verschiedene Ansichten. Verlässliche Klarheit soll ein Vertreter der Bezirksregierung liefern. 

Welche Zahlen stehen momentan zur Diskussion?

Bei einem Klassenrichtwert von 27 Kindern pro Klasse sind rechnerisch 108 Anmeldungen für vier Klassen nötig. Diese Anmeldezahl wird die AEG in den nächsten Jahren nicht erreichen. Wenn diese Zahl gilt, werden sich die Politiker gegen die Gesamtschule entscheiden. Die andere Rechnung basiert auf Zahlen, die die Bezirksregierung gegenüber der Stadtverwaltung genannt hat. 27 Kinder in drei Eingangsklassen ergibt eine Summe von 81 Kindern. Werden aber 82 oder mehr Kinder angemeldet, müssen vier Klassen gebildet werden: Die Vierzügigkeit wäre erreicht. Die dritte Variante geht so: Liegt das Maximum bei 30 Schülern pro Klasse, würden in diesem Fall 91 Anmeldungen für eine Vierzügigkeit nötig werden. 

Wie sind diese Zahlen zu bewerten? 

Fachbereichsleiter Michael Grabs vertritt die Ansicht, dass eine Anmeldezahl von mehr als 81 ausreichend sei. Diese Information von der Bezirksregierung hält Grabs für „100 Prozent belastbar.“ Die Politiker wollen aber aus dem Munde eines Vertreters der Bezirksregierung wissen, von welcher Schülerzahl sie ihre Entscheidung für oder gegen die Gesamtschule abhängig machen müssen. 

Falls die Realschule weitergeführt wird, was würde sich ändern? 

Michael Grabs erklärte den Politikern, dass sich die Realschule in jedem Fall stark verändern werde. Bislang wurde sie von den Eltern wegen des Halbtagsangebots, der Nähe zur Innenstadt und ihrer Überschaubarkeit geschätzt. Die meisten Punkte könnten wegfallen: Werde die Auflösung der Gesamtschule beschlossen, würde die aktuell in den Eingangsklassen zweizügige Realschule auf das Doppelte anwachsen. Dazu müsse sie alle Inklusionsschüler aufnehmen, die derzeit auf beide Schulen verteilt sind. Die zukünftige Realschule werde auch den Hauptschulabschluss anbieten müssen. Aufgrund der fehlenden Mensa könne am Köstersberg kein Ganztagsunterricht angeboten werden, was eine Entscheidung über den Standort nach sich ziehen müsse. Denkbar ist ein Halbtagsbetrieb und zusätzlich die Bildung einer offenen Ganztagsbetreuung OGS. 

Was würde sich bei der Gesamtschule im Falle einer Weiterführung ändern? 

Bei Weiterführung der AEG am Riesei kämen nicht viele Veränderungen auf die Schule zu, sagte Schulleiter Stocks. „Wir sind schon immer Schule der Bildungsvielfalt gewesen und werden es auch weiter sein.“ An der AEG gebe es an drei Tagen in der Woche Ganztagsunterricht, an zwei Tagen könnten die Schüler um 12.15 Uhr nach Hause gehen. 

Wie positionieren sich die vier Ratsfraktionen in der Schuldebatte?

Die SPD hatte sich bereits vor der Schulausschusssitzung festgelegt, sie wird in jedem Fall für die Weiterführung der Gesamtschule stimmen. Dafür handelte sich vor allem Fraktionsvorsitzender Wilhelm Jansen Kritik von den anderen Fraktionen ein. Weil sich Jansen als Ausschussvorsitzender einigermaßen neutal verhalten muss, äußerte er sich nicht direkt zu den Vorwürfen. Die SPD-Fraktion hätte lieber später als Juli abgestimmt und auch Elternvertreter eingeladen. Diese Vorschläge wurden abgelehnt. Die WBG erklärte als einzige der vier Fraktionen, auf der Stelle abstimmen zu können. Sie bräuchte keine weiteren Informationen, den Eltern schulde man eine rasche Entscheidung. In der Vergangenheit hatte sich die WBG tendenziell eher für die Realschule ausgesprochen. Notfalls müsse man das Abitur aufgeben, hieß es damals.

Einen Fraktionszwang gibt es bei der WBG nicht. FDP-Sprecher Hermes ließ durchblicken, dass er sich bei einer Anmeldezahl von 108 gegen die Gesamtschule entschieden hätte. Die FDP werde jetzt die Informationen der Bezirksregierung als Grundlage für die Entscheidung nehmen: Die Zahl 82 sei eine neue, wichtige Information. Die CDU-Fraktion wird letztlich aufgrund der Mehrheitsverhältnisse im Rat den Ausschlag geben. Die Christdemokraten werden ihre Entscheidung vom Votum der Bezirksregierung abhängig machen. Die CDU sieht es als hoch risikoreich an, sich für die Gesamtschule zu entscheiden und dann nicht die von der Bezirksregierung geforderte Zahl von Anmeldungen zu erreichen. 

Welchen Standpunkt vertritt die Bürgermeisterin?

Von Bürgermeisterin Silvia Voßloh war in der Schuldebatte nichts zu erfahren. Sie ist kein offizielles Mitglied im Schulausschuss, hat aber als Bürgermeisterin uneingeschränktes Rederecht. Voßloh führte im Schulausschuss lediglich die Rednerliste, für die Verwaltung sprach ausschließlich Fachbereichsleiter Michael Grabs.

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