Endlich wieder frei von Sorgen genießen

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Gemüsehändler Mehmet Sahen kann aufatmen. ▪

WERDOHL ▪ Endlich kann Mehmet Sahen wieder ruhig schlafen. Der türkische Gemüsehändler hat in den vergangenen Wochen kaum ein Auge zu bekommen. Die Sorgen um den Darmkeim EHEC bedrohten seine Existenz. Niemand wollte Gemüse kaufen. „Wir haben in den ersten Tagen kistenweise Gurken und Tomaten weg geschmissen“, erinnert er sich. Das ist nun vorbei. Seit der Entwarnung des Gesundheitsministeriums kann er die Nachfrage kaum stillen. An seinem Marktstand herrschte am Donnerstag reger Betrieb.

„Ich habe so lange kein frisches Gemüse gegessen. Jetzt kaufe ich erst einmal wieder richtig ein. Ich bin froh, dass der Auslöser endlich gefunden wurde“, freut sich Helga Diemel. Normalerweise habe sie jeden Donnerstag am Stand von Mehmet Sahen Tomaten, Gurken und anderes Gemüse gekauft. „Ich weiß, dass das Gemüse hier frisch ist, aber da niemand wusste, woher die Keime kommen, war ich vorsichtig und habe auf den Verzehr verzichtet“, berichtet die Rentnerin. So wie sie haben viele gedacht. Das weiß auch der Gemüsehändler: „Die Kunden sind gekommen und haben mir gesagt, dass sie mir grundsätzlich vertrauen und ich das nicht persönlich nehmen solle. Aber das half mir natürlich gar nicht.“ Selbstverständlich habe er sich auf die Situation eingestellt und morgens weniger im Großhandel eingekauft. „Dort wurden Tonnen von Gemüse vernichtet, das konnte ich mir kaum mit anschauen“, erzählt er. Er sei froh, dass er auch noch Obst verkaufe. Denn, so Sahen: „Die reinen Gemüsehändler haben ernsthafte Existenzsorgen.“ Das Geschäft laufe nun zwar sehr gut, da die Menschen noch mehr Hunger auf frische Gurken und Tomaten hätten, doch seien die Einbußen so groß, dass sie nicht so leicht wieder auszugleichen seien. Hinzu käme, dass am Monatsende die Kaufkraft deutlich rückläufig sei. „In unserer Bilanz ist EHEC deutlich zu erkennen. Es ist erschreckend, wie schnell ein vermeidlich sicheres Geschäft ins Wanken gerät.“ Solche Krisen kenne man bisher eher von Fleisch oder sonstigen Tierprodukten. Kritisch sieht der Markthändler auch das Verhalten der Medien: „Das Thema wurde streckenweise unnötig hochgekocht. Eine regelrechte Panik wurde verbreitet.“ Kundin Senal Taplac sieht das ganz anders: „Ich finde es richtig, dass in den Medien gewarnt wurde. Schließlich wusste niemand woher die Keime kamen. Besser eine Warnung zu viel, als noch mehr Opfer. Wer weiß, wie sich die Krankheit ausgebreitet hätte.“ Dennoch habe sie durchaus Verständnis für die Gemüsehändler. Schließlich hänge ihre Existenz am Verkauf. Sie fordert daher die Regierung auf, den Händlern eine Entschädigung zu zahlen, so wie es auch im Seuchenfall für Tierhalter geschehe.

Mehmet Sahen kann seiner Stammkundin nur zustimmen. „So einen Fall hat es noch nie gegeben. Es gibt für Tierhalter eine Tierseuchenersatzkasse. Aber auch wir brauchen nach dieser Krise staatliche Hilfe.“

Es gibt aber auch Kunden, die haben sich von EHEC wenig beeindrucken lassen: „Ich habe ganz normal weiter gegessen. Was soll ich denn sonst noch essen, irgendwie ist doch in allen Produkten etwas schädliches enthalten. Das eine ist krebserregend, anderes macht Darmprobleme. Nein, ich lasse mir den Genuss nicht nehmen“, erzählt Renate Dreisbach. Und freut sich: „So günstig konnte ich Gurken und Tomaten schon lange nicht mehr kaufen.“

Lydia Machelett

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