Lovestory mit Hindernissen: Von Istanbul nach Ütterlingsen

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Derya und Ender Can haben sich eine kleine Wohnung in Ütterlingsen eingerichtet, die Wohnzimmermöbel sind aus der Türkei mit dem Lastwagen gebracht worden. Derya übt auf der Saz, ihr Mann Ender hört ihr zu. Ender ist der Liebe wegen von Istanbul nach Werdohl übergesiedelt.

Werdohl - Bei Derya Can, geborene Bulut, ist vieles anders als bei anderen türkischstämmigen Werdohlerinnen. „Deutsch ist meine Muttersprache“, sagt die 26-Jährige aus Ütterlingsen. „Schließlich bin ich hier geboren und aufgewachsen.“ Das kann man über ihren Mann Ender Can nicht sagen, der 28-Jährige spricht kaum Deutsch, er ist aus einer begüterten Istanbuler Familie nach Werdohl zu seiner Frau gezogen.

Die beiden hatten sich schon als Jugendliche ineinander verliebt und heirateten erst zehn Jahre nach ihrem ersten Kennenlernen. Für drei Monate lebten die beiden sogar in Istanbul, doch Derya wollte der Arbeit wegen zurück in ihre Heimat. Ihr Leben mit Beruf, Familie und Freunden in Werdohl waren ihr wichtiger. Jetzt managt sie in Werdohl das Leben ihres Mannes, der unbedingt besser Deutsch lernen müsste.

Die beiden jungen Leute wirken offen und sympathisch, der Besuch in der kleinen Wohnung an der Ütterlingser Straße wird zu einem weiteren Erlebnis herzlicher türkischer Gastfreundschaft. Beim Besuch setzt sich die sehr selbstbewusste 26-Jährige dem Interviewer gegenüber und ist ganz bestimmt darin, was sie an diesem Abend über sich und ihre Ehe vermitteln möchte.

Nebenbei stellt Ender Can immer mehr Süßigkeiten, Knabbereien und Getränke auf den Couchtisch, viel mehr, als wir drei an diesem Abend essen können. Der junge Mann war in Istanbul Automechaniker und Autohändler sowie Organisator für Veranstaltungen in den elterlichen Restaurants.

Familie ist das Wichtigste

Derya ist das zweitälteste von fünf Geschwistern. Ihre Eltern wurden in der Türkei geboren, kamen aber schon im Kindesalter nach Deutschland. Deryas Mutter ist Werdohlerin, ihr Vater stammt aus Ahlen im Münsterland. Auch in dieser Ehe folgte der Mann seiner Frau nach Werdohl und gründete hier seine eigene Familie mit fünf Kindern. Vater Bulut hat fünf Geschwister, Mutter Bulut sogar sieben. Deryas Eltern wohnen heute noch in Ütterlingsen, schräg gegenüber. Auch Opa Bulut lebt hier. Familie ist das Wichtigste, meint Derya Can.

Selbstbestimmung als Frau ist ein ganz großes Thema für die 26-jährige Deutsche. „Ich habe meine Mama und meinen Papa gefragt, ob das bei ihnen eine Zwangsheirat war.“ Es war keine, weiß sie. Mutter Bulut war jedenfalls noch minderjährig, als sie sich in ihren sechs Jahre älteren Mann verliebte. „Das ist nicht üblich, denn auch heute noch bestimmt häufig der Vater, wen die Tochter heiraten soll“, weiß Derya. Häufig werde von den jungen Leuten eingewilligt, weil die Hochzeit eine Loslösung vom Elternhaus verspreche.

Bei Derya und Ender war es Liebe

„Bei uns war es nur die Liebe“, sagt Derya und schaut ihren Mann Ender an. Bis die beiden allerdings gemeinsam in Ütterlingsen leben konnten, hatten sie viel mehr Schwierigkeiten zu überwinden als ihre Eltern. Auch das ist eher untypisch.

Die Geschichte dieser Liebe über Grenzen hinweg klingt hoffnungslos romantisch: Derya war als 14-Jährige mit ihrer Familie im Sommerurlaub in der Türkei. Freunde von Freunden eines Onkels kamen aus Istanbul ins Ferienhaus am Meer, darunter der damals 16 Jahre alte Ender. „Er hat mich gesehen und hat sich total in mich verliebt“, übersetzt Derya ihren Ehemann, der lediglich ein paar Brocken Deutsch spricht. Die beiden tauschen zärtliche Blicke aus.

Der Sommerurlaub war zu Ende, Derya und ihre Familie flogen zurück nach Werdohl. Die beiden Teenager schmachteten sich weiter aus der Ferne an. „Wir hatten immer ganz viel Sehnsucht nacheinander“, erzählt Derya. WhatsApp gab es damals noch nicht, also chatteten die beiden über ein heute vergessenes Internetportal. „Ich habe ganz lange meinen Eltern gar nicht erzählt, dass ich mich in einen Jungen aus Istanbul verliebt hatte“, sagt Derya. Über Jahre sahen sich die beiden nur in den Ferien oder zu familiären Anlässen. Aus der Schwärmerei wurde eine Fernbeziehung, die die beiden Jugendlichen auf eine harte Probe stellte. Als sich beide sicher waren, dass es ernst war miteinander, sagten sie es den Eltern.

In Istanbul Hochzeit mit Ender gefeiert

Derya hatte nach der katholischen Grundschule in Werdohl die Gesamtschule besucht, nach der zehnten Klasse wechselte sie zur Berufsschule nach Plettenberg. Nebenbei arbeitete sie als Aushilfe im Nachbarschaftshilfezentrum in Ütterlingsen, machte später ein Praktikumsjahr im Krankenhaus. Nach der Schule absolvierte sie eine Ausbildung zur zahnmedizinischen Fachangestellten. Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit sind der jungen Frau sehr wichtig: „2015 hatte ich meine Ausbildung fertig und habe auch noch meinen Führerschein gemacht. Erst danach bin ich nach Istanbul geflogen und habe mit Ender Hochzeit gefeiert.“

Vorher machte das bereits standesamtlich verheiratete Paar erste Erfahrungen mit der deutschen Bürokratie. Ender wollte zu Polterfeier und Hennafeier seiner deutschen Frau nach Werdohl kommen, die Behörden vermuteten aber eine versteckte Ehegattenzusammenführung und verweigerten die Einreise. Derya ist noch heute empört: „Ich hatte für ihn extra nur ein Gastvisum gestellt, wir hatten damals ja nicht vor, in Werdohl zu leben.“

Derya und Ender Can betonen ihre Gemeinsamkeit mit dem Namen "Enderya".


Zehn Jahre hatte sie darauf gewartet, endlich mit ihrem geliebten Ender für immer zusammen sein zu dürfen. Notfalls auch in Istanbul. Eigentlich habe sie Werdohl nicht verlassen wollen, erzählt sie mit ernstem Gesicht: „Hier war und ist alles, mein Leben, meine Familie, meine Heimat.“ Dennoch folgte sie ihrem Herzen und den Traditionen, brach ihre Zelte in Werdohl ab, besorgte sich ein Touristenvisum für die Türkei und flog in die Heimat ihres Mannes.

Istanbul ist eine geschichtsträchtige Stadt am Bosporus an der Grenze zu Asien mit fast 15 Millionen Menschen. Zahnarzthelferin Derya aus Ütterlingsen musste sich dort einfinden. Zur Hochzeitsfeier kamen „nur“ 600 Leute, weil die Hälfte der Verwandtschaft in Deutschland lebte oder in Ferien war. Ender Can ist in einer wohlhabenden Familie in Istanbul aufgewachsen. Geld war kein Thema für die beiden. Weil sich Derya nicht sicher war, wie es weitergehen würde, zog das frisch verheiratete Paar bei den Eltern Can ein. Auch das ist absolut untypisch für die meisten jungen Türken. Mit der Hochzeit beginnt man sein eigenes Leben in der eigenen Wohnung.

Drei Monate Urlaub in Istanbul

Familie Can versorgte die junge Schwiegertochter aus Deutschland mit allem. Derya sagt später, dass sie in Istanbul drei Monate Urlaub gemacht habe. Sie hätte dort zwar auch als Zahnarzthelferin arbeiten können, aber sie habe bewusst Land und Leute kennen lernen wollen. „Ich wollte mich in der Türkei integrieren“, sagt sie nachdenklich. Sie habe sehr viele kulturelle Unterschiede wahrgenommen zwischen ihrer Heimat Deutschland und der Türkei. Und auch die Größe der Stadt war beeindruckend. „Allein der Verkehr...“, sagt sie achselzuckend.

Letztlich habe sie aber ausschließlich das sehr gute Arbeitsangebot bei einem Pflegedienst in Deutschland zur Rückkehr bewogen. „Ich habe mich in Istanbul schon zurecht gefunden, aber die Arbeit hatte für mich oberste Priorität“, sagt sie sehr bestimmt.

Vater Can machte den Weg frei nach Deutschland, er habe seinen Sohn beiseite genommen und ihm geraten, es seiner Frau zuliebe in Werdohl zu versuchen. Während Derya wieder nach Werdohl zog, bei dem Pflegedienst die Arbeit aufnahm und eine kleine Wohnung an der Ütterlingser Straße anmietete, stellte sich Enders Leben auf den Kopf. Der junge Mann belegte einen privaten Deutschkurs in Istanbul, der aber für ein Visum nicht anerkannt war. Die Sprachfähigkeit A1 ist Voraussetzung für ein Visum. Derya flog wieder in die Türkei, meldete ihren Mann bei einem anerkannten Sprachkurs an und half ihm auf die Sprünge.

Ender baute derweil sein Leben in Deutschland aus der Ferne auf: Er schickte Möbel für die neue Wohnungseinrichtung nach Ütterlingsen. Endlich hatte Ender den A1-Nachweis, um erst einmal ein begrenztes Visum für Deutschland zu bekommen. Mit der Ausländerbehörde beim Kreis trug Derya einen Kampf aus. Die jetzt tatsächlich gewünschte Ehegattenzusammenführung wurde verweigert, obwohl alle Voraussetzungen dafür vorlagen. Die Behörde entschuldigte sich später für Fehler, die Aufenthaltsgenehmigung kam auf einmal ganz schnell. „Das hat mich alles trotz der Entschuldigung total geärgert“, sagt die wortgewandte junge Frau. „Uns wurde eine Scheinehe unterstellt, das war verletzend. Ich fühlte mich herabgewürdigt, obwohl ich doch Deutsche bin und alles nach deutschem Recht gemacht habe.“

Bangen und Warten in Istanbul

Nach all dem Bangen und Warten konnte Ender Can im Februar 2016 legal einreisen. Acht Monate arbeitete er auf verschiedenen Baustellen. „Das war auch sehr blöd, wir haben uns nur am Wochenende gesehen“, war das junge Paar auch nicht glücklich. Ender musste Geld für seinen VHS-Sprachkurs verdienen. Im Dezember 2016 durfte Ender den Kurs beginnen, mehrere hundert Stunden über zehn Monate lernte er Deutsch. 

Jetzt schaltet sich der junge Mann ins Gespräch ein. Trotz aller Anstrengungen sei es letztlich zu schwer für ihn gewesen. Er hat nur die A2-Prüfung geschafft. Die für ein dauerhaftes Bleiberecht nötige B1-Prüfung fehlt ihm. Nach den Monaten bei der VHS wollte Ender endlich Geld verdienen, um seiner Frau nicht ständig auf der Tasche zu liegen und als Partner zum gemeinsamen Haushalt beizutragen. Nach einer Episode bei einer Firma mit einem unfreundlichen türkischen Chef sei er jetzt bei einer tollen Firma untergekommen. Seit Juli 2018 arbeitet er bei Ricken Spaltband am Kettling.

Ender spricht trotz VHS-Kurs kaum Deutsch

Sein schlechtes Deutsch ist allerdings für beide ein Problem. Derya: „Wenn er wenigstens ein paar ordentliche Sätze könnte.“ Ender lächelt freundlich, findet es aber auch sehr schwer, neben seiner Arbeit wieder qualifiziertes Deutsch zu lernen. Vielleicht gebe es ja auch eine Unterstützung: „Wir haben bislang alles selbst bezahlt und aus eigener Kraft geschafft. Wir haben noch nie staatliche Hilfe in Anspruch genommen.“

Im Moment sind beide glücklich und stolz, so weit gekommen zu sein. Das Ziel, für Ender eine unbegrenzte Aufenthaltserlaubnis zu bekommen, steht noch auf der Wunschliste. Ender Cans Aufenthaltstitel wird Jahr für Jahr verlängert, die Unsicherheit bleibt. Derya: „Er hat schon oft Tränen in den Augen, weil es so schwer für ihn war.“ Aber sie wollen vorankommen in ihrem Leben, das geht ohne Sprache nicht. Ender möchte gerne eine Berufsschule besuchen und dort gleichzeitig Deutsch lernen.

Derya ist stolz auf ihren Mann: „Er hat für uns gekocht und geputzt, wenn ich arbeiten war.“ Und dann übersetzt sie ganz wunderbar aus dem Türkischen eins zu eins ins Deutsche: „Das bringt Frieden in unsere Wohnung. Das ist, was ich fühle.“ Ender lässt sich übersetzen: „Wir halten einfach fest zusammen. Das sollte doch in jeder Ehe so sein.“

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